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Globale Zusammenarbeit

Ehrung für gewaltfreien Widerstand

Gene Sharp, bekannt als der "Machiavelli der Gewaltlosigkeit", erhält den "Alternativen Nobelpreis 2012". Er hat die gewaltfreie politische Aktion geprägt und inspiriert Bewegungen von Myanmar bis Ägypten.

Vielleicht fing alles damit an, dass er sich gegen die Einberufung zum Koreakrieg der 1950er Jahre wehrte und als Kriegsdienstverweigerer neun Monate im Gefängnis landete. Der US-Politikwissenschaftler Gene Sharp, heute 84 Jahre alt, wusste schon damals, dass politische Revolution gewaltfrei sein kann.

Diese Überzeugung - und seine Arbeit der vergangenen Jahrzehnte - hat Sharp in Stockholm einen Right Livelihood Award ("Preis für richtige Lebensführung") beschert. Er teilt sich die auch als "Alternativer Nobelpreis" bekannte und mit 150.000 Euro dotierte Auszeichnung mit der afghanischen Ärztin Sima Samar und der britischen Kampagne gegen Waffenhandel (CAAT). Der 90-jährige türkische Umweltschützer Hayrettin Karaca erhält einen Ehrenpreis.

Gene Sharp (Foto: AP)

Gene Sharp hat gewaltfreien Wiederstand über Jahrzehnte erforscht

Der Preis sei eine große Ehre, sagte Sharp der Deutschen Welle. "Es zeigt, dass die Anerkennung der Bedeutung der 'Macht des Volkes' und des zivilen Widerstandes in den letzten Monaten und den vergangenen zwei Jahren gewachsen ist", erklärte Sharp. Die Menschen würden erkennen: "Aha, wir können etwas tun. Wir müssen uns nicht passiv einer Person unterwerfen. Wir müssen nicht übergehen zu Gewalt und Diktaturen. Wir können etwas anderes tun, und wir können gewinnen."

Staatsfeind und Held zugleich

Sharps Buch "Von der Diktatur zur Demokratie: Ein Leitfaden für die Befreiung" hat die Welt bewegt. Diese 1993 erstmals erschienene Anleitung zum gewaltfreien Sturz von Tyrannen wurde immer wieder nachgedruckt und in über 30 Sprachen übersetzt. Sie sprach soziale Aktivisten auf der ganzen Welt an, in Serbien und der Ukraine, Ägypten und Myanmar. Auch die Demonstranten des Arabischen Frühlings von 2010 bis 2012 und die der Occupy-Bewegung soll das Werk beeinflusst haben.


Irans Präsident Mahmoud Ahmadinedschad (Foto: Reuters)

Ahmadinedschad wirft Sharp vor, er plane eine Revolution

Mit seiner pazifistischen Philosophie zog Sharp aber auch den Zorn einiger Machthaber auf sich. Im Iran wurde er in einem Propaganda-Video als Staatsfeind dargestellt und der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad warnte davor, dass Sharp einen Umsturz plane.

Sharp selbst bleibt bescheiden. Er habe lediglich die Schwächen aller Regime analysiert. Doch genau diese Analysen scheinen seine schärfste Waffe zu sein. Unter anderem führten sie zu der Erkenntnis, dass Diktaturen weitestgehend durch die Ängste der Unterdrücker motiviert seien.

Eine Liste von Werkzeugen

Sharps Prämisse für eine gewaltfreie Revolution besticht durch seine Einfachheit: Ohne die Unterstützung der Menschen kann kein Regime überleben. Wird die Unterstützung entzogen, so stürzt die ganze Struktur zusammen. 198 Methoden der gewaltfreien Aktion hat er zusammengetragen. Sie sind simpel und mächtig zugleich. Die Darstellung von Flaggen und symbolischen Farben sei zum Beispiel eines von vielen Werkzeugen zum Sturz eines Regimes. Während der Orangenen Revolution 2004 in der Ukraine verwandelten Demonstranten öffentliche Plätze in Meere von orangefarbenen Fahnen und Kleidung. Der Effekt war verblüffend.

Julia Timoshenko (Foto: AP)

Julia Timoschenko zählte zu den treibenden Kräften der Orangenen Revolution

Andere Werkzeuge auf Sharps Liste: Slogans, Karikaturen und Symbole, Gebet, Gottesdienst und Gesang. Während der ägyptischen Revolution im vergangenen Jahr versammelten sich Demonstranten in Kairo zum Freitagsgebet, auf das politische Massenkundgebungen folgten.

Die Wissenschaft des Pazifismus

Der inzwischen emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der University of Massachusetts veröffentlichte schon 1973 ein Buch über gewaltfreien Widerstand. Zehn Jahre später gründete er in Boston die Albert Einstein Institution, eine gemeinnützige Organisation, die sich weltweit dem Studium und strategischen Einsatz von gewaltfreien Bewegungen in Konfliktsituationen widmet.

Sharp wurde 1928 als Sohn eines protestantischen Pfarrers in North Baltimore, Ohio geboren. Er studierte an der Ohio State University und erhielt 1968 in Oxford den Doktor der Philosophie. Anschließend übernahm er eine Forschungsstelle im Zentrum für Internationale Angelegenheiten an der Harvard University. Schon zweimal war Sharp für den Friedensnobelpreis nominiert.

Proteste auf dem Tahrir-Platz (Foto: Reuters)

Tausende demonstrierten friedlich auf dem Tahrir-Platz in Kairo

Doch im Rückblick auf sein Leben, sagte Sharp, habe es keinen entscheidenden Moment gegeben, der sein Studium der gewaltlosen Revolution inspiriert habe. "Es war eher eine Reihe von Erkenntnissen über den Zustand der Welt und all die Puzzleteile", sagte er. Der Kampf der gewaltlosen Revolution sei allerdings nicht neu, sondern stütze sich auf die Natur des Menschen. "Menschen sind in der Lage, stur und ein bisschen schwierig zu sein, und die Regierungen haben Probleme damit."

Verstand soll Waffen ersetzen

Obwohl er als Amerikaner nicht direkt von der Nazi-Diktatur in Europa betroffen war, war es diese Diktatur, die Sharps Denken und seinen Glauben an die Macht des Volkes prägten. Er las von Beispielen des gewaltfreien Kampfes, die selbst damals schon etwas erreicht hatten, und er war überzeugt, dass dies der Weg nach vorn war.

Trotz der jüngst gewaltsam gewordenen Proteste in der arabischen Welt glaubt Sharp, dass gewaltfreier Protest auf lange Sicht die Oberhand in einem Konflikt gewinnt. Schließlich, so sagt er, sei Gewalt die beste Waffe des Feindes. "Wir können jetzt unseren Verstand einsetzen, um aus diesen Schwierigkeiten herauszukommen."

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