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Lateinamerika

DW Akademie in Kolumbien: Räume für Erinnerungen

Zwei Projekte der DW Akademie unterstützen in Kolumbien die Aufarbeitung des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Regierung und Rebellen-Gruppen. Der Dokumentarfilm eines lokalen TV-Senders wirkte beispielhaft.

Kolumbien Gertrudis Nieto, Trauer um Sohn (DW/E. Otálvaro)

Mit einem kleinen Holzkreuz erinnert Gertrudis Nieto an ihren Sohn, der von Militärs erschossen wurde.


Fünfzehn Jahre hat es gedauert, bis Gertrudis Nieto sich zum ersten Mal traute, über den schmerzlichen Verlust ihres Sohnes Jesús zu reden. Sonsón, drei Autostunden von Medellín entfernt, war damals, wie so viele Dörfer in der Gegend, Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Guerillas, Paramilitärs und staatlichen Sicherheitskräften. Jesús hatte sich einer paramilitärischen Gruppe angeschlossen, die außerhalb des Dorfes in einem Freizeitzentrum ihr Lager aufgeschlagen hatte. Es kam zur Konfrontation mit dem Militär, 18 Jugendliche kamen ums Leben. Heute ermittelt die Staatsanwaltschaft, bislang ohne Ergebnis. Für Gertrudis Nieto ist allerdings klar: die Verantwortlichen sitzen in der Hauptstadt Bogotá. „Wir waren den Angriffen der bewaffneten Gruppen hilflos ausgesetzt, der Staat hat nichts getan. Mein Sohn Jesús glaubte, wie viele andere Jugendlichen, er müsse seine Familie beschützen.“

Das Schweigen ist gebrochen

Journalisten des lokalen Fernsehsender Sonsón TV haben die Ereignisse in einem Dokumentarfilm rekonstruiert, mit Doña Gertrudis in der Hauptrolle. Der Film ist Ergebnis eines Projekts der DW Akademie und ihres lokalen Partners, der Universidad de Antioquia. Zum ersten Mal wird ausführlich über den Fall berichtet und die Frage nach der Verantwortung gestellt. Für Gertrudis Nieto hat sich vieles verändert seither. Wegen der Verbindung ihres Sohnes zu den Paramilitärs war sie jahrelang von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen. Niemand wollte mit ihr sprechen, sie fühlte sich schuldig. Vergangene Ostern wurde in Sonsón erstmals der erschossenen Jugendlichen gedacht. Der Film wurde gezeigt und Gertrudis Nieto hielt eine Ansprache. Danach schlossen sie viele in ihre Arme. Zum ersten Mal wurde sie wahrgenommen als eines der Millionen Opfer des jahrzehntelangen Konflikts. „Es hat sich gelohnt, darüber zu sprechen“, sagt Gertrudis Nieto nach der Gedenkveranstaltung. 

Drei kurvenreiche Stunden von Sonsón liegt Granada. Grüne Landschaften, kleine bunte Bauernhäuser zwischen Avocado-, Orangen- und Kaffeepflanzungen. Warum wurde ausgerechnet hier jahrelang Krieg geführt? Wegen der Nähe zur Metropole Medellín und der Autobahn nach Bogotá kämpften verschiedene Gruppen um die  Kontrolle über Territorium und Zivilbevölkerung. 
Die Zahlen des nationalen Zentrums für Erinnerung sprechen für sich: In Granada, einem Ort mit 10.000 Einwohnern, wurden zehn Massaker verübt, 460 Menschen ermordet, weitere 98 entführt, eine Autobombe verwüstete vier Straßenblocks im Dorfzentrum.

Seit 1964 wurde Kolumbien vom Konflikt zwischen linker Guerilla, rechten Paramilitärs und Militär beherrscht. Die Rebellen der FARC haben nach langen Verhandlungen in diesem Jahr ihre Waffen abgegeben, der kolumbianische Präsident Santos wurde für seinen Einsatz mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Aufarbeitung der jahrzehntelangen Gewalt geht jedoch nur langsam voran. Die DW Akademie unterstützt seit drei Jahren gemeinsam mit der Universidad de Antioquia den Community Sender von Granada bei der journalistischen Auseinandersetzung mit dem Konflikt. 

„¡Nunca más! – Niemals wieder!“

Gemeinsam mit dem lokalen Opferverband haben die Lokaljournalisten die Geschichte in zwei Zeitsträngen dargestellt – auf der einen Seite die Gewalt der bewaffneten Gruppen, auf der anderen Seite der zivile Widerstand der Dorfbewohner. Die Multimediapräsentation ist Ergebnis eines zweijährigen Fortbildungs- und Beratungsprogramms, mit journalistischem Training, Vorträgen und Seminaren über Geschichte und Aufarbeitung, Arbeitsgruppen und Diskussionsforen.  „Wir Jüngeren waren damals noch Kinder“, sagt Dubian Giraldo, Chef des Radiosenders Granada Stereo, „jede Familie hier hat Opfer zu beklagen, aber wir kannten die Geschichte nur bruchstückhaft, vom Hörensagen. Seit wir angefangen haben selbst zu recherchieren, beginnen wir, die Zusammenhänge zu verstehen.“ 

Die Geschichte von Gewalt und zivilem Widerstand in Granada ist jetzt auf interaktiven Bildschirmen im „Salón del Nunca Más“ zu sehen, einem Gemeinderaum, der der Erinnerung an die Opfer gewidmet ist. DW Intendant Peter Limbourg besuchte bei seinem Kolumbien-Besuch im Juli den „Salón del Nunca Más“ und sprach mit  Opfervertretern und Lokaljournalisten. Er zeigte sich beeindruckt von der medialen Aufarbeitung: „Es ist sehr wichtig, Räume zu schaffen, damit Erinnerungen in der Gemeinschaft bleiben“, so Limbourg.

Als nächster Schritt soll die Multimediapräsentation in den Schulen der Gemeinde eingesetzt werden. „In kolumbianischen Schulen findet kein Geschichtsunterricht statt“, so Matthias Kopp, Ländermanager der DW Akademie. „In dem nach wie vor gespaltenen Land kann man sich offenbar noch nicht auf eine unterrichtstaugliche Version einigen.“ Die Bewohner von Granada und Sonsón sind da schon weiter: Sie haben ihre Geschichte jetzt selbst in die Hand genommen.