1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Ebert: "In der Begegnung liegt eine große Chance zur Integration"

Die Flüchtlingskrise sei vor allem auch eine kulturelle Herausforderung, sagt der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Johannes Ebert. Die Kultur könne der Politik bei der Integration helfen und tue dies bereits.

DW: Herr Ebert, immer wenn die Politik nicht weiter weiß wie in der Flüchtlingskrise, dann ruft sie die Kultur und Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut (GI). Fühlt sich das GI in diesem Fall wie so eine Art "Trümmerfrau" der Politik?

Johannes Ebert: Nein, ich finde es übertrieben, es als "Trümmerfrau" darzustellen. Für uns hat das Thema Flüchtlinge schon seit 2013 Relevanz, weil unsere Kollegen in den Nachbarländern von Syrien sehr intensiv damit konfrontiert wurden, etwa in den Lagern in Jordanien und Libanon. Wir haben dort mit Kulturprogrammen begonnen, weil es eine große Frage ist, wie man den Kindern und jungen Leuten eine Perspektive auf der Flucht gibt. Wir unterstützen auch geflohene Kulturschaffende mit einem Fond, weil Kunst und Kultur bei einem künftigen Wiederaufbau in Syrien eine wichtige Plattform für zivilgesellschaftlichen Austausch sein werden.

Schauen wir auf Deutschland und die Rolle des Goethe-Instituts. Wie stark ist der Druck der Politik zu "liefern"? Sie veranstalten ja demnächst in Weimar ein Symposium zum Thema "Teilen und tauschen". Steht das im unmittelbaren Zusammenhang?

Es ist wichtig, dass man den Flüchtlingen eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Da sind sich alle einig, aber die Zahlen sind groß. Die Rolle des GI sehe ich vor allem in der Vermittlung der deutschen Sprache. Das Kultursymposium in Weimar steht unter dem Dachthema "Teilen und Tauschen". Wir wollen nicht tagesaktuell diskutieren, sondern Phänomene beleuchten, die tiefer gehen. Etwa: Wie sehen internationale Beziehungen unter diesem Aspekt aus? Auf Deutschland bezogen steht da eine essentielle Frage im Raum: Was sind wir als Gesellschaft zu teilen bereit? Oder ganz pointiert: Was geben wir ab? Das ist ja die Grundfrage, wenn soviel Menschen fliehen. Denn das Teilen geht ja immer nur beidseitig. Wir müssen den Flüchtlingen da entgegenkommen.

Die Bundesregierung hat sich vor kurzem auf Eckwerte zur Integration geeinigt und ist dabei auch auf heftige Kritik gestoßen. Die "Süddeutsche Zeitung" etwa kritisiert, dass der Integrationsbegriff auf den Arbeitsmarkt verengt wurde. Worauf kommt es Ihrer Meinung nach bei Integration an?

Eine der Hauptfragen ist, wie man eine Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht. Aber es gibt auch noch eine andere große Frage - und das ist die nach den Werten. Wie bringt man Verständnis füreinander auf - auf Basis von geteilten oder eben auch unterschiedlichen Wertvorstellungen. Bei dieser Thematik ist Kultur sehr wichtig, auch Kulturprodukte wie Bücher und Filme. Oder wir gehen den Königsweg und initiieren eine Koproduktion zwischen geflüchteten Künstlern und Deutschen.

Wenn mehr als eine Millionen Menschen aus anderen Kulturkreisen in ein Land kommen, dann hat das kulturelle Auswirkungen, dann ist das eine massive kulturelle Herausforderung. Meinen Sie, dass die Politik und die Menschen in Deutschland bereits verstanden haben, wie tief das reicht?

Ich bin da Optimist. Meine Frau ist selber aus einem anderen Kulturkreis. Ich empfinde das ganz persönlich als Bereicherung. Ich glaube, dass die Menschen erst einmal abwarten. Das ist verständlich. Aber in der tatsächlichen Begegnung liegt dann eine große Chance. Und hier kann Kultur helfen.

Noch einmal zurück zum Motto Ihres Weimarer Symposiums "Teilen und tauschen." Sie haben ja auch mal in Kairo gearbeitet, also nicht weit von der Region, aus der die Flüchtlinge kommen. Was können wir Deutschen lernen von der Teile-und-Tausche-Kultur in der Arabischen Welt?

Ebert: Man muss sich die Zahlen angucken. In Libanon sind von vier Millionen Menschen fast die Hälfte Flüchtlinge. In Jordanien 600.000 und in der Türkei mehr als zwei Millionen. Es gibt bestimmt auch Friktionen dort, aber es gibt keine Gewalt gegen Flüchtlinge. Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden. Diese Länder stehen unter einem viel größeren Druck als wir. Und sie suchen nach Lösungen, ohne dass Flüchtlingsheime angezündet werden.

Johannes Ebert (* 1963), ist seit 1991 Mitarbeiter des Goethe-Instituts und seit dem 1. März 2012 dessen Generalsekretär. Der studierte Islamwissenschaftler leitete zuvor die Goethe-Institute in Kiew und Kairo sowie die Region Nordafrika/Nahost des Goethe-Instituts. Von 2007 bis 2012 leitete er das Goethe-Institut Moskau und die Region Osteuropa/Zentralasien.