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Kultur

Ebner: Biennale selbstbewusster Künstler

Ein künstlerisches Kraftfeld soll der Deutsche Pavillon auf der Biennale in Venedig werden. Ein Aushängeschild für die Kulturpolitik. Florian Ebner präsentiert vier starke Positionen: junge Kunst aus Deutschland.

DW: Herr Ebner, die Kunstwelt wartet gespannt darauf, wie der Deutsche Pavillon in diesem Jahr bespielt wird. Sie präsentieren mit Olaf Nicolai, Hito Steyerl, Tobias Zielony und dem Künstlerpaar Jasmina Metwaly/Philip Rizk ganz unterschiedliche Künstler. Zeigen Sie damit in Venedig auch vier polarisierende Künstlerpositionen von heute?

Florian Ebner: Das sind formal, methodisch und vom Charakter sehr unterschiedliche Künstler. Ich denke, dass es interessante Resonanzen zwischen den Arbeiten gibt, die dann im Deutschen Pavillon auch sichtbar werden. Aber wir müssen uns das auch als Ort selbstbewusster Akteure vorstellen. Das ist auch eine Brücke in die heutige Zeit und die politische Situation.

Wofür stehen die vier Künstler, die Sie ausgewählt haben? Damit zeigen Sie ja auch zeitgenössische "Kunst aus Deutschland" - nach welchen Kriterien?

Wir wissen alle, dass sich die Art und Weise, wie Bilder unser Leben dominieren, über Facebook, Google und den sozialen Netzwerken, stark verändert hat. Auch in der Art und Weise, wie sie politisch Bewegung schaffen und Prozesse in Gang setzen. Das haben wir jüngst erlebt, wie Karikaturen provozieren können. Ich glaube, dass das Nachdenken über das Bild vor allem in der Fotografie gerade jetzt von besonderer Relevanz ist.

Venedig-Biennale 2015 Filmstill How not to be seen

Die Berliner Künstlerin Hito Steyerl verarbeitet digitale Fotos zu ungewöhnlichen und völlig synthetischen Bilderwelten

Eine Künstlerin wie Hito Steyerl macht ganz dezidiert Arbeiten über den Zustand der Bilder, auch der aktuellen digitalen Bilderwelt. Mit Tobias Zielony ist ein weiterer Fotograf dabei, der in seinem Projekt Bilder über die reale Migration von Flüchtlingen macht. Und zu diesen beiden gesellen sich Jasmina Metvaly und Philip Rizk mit einer theatralisch-filmischen Arbeit - eine Art experimentelles Kammerspiel, das uns in die sehr physische Welt des Alltagslebens von Kairo führt. Die Akteure sind ungelernte Schauspieler, Gelegenheitsarbeiter, die die politische Situation vor Ort in Ägypten nachspielen. Und dann gibt es lebendige Bilder, wenn man so möchte: menschliche Körper, Figuren, Akteure, die als Performance und Aktion in einer Arbeit von Olaf Nicolai zu sehen sein werden.

Inwieweit interpretieren alle vier Künstler auf ihre Weise den Begriff "Bild" neu? Auch zeitgemäß vielleicht?

Augenscheinlich wird das bei der Künstlerin Hito Steyerl, die im Grunde eine dokumentarische Haltung zur Welt - dazu, was da passiert - nachspielen lässt. Diese Bilder bearbeitet sie dann im Rechner und schafft aus diesen digitalen Bildern neue Bildwirklichkeiten mit den künstlerischen Mitteln der computer-generierten Bilder. Das ist eine völlig synthetische Bilderwelt. Und das wird zusammen zu sehen sein mit den Bildern von Tobias Zielony, der "Refugees" (Flüchtlinge, d.Red.) aus Afrika als Fotograf inszeniert, wiederum zur Diskussion stellt und in neue Kanäle führt. Es sei noch nicht ganz verraten, was es dann ist.

Filmstill Via von Tobias Zielony

Flüchtlingsdrama: der Fotograf Tobias Ziemony inszeniert reale Geschichten zu surrealen Bildsequenzen

Ihr Kuratorenkonzept ist stark an der Architektur des Deutschen Pavillons angelehnt, also auch an dem historische Gebäude. Haben Sie mit den Künstlern eine gemeinsame Exkursion nach Venedig gemacht, um sie den "Spirit" der Räume atmen und erleben zu lassen?

Ich glaube, keine Ausstellung im

Deutschen Pavillon

kommt daran vorbei, auf dieses Gebäude Bezug zu nehmen. Es gab da ganz große Arbeiten deutscher Künstler: Beuys, Haacke. Und diese Arbeiten kann man natürlich nicht kopieren. Das heißt, man muss eine neue Haltung zu diesem Pavillon finden. Und das versuchen wir, in dem wir diesen Pavillon anders lesen und interpretieren. Vor allem in seiner enormen Höhe, die er auch hat, um dieses Monumentale auch zu nutzen.

Und wie war die Stimmung, als sie alle zusammen diese heiligen Hallen des Deutschen Pavillon, betreten haben?

Wir haben da großen Respekt davor, sind aber auch alle demütig genug, da auf dem Teppich zu bleiben. Im Gegenteil: Es ist eher ein Bürde und eine große Verantwortung, damit umzugehen.

Inweiweit fühlen Sie sich da auch als Botschafter dieses Kunst- und Kulturlandes Deutschland? Sie sind als Kurator ja vom deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier persönlich gebeten worden, sich ein Konzept für den Deutschen Pavillon auf der Biennale 2015 auszudenken.

Ich muss mir natürlich überlegen, welchen Bezug dieser Ort, dieser Pavillon, wo "Germania" drübersteht, zur Welt hat, also auch der globalen Welt. Viele der vorhergehenden Konzeptionen haben sich mit der deutschen Identität, mit deutschen Mythen auseinandergesetzt. Und wir versuchen auch zu fragen: Was haben wir (in Deutschland, Anmerk. d. Red.) heute mit den anderen Regionen der Welt zu tun? Das ist durchaus eine Haltung, die im Moment auch politisch verstanden wird.

Venedig-Biennale 2015 Filmstill Out in the streets

Inszenierte Wirklichkeit als Filmkunst: eine Videoarbeit des Künstlerpaares Jasmina Metwaly und Philip Rizk

Haben Sie auch eine Antwort auf die architektonischen Räume gesucht? Oder nur auf die Geschichte des Deutschen Pavillons?

Die Geschichte wird schon beachtet. Das wird nur nicht so offensichtlich gespielt, wie bei der Arbeit von Hans Haacke. Da gibt es bei uns auch feinere Details beim Umgang mit dem Gebäude. Und es gibt ganz schlicht den Ansatz, dass wir die vorgefundene Architektur interpretieren. Nicht nur in der historischen Aufladung, sondern konkret an der historischen Bausubstanz.

Ihre Künstler bespielen und nutzen ganz unterschiedliche Medien und Bildformen. Gibt es auch gemeinsame Grundlinien zwischen den künstlerischen Positionen? Inwieweit müssen Sie die als Kurator choreografieren?

Es gibt in und zwischen den Arbeiten Resonanzen, also etwas, was wiederhallt: Motive, Haltungen. Aber sie sind schon unterschiedlich, so dass wir nicht in Versuchung kommen, etwas in Hinblick auf etwas Gemeinsames zurechtbiegen zu wollen. Aber es gibt auch durchaus einen kollektiven Geist. Wir versuchen das als Idee einer "Fabrik der Gedanken" zu profilieren. Viele Deutsche Pavillons in Venedig wurden mit Künstlern aus dem Rheinland bestritten - daran merkt man auch die Bedeutung von Düsseldorf, Köln in den 70er und 80er Jahren. Jetzt sind es drei Künstler aus Berlin, die zumindest in Berlin leben und arbeiten. Und das spiegelt vielleicht auch wieder, welche Bedeutung diese Stadt heute in der Kunst hat.

Das Gespräch führte DW-Reporterin Heike Mund in Berlin.

Der Kunsthistoriker Florian Ebner , Jahrgang 1970, ist Kurator für den Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig 2015. Als Spezialist für Fotografie und Bilderwelten der digitalen Medienkunst leitet er seit 2012 die

Fotografische Sammlung im Museum Folkwang Essen

. Er kuratierte zahlreiche erfolgreiche Ausstellungen. "Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution" wurde 2013 zur Ausstellung des Jahres gewählt.

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