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Kultur

Eigenwilliger Übersetzer und Autor - zum Tode Harry Rowohlts

Wie ihn gab es keinen zweiten in der deutschen Literaturlandschaft. Schon rein äußerlich war Harry Rowohlt eine Erscheinung. Und er hatte viele Talente: Eines davon war eben auch der öffentliche Auftritt.

Wer ihn einmal live erleben durfte, der hat ihn wohl auch nicht mehr vergessen. Da kam ein großer, schwerer Mann auf die Bühne, meist in Schwarz gekleidet, Nickelbrille und langes Haar, dazu einen Vollbart, bei dem der Zusatz "voll" untertrieben schien. Wenn Harry Rowohlt dann den Mund aufmachte, hörte das Publikum eine tiefe, raue Stimme, oft knurrig, immer brummelig. Seine Lesungen dauerten manchmal fünf, sechs Stunden.

Bekennender Whiskey-Fan

Und es wurde ja nicht nur gelesen und vorgetragen bei den Auftritten Rowohlts. Auch getrunken. Aus seiner Liebe für alkoholische Getränke, vor allem für guten Whiskey, machte der Autor und Übersetzer keinen Hehl - auch und wohl erst recht nicht auf der Bühne. Später wurde ihm gar der Preis "Ambassador of Irish Whiskey" verliehen, der ihm neben all den Auszeichnungen, die er in seinem Leben erhalten hat, der liebste gewesen sein dürfte.

80. Jahrestag der Bücherverbrennung (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Verwandelte jede Lesung und jeden Auftritt in ein Ereignis

Dabei war der 1945 geborene Rowohlt kein Mann des Spektakels und der hohlen Geste. Was er sagte und vorlas, rezitierte und erläuterte, hatte stets Hand und Fuß. Der schwergewichtige Mann war ein Geistesmensch und einer des Intellekts, aber kein Intellektueller. Er war klug und witzig, aber kein Possenreißer. Rowohlt kannte sich aus in der Literatur, er war ein begnadeter Übersetzer und ein feinsinniger, ungemein ironischer Autor.

Sohn einer Verleger-Dynastie

Man könnte sagen, seine Eltern hätten ihm diese Fähigkeiten und Talente in die Wiege gelegt: Sein Vater war der große Verleger Ernst Rowohlt, seine Mutter Maria Pierenkämper, eine Schauspielerin. Aber Gene hin oder her, wer weiß das schon, schließlich gibt es genügend Beispiele für Kinder künstlerisch begabter Eltern, die einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben.

In der Lehre bei der Konkurrenz

Harry Rowohlt hatte ja auch relativ schnell erkannt, dass ihm nichts daran lag, ganz bestimmte Fähigkeiten seines Vaters auszubauen, dass er nicht in die Fußstapfen der großen Verlegerpersönlichkeit treten konnte, vermutlich, weil er es auch gar nicht wollte. Den Anfang dazu hatte er aber gemacht: Zunächst ging er in die Lehre bei der Konkurrenz, beim ehrwürdigen Suhrkamp-Verlag. Danach folgte das Volontariat im "Familienbetrieb", der zu dieser Zeit von seinem Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt geleitet wurde. Auch in New York sammelte der junge Rowohlt Verlagserfahrungen.

Deutschland Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt (Foto: Rolf Vennenbernd dpa/lnw)

Mann mit Mütze und Vollbart: Harry Rowohlt

Doch all das war nicht sein Ding. In den frühen 1970er Jahren wandte er sich dem Handwerk des Übersetzens zu. Das wurde zu seinem Ding. Bei einem anderen hätte man jetzt vermutlich gesagt: Er wurde in den nächsten Jahrzehnten zu einem der deutschen Starübersetzer. Doch Harry Rowohlt war alles andere als ein Star. Er war vielmehr ein Eigenbrötler, der nur das machen wollte (und es sich finanziell auch leisten konnte), wozu er Lust hatte.

Start mit A.S.Neill

Lust hatte er zunächst einmal am Übersetzen des Kinderbuchklassikers "Die grüne Wolke" des englischen Reformpädagogen A.S. Neill. Das gelang ausgezeichnet. Wer mit diesem Buch seine ersten ernsten Leseerfahrungen gemacht hat, - und der Verfasser dieser Zeilen tat genau das -, der hatte schon einmal einen ausgezeichneten Start ins Leseleben: Harry Rowohlt sei Dank!

Harry Rowohlt (Foto: Florian Kleinschmidt dpa/lbn)

Individuum mit Stil: Harry Rowohlt wurde 70 Jahre alt

In der Folge etablierte sich der Verlegersohn als Übersetzer englischer, amerikanischer und vor allem irischer Literatur. Das Verlegen von Büchern überließ er anderen. 1982 verkaufte er seine geerbten Anteile am Verlag der Familie an den Holtzbrinck-Konzern. Nun hatte er freie Fahrt: fürs Übersetzen, fürs Schreiben, fürs Auftreten.

Klassiker "Pu der Bär"

Zu den Schmuckstücken in seiner Vita gehörte dann vor allem die Übersetzung des Kinderbuchklassikers "Pu der Bär" von Alan Alexander Milne. Das Buch verkaufte sich zeitweise wie geschnitten Brot. Einen "Bären" nannte man dann auch den fleißigen schwergewichtigen Bartträger Harry Rowohlt in der Folge in ganz Deutschland. Noch populärer wurde der Spitzname, als Rowohlt ab 1998 unter dem Titel "Pooh‘s Corner" Kolumnen für die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb. Da nahm er kein Blatt vor den Mund, kommentierte präzise und immer witzig und ironisch, was ihm gerade durch den Kopf ging.

TV-Karriere per Zufall

Rowohlt wurde Kult. Bis zum März 2013 betrieb er diese kleine, aber feine literarische Ecke in der Zeitung. Da war er schon lange berühmt - auch bei einem Publikum, das eher selten in ein Buch oder die Zeitung schaute. Was aber vor allem mit einem Zufall zusammenhing: Als er irgendwann einmal von einem Life Style-Magazin angesprochen wurde, ob er denn nicht Lust habe in einem Restaurant seiner Wahl zu einem Interview zu kommen, da lehnte er den Vorschlag zunächst einmal brüsk ab.

Hans W. Geißendörfer (FotO. dpa)

Holte ihn zur Lindenstraße: Hans W. Geißendörfer

Interviews mochte Harry Rowohlt nicht. Und als Prominenter in einem Genuss-Magazin zu erscheinen, war auch nicht unbedingt sein Ziel. Doch aus dem Gespräch ergab sich etwas ganz anderes. Seine Frau habe ihn damals darauf hingewiesen, er solle doch für das Interview das fiktive griechische Restaurant "Akropolis" aus der TV-Serie Lindenstraße angeben, erzählte Harry Rowohlt später. Regisseur und Lindenstraße-Produzent Hans W. Geißendörfer hörte von diesem Vorschlag und ermunterte Rowohlt daraufhin zu einem Auftritt in seiner Serie.

Harry Rowohlts Bedingung war so unkonventionell wie passend: wenn Schauspieler, dann nur als Obdachloser! Das sollte Folgen haben. In der "Lindenstraße" hatte der Mann der Literatur in den nächsten Jahren zahlreiche Auftritte als "Penner Harry". "Penner" seien die einzige Randgruppe in der Serie, die immer stiefmütterlich behandelt worden sei, begründete der Nebenbei-Schauspieler später seine Mitarbeit in der TV-Dauerserie.

In Erinnerung bleiben wird Harry Rowohlt aber vor allem als Übersetzer und Rezitator. Dabei war er nicht immer unumstritten. Seine Übertragungen aus dem Englischen waren manchen Lesern und Experten zu frei, zu wenig am Original orientiert. Doch Bücher wie Frank McCourts phantastischer Erinnerungsband "Die Asche meiner Mutter" hat er kongenial übersetzt. Seinen erklärten Lieblingsschriftsteller Flann O'Brien sowieso. Dazu literarische Giganten wie Ernest Hemingway, James Joyce, Padgett Powell oder Dylan Thomas.

Ein eigenwilliger Charakter

In Erinnerung bleiben wird auch sein unkonventioneller Gesamtauftritt. Gerade in heutigen Zeiten kann man sich ja mal vergegenwärtigen, wie man sich auch in kulturellen Kreisen nur mit Beharrlichkeit und geistiger Arbeit durchsetzen kann. Harry Rowohlt war diesbezüglich ein Vorbild. Es ist ihm zu wünschen, dass er auf der "grünen Wolke", auf der er vermutlich jetzt seine Kreise zieht, viele gute Bücher dabei hat - und einen ordentliche Vorrat an hervorragendem, gut gelagerten Whiskey.

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