Eier statt Erdöl - Nigeria will seine Wirtschaft diversifizieren | Afrika | DW | 29.12.2017
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Afrika

Eier statt Erdöl - Nigeria will seine Wirtschaft diversifizieren

Mitten in der nordnigerianischen Savanne hat eine gigantische Hühnerfarm ihren Betrieb aufgenommen. Politiker sprechen von einem wichtigen Schritt für die Wirtschaft Nigerias. Aber nicht alle sind vom Projekt begeistert.

Es ist ein seltsames, rötlich-blaues Licht, welches auf die zigtausend Tiere in dem überdimensionalen Hühnerstall herabscheint. Das habe mit dem Sehverhalten der Hühner zu tun, klärt ein Mitarbeiter auf. Dieses unterscheide sich - genau wie bei vielen anderen tagaktiven Vögeln - erheblich von dem des Menschen. Im Gegensatz zum Homo sapiens sähen die Hühner auch UV-Strahlen. Und die richtige Kombination der Farbkanäle führe dazu, dass die Tiere sich nicht nur wohler fühlten, sondern auch beim Eierlegen produktiver würden.

Ziel: 1,6 Millionen Hühner pro Woche

In der erst vor wenigen Wochen eröffneten Hühnerfarm des internationalen Lebensmittelkonzerns Olam ist alles nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet. Rund 150 Millionen Euro hat das Unternehmen in das Projekt investiert. 1,6 Millionen neugeborene Küken sollen hier von nun an verkauft werden - jede Woche. Damit ist die Anlage nach eigenen Angaben die größte in Subsahara-Afrika. Besonders stolz sei er darauf, wie schnell sie das alles hier aufgebaut hätten, erklärt Manager Vinod Kumar Mishra. "Nur acht Monate haben wir gebraucht. Anfangs dachten die Leute, das schaffen die niemals. Aber wenn wir etwas ankündigen, dann machen wir das auch", so der Olam-Mitarbeiter.

Nigeria OLAM-Hühnerfarm in Kaduna (DW/J.-P. Scholz)

Der technische Kontrollraum der Anlage ist modern ausgestattet

Die Rekordgeschwindigkeit sei nur durch die Unterstützung der lokalen Regierung möglich gewesen, betont Mishra. Deshalb habe man sich bewusst für den Standort im nordnigerianischen Bundesstaat Kaduna entschieden. Der Gouverneur, Nasir Ahmad el-Rufai, ist für seine unbürokratische, wirtschaftsfreundliche Politik bekannt. "In Europa hätten wir wahrscheinlich ein halbes Jahr warten müssen, nur um eine Baugenehmigung für das Grundstück zu bekommen", erzählt der Manager grinsend.

Anwohner hoffen auf neue Jobs

Anders als bei den Politikern sei in der Bevölkerung mehr Überzeugungsarbeit nötig gewesen, gibt Mishra zu. Deshalb wird er nicht müde, die wirtschaftlichen Vorteile des Projekts hervorzuheben. Neben dem Personal, das sie hier direkt anstellten, würden durch Olam Tausende neue Jobs in der regionalen Landwirtschaft entstehen. Neben der Hühnerfarm produziert das Unternehmen auch Tierfutter in der neuen Anlage - und die Zutaten hierfür will der internationale Konzern fast ausschließlich regional einkaufen. "Mais und Sojabohnen gibt es hier mehr als genug. Nur einige Vitamine und  Fertigmischungen müssen wir importieren", so Manager Mishra. Außerdem - und das sei ihm besonders wichtig - stehe das Unternehmen nicht in Konkurrenz zu lokalen Bauern. Es gehe nicht darum, Endkonsumenten mit Eiern und Fleisch zu versorgen. Stattdessen wolle man die Küken und das Hühnerfutter an Farmer weiterverkaufen.

Nigeria OLAM-Hühnerfarm in Kaduna (DW/J.-P. Scholz)

Das Tierfutter, das in dieser Halle gelagert wird, soll aus der Region kommen

Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Großkonzern in der Nachbarschaft scheinen inzwischen die meisten Anwohner der Region von dem Geschäftsmodell überzeugt zu sein. Nigeria steckt in einer wirtschaftlichen Krise. Jahrzehntelang war das Land fast vollständig auf den Erdöl-Export angewiesen. Ein Großteil der Einnahmen versickerte in den Taschen einer korrupten Elite - gleichzeitig leben fast zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag. Gerade hier in den ländlichen Gebieten Nordnigerias gibt es kaum Jobs. "Das Projekt kann nur gut für uns sein", ist eine Frau auf einem lokalen Markt in der Nähe der neuen Hühnerfarm überzeugt. "So müssen wir kein Hühnerfleisch mehr importieren sondern werden sogar selbst zum Exporteur." Die umstehenden Marktbesucher stimmen ihr zu. Ein junger Mann, der in dem kleinen Ort selbst als Metzger arbeitet, sieht für sein eigenes Geschäft ebenfalls Vorteile: "Das wird den Konsum in der Gegend ordentlich ankurbeln. Davon werde ich hoffentlich profitieren."

Landwirtschaft als Zukunftsbranche

Auch Unternehmensberater Abubakar Ali ist von dem Ansatz überzeugt. Der Wirtschaftswissenschaftler hat sein Büro in der knapp 200 Kilometer entfernten Hauptstadt Abuja und warnt die dortigen Politiker seit langem vor Nigerias gefährlicher Abhängigkeit vom Erdöl. Noch immer stammen rund drei Viertel aller Staatseinnahmen des Landes aus der Ölindustrie. "Wir hätten mit der Diversifizierung der Wirtschaft eigentlich bereits gestern anfangen müssen", so Ali. "Ich sehe vor allem zwei Wachstumsmärkte: Die IT-Industrie und die Landwirtschaft." Noch immer werde ein Großteil des Ackerlandes in Nigeria nicht genutzt, und es gebe kaum industrielle Landwirtschaft. "Investition in diesem Bereich müssen wir dringend fördern."

Nigeria OLAM-Hühnerfarm in Kaduna (DW/J.-P. Scholz)

In den Dörfern rund um die OLAM-Anlage gibt es nicht viele Jobs

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Umweltschützer warnen davor, beim Aufbau einer industriellen Agrarwirtschaft alte Fehler zu wiederholen. Zum einen stellten sich bei der Massentierhaltung ethische Fragen. Auf der Olam-Farm werden - wie auch in bei vielen Großbetrieben in anderen Weltregionen - jede Woche hunderttausende neugeborene männliche Küken getötet, weil sie keine Eier legen und bei der Fleischproduktion nicht "profitabel genug" sind. Zum anderen gebe es laut Umweltschützerin Kyauta Giwa ganz praktische Probleme: "Wir sollten uns bei diesen Großbetrieben auch über den Ausbruch von Krankheiten Gedanken machen - insbesondere der Vogelgrippe." In der Vergangenheit habe Nigeria immer wieder damit zu kämpfen gehabt, und man habe daraus kaum Konsequenzen gezogen.

Gesundheit für Tier - und Mensch

Das Wohlergehen der Tiere habe oberste Priorität für den Konzern, versichert Olam. Dafür habe man neben strikten Hygienemaßnahmen auch ein internationales Team an Veterinärmedizinern angestellt. Und sogar für die Gesundheit der Konsumenten sei die neue Farm von Vorteil. Bisher wurde nach Schätzungen von Experten mehr als die Hälfte des konsumierten Hühnerfleischs illegal nach Nigeria importiert - vorbei an allen Gesundheits- und Hygienevorschriften.

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