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Fokus Osteuropa

Eigenwilliger Umgang Moskaus mit Kriegerdenkmälern

Während der Streit um die Verlegung des sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn eskaliert, verschweigen russische Medien, dass vor kurzem nahe Moskau ein Kriegerdenkmal aus ungeklärten Gründen abgetragen wurde.

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Das sowjetische Kriegerdenkmal in Tallinn vor seiner Verlegung

Mitarbeiter der estnischen Botschaft und deren Familienangehörige sind am 2. Mai aus Moskau evakuiert worden – wegen der Blockade der diplomatischen Vertretung durch Vertreter von Jugendorganisationen, die dem Kreml nahe stehen. Während der Skandal um die Verlegung des sowjetischen Kriegerdenkmals in Tallinn eskaliert, verschweigen die offiziellen russischen Medien eine andere skandalöse Grabverlegung – und das nicht im Ausland, sondern wenige Dutzende Kilometer vom Kreml entfernt.

In Chimki bei Moskau wurde Mitte April ein sowjetisches Kriegerdenkmal abgebaut. Die Gräber der sechs im Zweiten Weltkrieg gefallenen Flieger wurden Augenzeugen zufolge geöffnet, wobei die sterblichen Überreste einfach mit eine Planierraupe aus der Erde herausgehoben wurden. Letztendlich seien einige Knochenteile in der Grube zurückgeblieben.

Keine klare Begründung

Nach Angaben der Behörden in Chimki sollen die sterblichen Überreste der Flieger am 6. Mai auf dem Nowoluschenskij-Friedhof im Stadtzentrum umgebettet werden. Vertreter der lokalen Behörden geben unterschiedliche Antworten auf die Frage, warum die Gräber verlegt werden. Die Gräber befanden sich an der Leningrader-Chaussee.

Die Nähe zur belebten Trasse und einem Betrieb stelle angeblich einen Verstoß gegen die sanitären Normen dar. Danach hieß es, der Ort, an dem sich die Gedenkstätte befunden habe, habe sich zu einem Treffpunkt von Prostituierten entwickelt. Und der Gouverneur des Gebiets Moskau, Boris Gromow, erklärte später, die Verlegung der Gräber sei wegen des Ausbaus der Leningrader-Chaussee notwendig geworden.

Geschäftsinteressen vermutet

Vertreter der Öffentlichkeit ließen inzwischen wissen, nachdem sie sich mit dem Fall genauer befasst hatten, dass alle genannten Begründungen erfunden seien. Einer der Vorsitzenden der gesellschaftlichen Bewegung "Gesunder Menschenverstand für Russland", Nikolaj Moskowtschenko ist überzeugt, dass sich hinter dem skandalösen Beschluss pure Geschäftsinteressen verbergen:

"Natürlich sind es Geschäftsinteressen, keine Prostituierten, von denen die Behörden in Chimki gesprochen haben. Sie reden jetzt schon weniger von Prostituierten und mehr von der Verbreitung der Leningrader-Chaussee. Aber bis zu den Gräbern sind es 70 Meter! Wie breit soll denn die Straße werden? Da kann man 15 Fahrstreifen in beide Richtungen bauen. Die Argumente sind untragbar."

Rechtliche Grundlage fehlt

Moskowtschenko zufolge ist der Beschluss über die Verlegung der Gräber menschenverachtend und macht folgendes deutlich: "Die Städte Chimki und Tallinn sind Leidensgenossen, aufgrund der Gesetzlosigkeit, die man zugelassen hat. Wie kann man nach so etwas Estland noch irgendetwas vorwerfen?" Das seien die ethischen Aspekte.

Aus rechtlicher Sicht sei die Verlegung der Gräber nicht legitim, meint Moskowtschenko: "Um die Kriegergräber zu verlegen, muss ein Gerichtsbeschluss vorliegen. In Tallin wurde wenigstens ein Gesetz über die Verlegung und den Abbau des Denkmals verabschiedet. Einen Gerichts- oder Verwaltungsbeschluss gibt es in Chimki nicht. Sie wussten, dass kein Gericht so etwas billigen wird."

Deswegen, so Moskowtschenko, habe man den lokalen Abgeordnetenrat von Chimki entscheiden lassen. Als man aber gemerkt habe, dass dies unzureichend sei, habe man versucht, die Nachfahren der Toten herauszufinden. Benachrichtigt worden seien aber nur die Angehörigen von zwei der sechs Toten. Moskowtschenko unterstrich: "Man braucht aber die Zustimmung aller Angehörigen und einen Gerichtsbeschluss. Und dies alles liegt nicht vor."

Viacheslav Yurin
DW-RADIO/Russisch, 2.5.2007, Fokus Ost-Südost