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Fokus Osteuropa

Eduard Schewardnadse: "Demokratie war mein größtes Ziel"

In Georgien sind die Memoiren von Eduard Schewardnadse erschienen. Im Gespräch mit DW-RADIO erinnert sich der georgische Ex-Präsident unter anderem an seinen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung.

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Eduard Schewardnadse in seiner Residenz während der Rosenrevolution im November 2003

Die vor kurzem in Georgien veröffentlichten Memoiren des ehemaligen georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse haben den Titel "Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft". Das Buch hat eine Auflage von 6.000 Exemplaren und ist in georgischer Sprache verfasst. Auf den mehr als 500 Seiten beschreibt Schewardnadse seine Sicht der historischen Ereignisse, an denen er unmittelbar beteiligt war: die Katastrophe von Tschernobyl, die Wiedervereinigung Deutschlands, den Zerfall der UdSSR und die Absetzung vom Amt des Präsidenten Georgiens. Schewardnadses Memoiren sollen auch in Deutschland erscheinen. Der ehemalige georgische Präsident wünscht sich ferner, dass sein Buch auch auf Russisch erscheint. Derzeit wird ein Verlag gesucht, der eine russische Ausgabe veröffentlichen könnte.

Gefühl der Entfremdung

Schewardnadse begann im Jahr 2003 seine Memoiren zu schreiben, gleich nachdem er infolge der "Rosenrevolution" gezwungen war, vom georgischen Präsidentenamt abzutreten. Das erste Kapitel des Buches beginnt mit einer Analyse der Ereignisse vom November 2003. Der ehemalige Präsident sagte, damals habe er sich von der Gesellschaft und den Politikern entfremdet gefühlt, die dank seiner Unterstützung an die Macht gekommen seien: "Zu sagen, dass ich daran schuld war, was passierte, wäre ungerecht mir selbst gegenüber und gegenüber dem Land. Das alles war passiert, weil ein ausländischer Geheimdienst gute Arbeite leistete und ich einen Mann verloren hatte, der die Arbeit der Verwaltungsorgane kontrollierte, die Organe der Staatssicherheit und die Gerichte. Das war der Sekretär des Sicherheitsrates Nugsar Sadschaja. Aber ich konnte nicht zu den Methoden greifen, zu denen gewisse andere Länder greifen. Als ich nach Georgien kam, waren meine größten Ziele der Aufbau eines demokratischen Staates und die Schaffung einer Marktwirtschaft."

Blutvergießen verhindert

Der ehemalige georgische Präsident unterstrich, er habe seine politischen Gegner nicht bestrafen wollen. Den Entschluss, zurückzutreten, habe er gefasst, nachdem am 22. November 2003 die Opposition ins Parlament gestürmt war und er als Staatsoberhaupt den Ausnahmezustand verhängt habe: "Ich war Oberbefehlshaber der Armee, die sich mir unterzuordnen hatte. Ich fasste den Entschluss und bezeichnete die Ereignisse als Putsch-Versuch, wonach ich den Ausnahmezustand verhängte. Aber was ist ein Ausnahmezustand? Der Oberbefehlshaber, der Präsident handelt nach eigener Überzeugung. Was kann dabei geschehen? Es kann zu Zusammenstößen zwischen meinen Anhängern und denen der Opposition kommen. Das bedeutet, dass Menschen ums Leben kommen können. Und für mich als Präsidenten hat es keine Bedeutung, wessen Anhänger sterben, es sterben Bürger des Landes. Zu Hause sagte ich zu meiner Frau, ab morgen werden sich alle an den Gedanken gewöhnen, dass ich nicht mehr Präsident bin. Es wird auch keinen Notstand geben. Wenn ich das mir zustehende Recht angewandt hätte, wäre ein großer Teil der Jugend getötet worden. Ein solcher Schritt hätte dem Land keinen Nutzen gebracht."

Moralische Außenpolitik

In seinen Memoiren erinnert Schewardnadse auch an Einzelheiten seines Abtritts vom Amt des sowjetischen Außenministers im Dezember 1990. Heute erklärt er stolz, die Diplomatie habe sich für ihn als leichte Sache herausgestellt: "Ich habe die gesamte Welt bereist, war fast sechs Jahre Außenminister. Ich betrachte mich, gemeinsam mit Gorbatschow und Jakowlew als einen der Gründer der moralischen Außenpolitik. Früher wurden die USA und andere westliche Länder als unsere Klassenfeinde betrachtet. Diese Überzeugungen änderten wir und versuchten normale Beziehungen zu diesen Staaten aufzubauen, darunter auch zu den USA. Dies gelang uns und das ist eine große Errungenschaft – sowohl in der Geschichte der UdSSR als auch in der Geschichte Russlands."

Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschland

Auch an ein anderes Ereignis erinnert Schewardnadse in seinem Buch – seinen persönlichen Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands. Gleichzeitig äußert sich der ehemalige Außenminister ironisch über die Rolle, die Georgier in der Geschichte Deutschlands gespielt haben: "Nach der Überreichung des Kant-Preises lud der Berliner Oberbürgermeister zu einem großen Empfang, wo sich die gesamte Prominenz versammelt hatte. Mir zu Ehren wurde ein Toast ausgesprochen, dass Deutschland viel verloren hätte, wenn ich nicht gewesen wäre. Danach fügte der Bürgermeister hinzu, dass ein Georgier Deutschland geteilt und ein anderer es wiedervereinigt habe. Darauf sagte ich zu dem Bürgermeister, er übertreibe meine Rolle, und scherzte, dass ohne Georgier große Politik nicht möglich sei. Wir lachten. Wir erhielten Applaus. Die Wiedervereinigung Deutschlands wurde eingeleitet, aber sie hätte ein, fünf oder auch acht Jahre dauern können. Wenn nicht Gorbatschow, Schewardnadse und Jakowlew gewesen wären, wäre alles anders gekommen und hätte viel länger gedauert."

Georgiens größtes Problem

Heute verbringt Schewardnadse einen großen Teil seiner Zeit im Haus unweit der ehemaligen Präsidentenresidenz Krzanisi in Tiflis. Von dort aus verfolgt er die Ereignisse im Lande. Mit Bewertungen der jetzigen georgischen Führung hält er sich zurück. Das Hauptproblem ist Schewardnadse zufolge die Arbeitslosigkeit: "Vieles ist gut, aber ich sitze hier in Krzanisi, schaue fern, manchmal lese ich Zeitungen, manches gefällt mir, manches nicht. Ich kann nicht immer objektiv sein. Es gibt auf der ganzen Welt keine perfekte Regierung und Georgien ist keine Ausnahme. Das größte Problem ist heute die Arbeitslosigkeit. Da es nur mit eigenen Investitionen schwierig wird, rate ich der georgischen Regierung, stärker um ausländische Investoren zu werben, das würde Arbeitplätze schaffen."

Nino Kwatadse, Tiflis
DW-RADIO/Russisch, 9.8.2006, Fokus Ost-Südost