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Musik

Eda Zari: Reise in ein unbekanntes Land

Balkanrhythmen, eine Menge Jazz und ungewohnte albanische Klänge treffen auf dem Album "Toka Incognita" zusammen und offenbaren die ganz persönliche musikalische Welt der albanischen Sängerin Eda Zari.

Aufgewachsen ist die albanische Sängerin mit einem Jahrtausende alten Gesangsstil, den die UNESCO 2005 als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit unter Schutz stellte: der Iso-Polyphonie. Bei jeder Familienfeier, bei Dorffesten, Beerdigungen oder Hochzeiten brummen Männer und Frauen bis heute den "Bordun", einen hallenden Ton, über dem dann zwei bis drei Solisten ihre Stimmen erheben. Die Musikerdynastie Lela de Përmet hat es in der Iso-Polyphonie zur Meisterschaft gebracht; sie singen, spielen verschiedene Instrumente und leben einzig für die Musik.

Im Dunstkreis dieses Clans sog Eda Zari die traditionellen Rhythmen ihrer Heimat auf und ergab sich schon früh der Magie des Gesangs. Sie sang die alten Weisen und studierte gleichzeitig klassische Opern. Denn außer den Meistern von Beethoven bis Mozart war westliche Musik im hermetisch abgeschotteten Albanien aus Edas Kindheit verboten.

Jazz statt Oper

CD Cover: Toka Incognita

"Toka Incognita"- unbekanntes Land

"Natürlich haben wir heimlich italienisches Radio gehört und manchmal schmuggelte jemand eine Schallplatte ein", erzählt die Sängerin. Und so waren Rock, Pop, Funk und Jazz keine unbekannten Größen, als Eda Zari 1989 19-jährig nach Deutschland kam. Sie war vor dem albanischen Regime geflohen, das ihren Bruder erschossen hatte und ihre Familie anschließend in Sippenhaft nahm. Ein berufliches Fortkommen schien ausgeschlossen. Eda Zari wurde von der Musikhochschule verbannt, doch immerhin durfte sie ausreisen und ihre Ausbildung zur Opernsängerin in Köln fortsetzen. Sie machte ihren Abschluss als Koloratursopranistin, aber für die Arbeit, sagt Zari, sei sie nie diszipliniert genug gewesen. Das Korsett sei zu eng, man könne keine eigenen Ornamente einbringen. Kurzum: Sie wollte musikalisch ausbrechen und verfiel dem Jazz, wo sie spontan improvisieren und interpretieren konnte.

Tradition im zeitgenössischen Gewand

Und doch will die Sängerin ihre musikalischen Wurzeln nicht verleugnen. Tief ranken sie in die selbst komponierten Melodien hinein. Magisch sei diese albanische Musik, sagt sie, und ihre Aufgabe sei es, sie aus der traditionellen Ecke zu holen und ihr einen verdienten Platz in der Gegenwart zuzuweisen.

Denn nichts liegt der Sängerin näher, als einem geneigten Publikum Folklore aus ihrer Heimat vorzuführen. Es sei doch für sie als Albanerin ganz natürlich, Musik aus ihrer Region einfließen zu lassen, sagt sie; das täte schließlich auch jeder Ire, Franzose oder Ungar. "Es geht mir also nicht um Heimat und Identitätssuche, sondern darum, musikalische Strukturen Albaniens als bereichernde Elemente in meine Musik einfließen zu lassen", betont Eda Zari. "Aber sie stehen nicht allein; indische und orientalische Rhythmen sind in meiner Musik genauso zu finden, schließlich ist meine Band kosmopolit."

Polyphonie à la Zari

Sängerin Eda Zari Copyright: A. Selmani

Eda Zari vereint verschiedene Einflüsse in der Jazzmusik

All diese Strömungen eint der Jazz. "Er ist der Teppich, der alles unterlegt", bestätigt Zari, "und in ihn hinein flechte ich Perlen und Verzierungen aus meinem musikalischen Universum." Und so erfährt man eine Menge über die "Toka Incognita", das unbekannte Land Albanien. Beispielsweise, dass der polyphone Gesang sich auch instrumental umsetzen lässt, als "Kaba Musik", wie die Familie Lela de Përmet sie perfektioniert hat. Die Instrumente werden dabei in der Art der Singtechnik gespielt. Die beiden solistischen Gesangsstimmen werden traditionell auf Klarinette und Violine dargestellt, Laute und Schellentrommel imitieren den brummenden Hallton.

Bei Eda Zaris Kompositionen sorgen Bass, Saxophon, Klavier, Klarinette, Harfe und Piano für das polyphone Feeling, für das die Sängerin auch den Sting-Gitarristen Dominic Miller und den Sting-Perkussionisten Rhani Krija gewinnen konnte. Über dem Klangteppich schwebt mal fröhlich und mal melancholisch, beschwörend, verführerisch und magisch Eda Zaris Stimme, die von koketten Plänkeleien und dem Vollmond erzählt, vom Ruf der Nachtigall und der Liebe einer Mutter, der das Lächeln ihres Kindes mehr als alles Gold der Welt wert ist.

Sängerin Eda Zari Copyright: A. Selmani

Eda Zaris Gesang wird oft von Bass, Saxophon, Klavier, Klarinette, Harfe und Piano begleitet

Fast alle Stücke stammen aus Zaris Feder, doch sie hat auf dem Stück "Kroi" auch ihren Lieblingsdichter Lasgush Poradeci verewigt, der den Mikrokosmos eines Dorfes in der vorindustriellen Zeit beschreibt. Und auch hier geht es um die Liebe: um die scheuen Blicke der Mädchen, die am Dorfbrunnen Wasser holen und die herumlungernden Jungen, die ihnen nur allzu gern die Krüge tragen.

Eda Zari reist in ein unbekanntes Land; im Gepäck hat sie magische Melodien und das universelle Thema Liebe in all seinen Facetten. Das Album "Toca Incognita" hat sie ihrem ermordeten Bruder gewidmet. Denn Liebe ist unsterblich.

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