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Bücher

Edgar Allan Poes einziger Roman

Zu seinem 200. Geburtstag (19.1.2009) gibt es etwas Neues von Edgar Allan Poe. Und zwar eine Neuübersetzung von "Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket". Literaturkritikerin Sigrid Löffler hat sie gelesen.

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Edgar Allan Poes einziger so genannter "Roman" (1838) ist vielleicht gar keiner, sondern eine Serie von Entdeckungsgeschichten und See-Abenteuern, zusammengehalten durch den Ich-Erzähler, den Seemann Arthur Gordon Pym. Als Sechzehnjähriger versteckt sich Pym an Bord des Walfängers "Grampus", erlebt eine Meuterei und ein Gemetzel an Bord mit, durchleidet als einer von vier Überlebenden Stürme, Hunger, Durst und Schiffbruch, wobei es auch zu Kannibalismus kommt.

Gerettet durch den Schoner "Jane Guy", nimmt Pym an einer Entdeckungsreise in die Antarktis teil. Hinter der Eisbarriere stoßen sie auf eine Insel mit pechschwarzen Eingeborenen, die die gesamte Mannschaft massakrieren. Einzig Pym und ein indianisches Halbblut entkommen im Kanu.

Bild von Schiff zum Artikel Edgar Allan Poe

Im milchigen, zunehmend heißeren Wasser nähern sie sich einer weißgrauen Nebelwand, treiben immer schneller auf einen Katarakt zu, der sich vom Himmel ins Meer wälzt, und nehmen eine riesige weiße Gestalt wahr, die auf sie zuzuschweben scheint. Hier bricht der Bericht ab, denn Pym sei über dem Schreiben gestorben, wie "Mr. Poe" im Nachwort versichert.

Wie kann man diese Geschichte deuten?

Dieses längste und rätselhafteste Prosawerk Poes hat unzählige Deutungen auf sich gezogen. Authentischer Reisebericht über die unerforschte Antarktis, über das (nach einer Theorie) heiße Polarmeer und über das Loch am Pol, wodurch sich der Ozean ins hohle Erdinnere ergießt?

Fiktiver Reisebericht mit realistischem Anspruch? Phantastischer Roman à la Swifts "Gulliver"? Ernst gemeint oder dreiste Spekulation auf den Publikumsgeschmack an phantastischen Gräueln? Planlos hingeworfener und schließlich lustlos abgebrochener Text eines Autors, der den Buchmarkt nur widerwillig mit einem modischen Abenteuer-Gruselroman bediente? Parodie auf die haarsträubenden Südsee- und Walfang-Abenteuergeschichten, die leichtgläubige amerikanische Leser massenhaft konsumierten? Allegorie auf den Kolonialismus und die Sklavenhalter-Gesellschaft der Südstaaten? Poes allegorische Autobiografie? Oder eine Reise ins Unbewusste, samt allen seelischen Extremsituationen, im Bilde einer Seereise?

Luxusausgabe zum Poe-Jubiläum

Edgar Allan Poe Porträt

Edgar Allan Poe: Daguerreotyoie von W.S. Hartshorn 1848

All diese denkbaren Interpretationen werden im Vorwort von den Herausgebern Hans Schmid und Michael Farin eingehend erörtert; ebenso werden Poes zahlreiche Quellen für seine abstruse Geschichte penibel aufgelistet. Die Herausgeber selbst neigen der These der Parodie zu. Unter Hinweis auf die vielen Passagen aus den Büchern anderer Autoren, die Poe in Pyms Geschichte (teilweise wörtlich) hineinmontiert hat (Plagiat oder literarisches Stilmittel?), plädieren sie für künstlerische Absicht: Poe wollte das ganze Genre wie auch die romantische Idee vom originalschöpferischen Genie ironisch unterlaufen.

Die Ausgabe des Marebuchverlags ist ein Luxusbuch aus Anlass des 200. Geburtstags Poes am 19. Januar 2009. Nicht nur liegt der Text nun in neuer Übersetzung vor, er ist auch überreich mit Fußnoten versehen sowie mit einer Chronik zur Genesis und Wirkungsgeschichte des Romans.

Edgar Allan Poe: «Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket»

Kommentierte, ungekürzte Neuübersetzung mit umfangreichem Dossier und zahlreichen Illustrationen

Aus dem Amerikanischen von Hans Schmid

Hg. von Hans Schmid und Michael Farin

Marebuchverlag, Hamburg 2008. 526 S., im Schuber mit Leseband, € 39,90

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