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Welt

Ebola in den USA: "Wir haben Angst"

Kein Thema beschäftigt Menschen und Medien in den USA zur Zeit mehr als Ebola. Viele misstrauen den Zusicherungen von Präsident Obama und den Gesundheitsbehörden, dass man die Krankheit im Griff habe.

Ihre Angst ist groß und ihre Empörung ist es auch: Jowita Lynn hat 10 Jahre als Krankenschwester in der Notaufnahme gearbeitet und kennt das harte Geschäft der Notfallmedizin.

Doch noch nie hat sie sich so schutzlos gefühlt wie jetzt seit der unerwarteten Ansteckung zweier Kolleginnen in Dallas mit dem Ebola-Virus: "Uns fehlt es an entscheidender Ausrüstung, es fehlt an Training und Übung, um diese Patienten zu behandeln", sagt sie der Deutschen Welle und man spürt, dass sie damit nicht nur die harte Kritik ihrer Gewerkschaft und die in Umfragen steigende Unzufriedenheit der Amerikaner mit dem Krisenmanagement der Gesundheitsbehörden und Krankenhausleitungen wiedergibt. Ihr persönlich ist es sehr ernst. Mit großen Augen und fester Stimme sagt sie: "Wir haben Angst, wir sind nicht vorbereitet."

Jowita Lynn arbeitet für das katholische Providence Hospital in Washington, mit mehr als 400 Betten eines der größeren Krankenhäuser in der US-Hauptstadt. In seiner Selbstverpflichtung verweist es darauf, dass es seinen Patienten die bestmögliche Versorgung angedeihen lassen will, und das im Geiste von christlicher "Freude, Sorgfalt und Respekt". Lynn ist sich da nicht so sicher. Vor allem sieht sie wenig Respekt und Fürsorge der Krankenhausleitung für die Mitarbeiter: "Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das Management die ganze Ebola-Sache ernst nimmt".

USA Ebola Transport Krankenpflegerin Amber Vinson 15.10.2014

Amber Vinson, die zweite Pflegekraft, die sich in den USA mit Ebola infiziert hat, wird in ein anderes Krankenhaus transportiert

Im ungefähr 100 Kilometer entfernt liegenden Baltimore versieht Hugh Hill seit vielen Jahren seinen Dienst als leitender Notfall-Arzt im Johns Hopkins Bayview Medical Center. Er hält manche Klagen der Krankenpfleger für berechtigt. Gut möglich, dass es in einigen Krankenhäusern keine entsprechende Schutzkleidung und Sicherheitsvorrichtungen gibt, räumt er im Gespräch mit der Deutschen Welle ein. "Das wird jetzt aber schnell behoben", ist er sich sicher. Für sich und sein eigenes Krankenhaus nimmt Hill allerdings in Anspruch, dass man auf einen möglichen ersten Ebola-Patienten vorbereitet sei. "Als die Nachricht vom Ausbruch der Krankheit kam, haben wir mit Screenings reagiert und die Leute nach ihren Reisen gefragt. Seit dem Fall in Dallas haben wir sehr schnell unsere Schutzmaßnahmen überprüft, weitere Pläne gemacht und letzte Woche damit begonnen, mit unseren Mitarbeitern den Umgang mit Schutzkleidung und die Reinigung von Räumen zu üben".

Zu spät mit Trainings begonnen

Hill gesteht allerdings ein, dass sein Krankenhaus zu spät mit den Trainings der Schutzmaßnahmen begonnen hat. Erst relativ spät, nach der Infektion der ersten Krankenschwester in Dallas, habe man erkannt, dass man "mehr" machen müsse. "Wir dachten wirklich, dass die bereits eingeführten Schutzmaßnahmen angemessen wären", versucht er den zeitlichen Verzug zu erklären. "Wir mussten lernen, dass dieses Virus hochinfektiös ist und Patienten besonders kurz vor ihrem Tod einen unglaublich hohen Anteil an Viren in sich tragen."

Dr. Hugh. F. Hill

Dr. Hugh F. Hill, Johns Hopkins University School of Medicine

Das Johns Hopkins-Krankenhaus übt laut Hill mit seinem medizinischen Personal das sogenannte "Buddy-System", bei dem drei Mitarbeiter involviert sind, wenn der Krankenpfleger seine Schutzkleidung anzieht: "Einer, der die Vorschriften vorliest und sicherstellt, dass die Schutzkleidung vorschriftsmäßig an- und ausgezogen wird. Ein Zweiter, der auch Schutzkleidung anhat und nichts anderes macht, als aufzupassen, dass es zu keiner Kontaminierung kommt". Der Dritte ist schließlich der eigentliche Pfleger, der mit dem Patienten in Kontakt kommt.

Hill ist sich nicht sicher, ob andere Krankenhäuser auch dieses aufwändige Verfahren trainieren. Woanders würden die Vorschriften manchmal an die Wände projiziert, bei ihnen würden sie vorgelesen, damit auch jedes Detail peinlich genau beachtet werde. Zum Anlegen der Handschuhe heiße es zum Beispiel: "Nun ziehst du die Handschuhe an und ziehst sie über deine Handgelenk".

Harte Kritik an der US-Seuchenschutzbehörde

Sein Krankenhaus habe das "unglücklicherweise bisher so nicht geübt" und brauche noch Zeit, um das gesamte Personal zu schulen. Bisher seien sechs Mitarbeiter aus der Notfallmedizin unterwiesen (Stand 16. 10.2014). Bis Ende nächster Woche würden es "Hunderte" im ganzen Krankenhaus sein.

Von der zentralen US-Seuchenschutzbehörde CDC in Atlanta, die Krankenhäuser und lokale Gesundheitsämter mit Empfehlungen versorgt, fühlt sich Hill kompetent unterstützt.

Anders sieht das Jowita Lynn. Die Umsetzbarkeit der CDC-Empfehlungen sieht sie nicht gewährleistet: "Das CDC ändert dauernd seine Ansichten. Und mein Krankenhaus hat es noch nicht einmal geschafft, die ursprünglichen Regeln umzusetzen, geschweige denn die nachfolgenden." Lynn kommt zu einem harten Urteil: "Wir haben nichts, womit wir arbeiten können."

Zudem habe man in ihrem Krankenhaus in Washington die CDC-Empfehlungen nur als Ausdrucke in die Hand bekommen, ohne dass es eine Unterweisung, geschweige denn ein Training gegeben hätte.

"Wir lernen laufend hinzu"

Hugh Hill hat hingegen Verständnis für die sich ändernden Handreichungen der US-Seuchenschutzbehörde. "Wir lernen über diesen Virus laufend hinzu. Und ich denke, alle Experten in den USA sagen, dass wir unsere Reaktion auf die Krankheit nachjustieren müssen, nach dem, was wir in Dallas erlebt haben."

Ebola Gefahr USA

Die Wohnung eines Ebola-Infizierten wird desinfiziert

Nur vier Krankenhäuser in den USA haben die höchstmöglichen Sicherheitsstandards, darunter die in Atlanta und Washington, in die jetzt die beiden Ebola-Patienten verlegt wurden. Andere große Krankenhäuser hätten auch gute, aber "nicht perfekte" Möglichkeiten, Patienten zu isolieren, meint Hill. Da die vier hochspezialisierten Krankenhäuser nur eine begrenzte Bettenzahl zur Verfügung hätten, seien weiterhin auch Krankenhäuser wie das seinige in Baltimore gefordert, sich bestmöglich zu rüsten. Dabei gibt es laut Hill kein einheitliches Vorgehen in den USA, sondern jedes Krankenhaus arbeitet individuell an der Vorbereitung für den Notfall.

Im Johns Hopkins Krankenhaus in Baltimore hat man sich beispielsweise auf folgende Vorgehensweise verständigt: Wer zur Notaufnahme kommt, wird zunächst nach möglichen Reisen befragt. Und wenn dann jemand Fieber oder malariaähnliche Symptome habe, die möglicherweise durch Ebola ausgelöst sein könnten, werde er sofort in die Isolierstation überwiesen. "Wir rufen dann unsere örtliche Gesundheitsabteilung an, unser eigenes Fachteam für Infektionskrankheiten und verständigen das Sonderteam von Johns Hopkins, das seine Leute innerhalb einer Stunde zu uns schickt."

Fehler sind immer möglich

Man werde aber niemals perfekt sein, gibt Hill zu bedenken. "Wir können uns nur an Perfektion annähern“. Er versteht sehr gut, dass die Menschen in den USA besorgt sind, aber seine Mitarbeiter und er würden weiterhin zur Arbeit kommen, auch wenn sie sich jetzt noch mehr der Gefahr bewusst seien.

"Das ist meine Arbeit, das ist mein Leben, das ist was mich ausmacht," sagt er. Vor einigen Jahren habe er seiner Familie bei einer ähnlichen Situation erklärt, "dass Dad für einige Tage nicht nach Hause kommt. Und im extremsten Fall kann es auch sein, dass er gar nicht mehr nach Hause kommt."

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