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Sport

"Eigentlich bin ich Deutscher"

Türkische Fußball-Fans feiern mit Fahnen und der Nationalhymne die deutsche Mannschaft bei der WM. Ein Beispiel für gelungene Integration oder bloß der bestmögliche Ersatz für die nicht qualifizierte türkische Elf?

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Viele Türken drücken bei der WM der deutschen Mannschaft die Daumen

Am Kölner Eigelstein ist die Stimmung erstaunlich ruhig. Zwar reiht sich hier Kneipe an Kneipe und Imbiss an Imbiss, von WM-Fieber jedoch ist wenig zu spüren. Der Eigelstein ist ein buntes Viertel, geprägt hauptsächlich von türkischen Immigranten. Mit knapp drei Prozent stellen sie den größten Anteil in Deutschland lebender Ausländer. Und natürlich sitzen auch sie während der WM vor dem Fernseher. Doch welcher Mannschaft drücken sie die Daumen, seit die Türkei die Qualifikation verpasst hat?

Serkan

Für Serkan hat Fußball wenig mit Integration zu tun: 'Das ist ausschließlich eine Frage der Zeit.'

Der 24-jährige Serkan arbeitet in einer Eckkneipe in der Weidengasse. Im Hintergrund läuft ein Flachbildfernseher, in einer Stunde beginnt das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Polen. Serkan hält zu Deutschland. "Erstens, weil ich auf Deutschland gewettet habe", sagt er und grinst. "Außerdem habe ich deutsche Freunde, ich lebe in Deutschland. Und wenn die Deutschen gewinnen, zieht das die Stimmung draußen mit und ich kann feiern."

Deutscher Fußball ist langweilig

Ganz so einfach ist die Welt für türkische Fußball-Fans jedoch nicht zurzeit. Die beiden unrühmlichen Relegations-Spiele der WM-Qualifikation gegen die Schweiz und die verpasste Teilnahme an der WM haben weh getan. "Etwas Schlimmeres gibt es nicht", meint der 29-jährige Deniz. "Das ist so schlimm, als wären wir bei der WM im eigenen Land nicht dabei." Im eigenen Land, genau das würden einige Politiker gerne hören, über Deutschland. Nun stellen viele sich die Frage, ob die WM als großes und vor allem international angelegtes Fest nicht auch einen Einfluss auf die Integration haben könnte. Bei denen, die das direkt betrifft, gehen die Meinungen darüber auseinander.

Fußball Länderspiel Türkei - Deutschland, ein Türke liest Zeitung Wir kommen Deutschland

'Wir kommen, Deutschland' - daraus ist für die türkische Nationalmannschaft nichts geworden

Wie auch die Ansichten über die DFB-Elf. "Das ist irgendwie polarisiert", meint Serkan, der in Deutschland aufgewachsen ist und sich selbst voll integriert fühlt. "Die eine Seite ist für die Deutschen, die anderen sagen: 'Wir sind gegen die Deutschen'. Die sind voreingenommen, und außerdem fühlen sie sich benachteiligt." Dazu komme noch, so erklärt Serkan, dass die Deutschen langweiligen Fußball spielen. Erfolgreich, aber langweilig.

Das macht es nicht gerade einfacher für Fans, die aus den Stadien in ihrer Heimat temporeichen Offensivfußball und manchmal auch etwas zu hitzige Duelle gewohnt sind. Was gewesen wäre, wenn die Türkei und Deutschland bei der WM aufeinandergetroffen wären? "Es wäre traurig, aber ich denke schon, dass es da auch Ausschreitungen gegeben hätte", meint Serkan. "Es gibt immer Menschen, die Stress suchen und Stress machen."

"Jeder verändert sich selbst"

Den Einfluss der WM auf die Integration schätzt Serkan ebenso nüchtern ein: "Menschen, die 20 oder 30 Jahre hier leben, und die nicht integriert sind, werden nicht jetzt, durch die WM, plötzlich integriert." Welche Bedeutung aber haben dann die Fahnen und das Mitfiebern? Betrachten türkische Immigranten die deutsche Nationalmannschaft momentan als "ihre" Mannschaft? "Ja natürlich." Der 19-jährige Fuat muss keine Sekunde überlegen. "Denn eigentlich bin ich Deutscher." Und auch für den 38-jährigen Cengiz ist das keine Frage: "Die Türken sind dieses Mal nicht dabei, daher bin ich jetzt Fan der Deutschen. Und wenn die Deutschen gewinnen, dann freue ich mich, und dann bin ich auch stolz darauf."

Türkische Fußballfans

Für die Türkei wäre die WM fast schon ein Heimspiel geworden

Ganz so offen wollen nicht alle am Eigelstein über dieses anscheinend heikle Thema reden. Der 32-jährige Metin etwa trägt zwar ein Trikot der DFB-Elf, ist sich aber in Sachen Integrationswirkung überhaupt nicht sicher: "Lassen wir es so, wie es ist", meint er vorsichtig. "Jeder verändert sich selbst, jeder erkennt seine Fehler selbst." Und auf die Frage, wie er denn dazu stehen würde, dass viele Türken sich für die deutsche Mannschaft stark machen, weiß er keine Antwort: "Da kann ich gar nichts sagen."

Völker verbindende Party

Und das, obwohl viele türkische Fußball-Fans ein sehr gutes Verhältnis zum deutschen Fußball haben. Trainer wie Christoph Daum oder Jupp Derwall sind am Bosporus hoch angesehen, auch, was ihr Engagement für die Jugendarbeit angeht. Und mit Yildiray Bastürk von Hertha BSC Berlin und dem Neu-Schalker Halil Altintop spielen zwei äußerst beliebte türkische Nationalspieler in der ersten Bundesliga - es gibt Gerüchte, nach denen der FC Bayern München für die nächste Saison auch noch Superstar Emre verpflichten will.

Schweiz vs Türkei

Bundesligist Hamit Altintop (l.) beim Zweikampf mit dem Schweizer Raphael Wicky

Die WM in Deutschland hätte für die Türkei beinahe so etwas wie ein Heimspiel werden können. So aber mussten sich hier lebende türkische Fußball-Fans Ersatz suchen. "Ich war letztens sogar mit einer deutschen Fahne unterwegs", gibt Cengiz schmunzelnd zu. "Da haben mich die Leute gefragt, was ich denn da machen würde, und ich habe nur geantwortet: 'Aber wir leben doch hier!', ich würde nicht zu Italien oder einem anderen Land halten. Ich bin für Deutschland."

Ob diese Stimmung über die WM hinaus erhalten werden kann und ob sich dadurch irgendetwas ändert, auch darüber herrscht keine Einigkeit. "Es gibt jetzt viele Freundschaften unter 32 Mannschaften", meint Fuat hoffnungsvoll. Das klingt ganz nach der weltumspannenden, Völker verbindenden Party, die die FIFA so gerne haben wollte. Doch Metin ist sich sicher, dass sich nach der WM nichts geändert haben wird: "Nein, nein, nein. Das bleibt immer noch gleich."

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