Echo 2018: Antisemitismus-Vorwürfe gegen Kollegah und Farid Bang | Musik | DW | 05.04.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Musik

Echo 2018: Antisemitismus-Vorwürfe gegen Kollegah und Farid Bang

Farid Bang und Kollegah sind für den “Echo“ nominiert. Vor der Preisverleihung ist eine Antisemitismus-Diskussion wegen strittiger Textzeilen entbrannt. Gegen die Vorwürfe wehrt sich das Rapper-Duo vehement.

Provokationen und Herabwürdigungen sind im Rap der Gegenwart allgegenwärtig. Wenn sich zwei Rapper im "Battle" gegenüberstehen, gilt das Recht des Stärkeren. Homophobe und sexistische Beleidigungen dienen dabei als Stilmittel. Was als Jugendkultur in den USA begann, hat mittlerweile auch die deutschen Charts erobert.

Zu den erfolgreichsten "Battle-Rappern" in Deutschland gehören unter anderem Kollegah (Artikelbild links, 33) und Farid Bang (31). Ihr drittes gemeinsames Album "Jung, brutal, gutaussehend 3" erzielte so gute Verkaufszahlen, dass das Duo unter anderem in der Kategorie "Album des Jahres" für den "Echo" 2018 nominiert ist. Der renommierteste deutsche Musikpreis soll am 12. April 2018 verliehen werden.

Antisemitismus als Freiheit in der Kunst?

Die Nominierung der beiden Rapper hat jedoch im Vorfeld der Verleihung für eine heftige Antisemitismus-Diskussion gesorgt. Den Stein brachtedie Bild-Zeitung mit einem Bericht über einzelne Textpassagen aus dem Bonusmaterial des neuen Albums ins Rollen. Die Zeitung fragte bei Echo-Geschäftsführerin Rebecca Heinz nach, warum die Künstler trotz Textzeilen wie "Mein Körper ist definierter als von Auschwitzinsassen" für die Preisverleihung zugelassen seien.

Kollegah auf der Bühne (picture-alliance/Jazzarchiv/M. Reimers)

Felix Antoine Blume alias Kollegah füllt regelmäßig die Konzerthallen

Heinz entgegnete, dass "die Sprache des Battle-Rap hart und verbale Provokationen ein typisches Stilmittel" seien. Weiter sei "Kunst- und Meinungsfreiheit ein hohes Gut". Angesichts der strittigen Textzeilen im Song "0815" leitete sie die Anfrage jedoch an den Ethik-Beirat des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) weiter. Der soll prüfen, ob hier die Grenze "zwischen künstlerischer Freiheit und gesellschaftlich nicht hinnehmbaren Äußerungen überschritten wurde". Eine Entscheidung über einen möglichen Ausschluss des Rapper-Duos von der Preisverleihung ist für Ende dieser Woche angekündigt.

Farid Bang entschuldigt sich bei Auschwitz-Überlebender

Zuvor hatten die Rapper die Antisemitismus-Vorwürfe von sich gewiesen. Farid Bang stellte bei Facebook klar, dass "wir keinerlei Minderheiten oder Religionen diskriminieren wollen". Die zitierte Textzeile aus "0815" sei nicht als politische Äußerungen zu verstehen, sondern als "harter Battle-Rap-Vergleich". Nachdem Esther Bejarano (93), Musikerin und Überlebende des Holocaust, in derBild-Zeitung ihr Entsetzen über die Echo-Nominierung zum Ausdruck gebracht hatte, entschuldigte sich der 31-Jährige in einem offenen Brief, dass seine Zeile sie persönlich verletzt hat.

Battle mit der Bild
Kollegah wandte sich hingegen mit einem Video nicht nur an seine Fans, sondern auch an die "sogenannten Mainstream-Medien". Vor allem der Bild warf er vor eine "gezielte Hetzkampagne" gegen ihn zu unternehmen.  Der Rapper sprach von versuchter Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit und rief unter dem Hashtag "AlphakellerBanger" sowohl Künstler als auch Fans zur Solidarisierung mit ihm und seinem Rapper-Kollegen auf.

Kein Antisemitismus im deutschen Rap?

Für Felix Blume, wie Kollegah mit bürgerlichem Namen heißt, war es nicht das erste Mal, dass ihm die Verbreitung antisemitischer Stereotype vorgeworfen wurde. Im Januar 2017 verfasste der Zentralrat der Juden in Deutschland einen offenen Brief an die Stadt Rüsselsheim, um einen Auftritt des Rappers beim Hessentag 2017 zu verhindern. Darin prangerte die jüdische Interessenvertretung an, dass Kollegah in seinen Liedern zur Gewalt gegen Frauen und Minderheiten aufrufe. Zudem führte der Zentralrat als Beleg für antisemitische Inhalte eine Textzeile aus dem Song "Sanduhr" an: "Ich leih dir Geld, doch nie ohne 'nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz".

Schon damals bestritt der Rapper, antisemitische Einstellungen zu vertreten. In einem offenen Brief an Daniel Neumann, Direktor des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen, verwies der Rapper auf eine Zeile aus seinem Track "NWO": "Wir sind Brüder, wir sind Schwestern, Nachkommen von Adam. Ganz egal ob wir nun Jahwe, Gott oder Allah sagen." Dazu suchte er das persönliche Gespräch mit Neumann. Darin soll Kollegah versucht haben, den "Antisemitismus-Vorwurf loszuwerden", so Neumann Ende März 2018 in einer Doku des Westdeutschen Rundfunks (WDR):

 "Ich habe Kollegah damals versucht klarzumachen, dass es völlig irrelevant ist, ob er Antisemit ist oder nicht." Stattdessen habe er ihm verdeutlicht, dass es darum gehe, welche Textzeilen er verbreite. "Und wenn die judenfeindlich sind, dann ist es mir völlig egal, was Kollegah als Person in seinem Kopf mit sich herumträgt."

Freie Welt ohne Juden suggeriert

In der WDR-Dokumentation über Antisemitismus im deutschen Rap wird zudem das Video zum Kollegah-Song "Apokalypse" verhandelt. Laut Jakob Baier, Politikwissenschaftler aus Berlin, der zum Thema Judenbild im Deutschrap promoviert, werden auf der Bildebene antisemitische Mythen bedient und das Böse letztlich durch die Juden symbolisiert. Das Video endet damit, wie Kollegah die Welt vom Bösen befreit. Übrig bleiben: Buddhisten, Muslime und Christen. Das lässt nach Baier die Interpretation zu, dass der Frieden zwischen den Menschen erst erreicht werden kann, wenn "die Welt vom schädlichen und schändlichen Jüdischen gereinigt" sei.

Kollegah lässt diese Lesart nicht gelten. Das Video bezeichnete er gegenüber dem Bayerischen Rundfunk als "Science-Fiction-Story", über deren Wahrheitsgehalt er nie eine Aussage getroffen habe. Antisemitismus? Dafür sieht Kollegah in der "Multi-Kulti-Hip-Hop-Kultur", wie er die deutsche Rap-Szene nennt, keine Anzeichen. Kritiker der Szene und betroffene Minderheiten sehen das jedoch völlig anders.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links