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Asien

Ehescheidungen im Iran auf dem Vormarsch

Auch im Iran werden immer mehr Ehen geschieden. Das stimmt die konservative Führung besorgt. Dabei ist es gerade das überkommene Moralkorsett, das junge Leute in die frühe Ehe treibt.

Eine überraschende Zahl aus dem vorgeblich streng islamischen Iran: Die Scheidungsrate ist 2011 gegenüber dem Vorjahr um 4,1 Prozent gestiegen, wie die reformorientierte Zeitung "Shargh" (Osten) berichtet. Dabei ist die Scheidungsquote im Iran im Vergleich zum Westen immer noch niedrig, auf 100 Eheschließungen kommen 16 Scheidungen, in Deutschland rund 50.

Dem Bericht der Zeitung zufolge gehen die meisten Scheidungen von Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren aus. Sonbol, eine Germanistik-Studentin aus Teheran erzählt, dass "das Heiratsalter in Iran sehr gering ist, besonders weil man sich nicht öffentlich als junges Paar zeigen und zusammenleben darf". Ein Liebesverhältnis unter Unverheirateten ist im Iran gesetzlich verboten und gesellschaftlich verpönt. Da bleibt die Heirat als Ausweg, um Sexualität auszuleben oder Zusammenleben zu erproben. Sonbol erzählt, dass fünf ihrer Freundinnen bereits in ihrer zweiten Ehe leben: "Scheiden ist fast zur Mode geworden."

Ehe als Schritt zur Selbständigkeit

Studentinnen an iranischer Uni (Foto: ISNA)

Irans junge Frauen gehen ihren eigenen Weg

Von einem weiteren Motiv für frühe Eheschließungen berichtet Elahe, geschiedene und heute in Deutschland lebende Sozialpädagogin, aus eigener Erfahrung: Es ist der Wunsch nach Selbstständigkeit. Vor allem in ländlichen Gebieten müssten die Töchter alles dem Willen ihres Vaters unterordnen. Um aus dem Elternhaus ausziehen zu können und selbstständig zu werden, bleibt ihnen oft nur eine Eheschließung. Die jungen Leute im Iran heiraten also früh, ohne sich gut zu kennen; nach wenigen Jahren Ehe merken sie dann, dass sie doch nicht ihr ganzes Leben lang zusammenleben können oder wollen.

Auch die gewandelte gesellschaftliche Rolle der Frau im Iran ist ein Faktor. Die traditionelle Rolle der Frau, die als Erzieherin der Kinder zuhause bleibt, während der Mann das Geld verdient, hat sich nicht nur im Westen verändert, nicht zuletzt wegen der gestiegenen Lebenshaltungskosten. So hat auch Elahe im Iran in einem Kindergarten gearbeitet, um die dreiköpfige Familie zu unterhalten. Und die Frauen wollen natürlich möglichst gute Jobs, an den iranischen Universitäten sind rund 63 Prozent der Studierenden weiblich. Die Gesetze mögen also rückständig sein, aber die Gesellschaft modernisiert sich dennoch.

"Morgengabe" oder Scheidung

Hochzeitsauto uim Iran (Lizenz frei)

Frisch vermählt und begeistert - noch ...

Wie kann es sein, dass in einem theoretisch streng islamischen Land wie dem Iran die Ehescheidung so häufig geworden ist? So kann sich ein Mann jederzeit scheiden lassen, hingegen muss eine Frau Begründungen vor dem islamischen Gericht einreichen. Eine Antwort ist in der traditionellen "Morgengabe" zu finden. Sie ist die finanzielle Absicherung für die Ehefrau durch den Ehemann, die jene jederzeit einfordern kann, sogar während der Ehe. Die scheidungswilligen jungen iranischen Frauen setzen diese traditionelle islamische Institution findig für ihre Zwecke ein, wie Soheyla, eine iranische Filmemacherin, berichtet: "Das ist zum Druckmittel geworden, entweder die Männer willigen in die Scheidung ein, oder sie müssen die Morgengabe auszahlen."

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind die Männer aber oft nicht in der Lage, die manchmal absurd hohen Summen aufzubringen, und willigen deshalb in die Scheidung ein. Die Befreiung aus dem Ehekäfig ist für diese Frauen dann die eigentliche "Morgengabe". So auch für Soheyla, die im Iran von ihrem damaligen Ehemann, der erst einer Scheidung nicht zustimmen wollte, die Morgengabe verlangt hatte. Heute lebt sie mit ihrem zweiten Ehemann in Frankreich. Obwohl die geistlichen Machthaber im Iran inzwischen eine Obergrenze für die "Morgengabe" eingeführt haben, bleibt sie weiterhin ein Druckmittel für scheidungswillige junge Frauen.

Wirtschaftliche Zwänge

Die Ayatollahs sind durch die gestiegene Scheidungsrate beunruhigt, denn durch die damit einhergehende Selbstständigkeit und Berufstätigkeit der Frauen rückt der Familiennachwuchs in den Hintergrund. Das islamische Regime befürchtet einen Bevölkerungsrückgang, Präsident Mahmoud Ahmadinejad hat bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr betont, wie wichtig eine Zunahme der iranischen Bevölkerung sei. Für die Konservativen im Land sind vor allem Blasphemie und der Einfluss westlicher Medien verantwortlich für die gestiegene Scheidungsrate. Aber ohne eine Reform oder Lockerung der Familiengesetze und ohne wirtschaftlichen Aufschwung wird der Trend zur Scheidung im Iran anhalten.                                     

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