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Eigentlich

Es kann als Adjektiv gebraucht werden, hat aber auch adverbiale Bedeutung und ist eben nicht zuletzt zu diesen Partikeln zu rechnen, die tatsächlich Abtönungspartikel heißen. Eigentlich ganz einfach also!‎

Schon seit geraumer Zeit sind reinweiße Innenwände in Privatwohnungen out. Hat man nicht mehr. Wer auf sich hält und gar ein Speisezimmer hat, wird es im "mediterranen Flair" halten und warme Töne ins spröde Weiß mischen. Die ganz individuell hergestellte Farbkreation wird dann mittels Wischtechnik oder sonst wie aufgebracht und schon trägt die Wand zu dem bei, was so vorschnell Ambiente genannt wird. Ob Ocker oder verspieltes Rosa, ob Blau im Bad oder Grün für den Wintergartenbereich – Abtönen heißt die Devise.

Mehr Farbe

Das Stichwort dieser Woche hat in der Tat mit Abtönung, ja sogar mit Abtönungspartikeln zu tun. Es kann als Adjektiv gebraucht werden, hat aber auch adverbiale Bedeutung und ist eben nicht zuletzt zu diesen Partikeln zu rechnen, die – das ist ein Fachbegriff – tatsächlich Abtönungspartikel heißen.

Wir streifen da ein recht kompliziertes und schwer zu durchschauendes Kapitel der deutschen Sprache, aber vielleicht können wir es ein wenig verständlicher machen. Und jetzt nennen wir das Abtönungspartikel und Stichwort beim Namen. Es heißt "Eigentlich".

Wir alle kennen es, gebrauchen es und wissen eigentlich ziemlich genau, was es bedeutet.

Eigentlich ganz einfach ...

Eigentlich schon. Oder? Tasten wir uns heran. Eigentlich in der Funktion eines Adjektivs im folgenden Beispiel: "Der eigentliche Name des Mädchens lautet Susanne und nicht Susi". Eigentlich hat hier die Bedeutung von wirklich, tatsächlich.

Der eigentliche Sinn eines Wortes ist der ihm zugrunde liegende, ursprüngliche, niemals der übertragene. Und was ist das Zugrunde-Liegende? Das Wesentliche? Richtig. Das Eigentliche. So ganz nebenbei sind wir da auf den substantivischen Gebrauch von eigentlich gestoßen. Hatten wir eigentlich gar nicht vor.

Ein Hauch von Abtönung

Eigentlich im adverbialen Gebrauch findet sich in folgendem Satz: "Das Kleid ist eigentlich schön". Und jetzt wird's kritisch. Denn in diesem Satz ist schon so ein Hauch "Abtönung" enthalten. Bevor wir dieser aber nachspüren, halten wir uns noch einen Augenblick auf sicherem Gelände auf.

"Eigentlich" ist eigentlich – also im Grunde genommen – eine Ableitung von eigen. Das ist offensichtlich. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes war "in Besitz haben". Paradebeispiel: Eigentum. Wenn wir an Eigenschaft und eigentümlich denken, kommen wir von der eigentlichen Bedeutung des Wortes "Eigen" zu seiner übertragenen. Beispiel: "Alle Eigenschaften eines Menschen zusammengenommen, machen sein Wesen aus".

Gut getönt ist halb verschleiert

Eine fast zu verallgemeinernde Eigenschaft des Menschen ist die, das, was eigentlich gesagt werden soll, mit dem Wort "eigentlich" zu verschleiern. "Eigentlich geht es mir ganz gut". Wieso sagen wir nicht "es geht mir gut", wenn es eigentlich so ist? Weil wir Abtöner sind. "Eigentlich hast du Recht!" Na also. Aber wieso nicht "Du hast Recht!"?

Weil wir uns eigentlich immer so ein Hintertürchen offen halten wollen. Schließlich könnte es uns noch besser gehen und bloß, weil die jetzt Recht hat, müssen wir sie ja nicht gleich in den Himmel heben. Eigentlich nicht. Oder? Es gibt außer eigentlich noch andere Abtönpartikel. Sie alle sagen – und jetzt kommt ein Zitat aus der Grammatik – sie alle sagen "etwas über die Stellung des Sprechers zum Satzinhalt und zur Sprechsituation aus".

Wo ist die Hintertür?

Für unser Schlussbeispiel nehmen wir außer "eigentlich" als weitere Abtönpartikel "ja", "ganz" und "doch". Wir sind beim Kollegen eingeladen und stehen in seinem renovierten, neu eingerichteten und stilvoll abgetönten Speisezimmer. Er strahlt voller Stolz und wir müssen was sagen. Das Problem ist, wir finden das Zimmer scheußlich, aber wir können ja den Abend nicht verderben, verleugnen wollen wir uns aber auch nicht. Also, was sagen wir im toskanisch anmutenden Ambiente, angesichts der gedeckten Tafel und den brennenden Kerzen? Wir sagen etwa dies: "Ja. Doch. Eigentlich ganz schön geworden."

Guten Appetit allerseits.


Fragen zum Text

Wenn der eigentliche Name eines Mädchens Susanne und nicht Susi ist, dann...

1. heißt sie tatsächlich Susanne und nicht Susi.

2. heißt sie weder Susanne noch Susi.

3. heißt sie tatsächlich Susi und nicht Susanne.

Die ursprüngliche Bedeutung von eigentlich lautet: …

1. tatsächlich.

2. in Besitz haben.

3. im Grunde genommen.

Wenn jemand etwas "eigentlich doch ganz schön" findet, dann...

1. ist er/sie absolut begeistert.

2. ist er/sie total fasziniert.

3. ist er/sie nur mäßig begeistert.

Arbeitsauftrag

Eigentlich würde man gerne sagen: "Das Essen war scheußlich und ich habe mich zu Tode gelangweilt“. Aber stattdessen sagt man: "Vielen Dank für das unglaublich leckere Essen. Es war mal wieder richtig schön bei euch!“. Man meint das eine, man sagt das andere. Eigentlich höflich, trotzdem aber eine Lüge. Beschreiben Sie eine Situation in der Sie eigentlich lieber die Wahrheit gesagt hätten, aber aus Höflichkeit eine kleine Lüge erfunden haben.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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