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Filme

DVD-Tipp: Nagisa Oshima

Immer noch werden Schätze des Kinos gehoben. Filme, die in Deutschland kaum zu sehen waren, können wiederentdeckt werden. Die DVD macht es möglich. Japans Meisterregisseur Nagisa Oshima war ein Revolutionär des Kinos.

David Bowies Kopf, eingeraben in Sand - Szene aus Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence (Foto: Kinowelt)

David Bowie in "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence"

Nagisa Oshimas Rang im japanischen Kino ist unumstritten. Er gilt als einer der großen Neuerer der siebten Kunst. In den 1960Jahren sorgte Oshima mit seinen Filmen für aufsehenerregende Experimente. Sowohl formal als auch bei der Wahl seiner Sujets. Und doch kann sich der interessierte Filmfan hierzulande kaum über das Werk des Japaners informieren. Lediglich sein bekanntester Film "Im Reich der Sinne" ist hin und wieder im Spätprogramm der Fernsehsender zu sehen. Retrospektiven im Kino sind äußerst selten. Bleibt also der DVD-Markt.

Das österreichische Label "polyfilm video" macht als erster europäischer DVD-Anbieter auf einige berühmte japanische Regisseure aufmerksam. Für den deutschsprachigen Markt wahrlich eine cineastische Großtat. 22 Filme erscheinen bis November 2011, darunter vier Werke Oshimas. Ein späterer Film des Japaners, "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence", erscheint zudem gerade beim Anbieter "Kinowelt/Arthaus". Gelegenheit also, die Filme Nagisa Oshimas (wieder-)zusehen.

"Nacht und Nebel über Japan" (1960)

Dass es bei einem an sich harmlosen Familienfest zu eruptiven Ausbrüchen kommt und die Vergangenheit diskutiert wird, dass ist inzwischen ein gern genommener Topos im europäischen Kino. Oshimas vierter Film hat das bereits 1960 vorweggenommen. Bei einer Hochzeitsfeier ehemaliger linker Aktivisten kommt es zu endlosen Auseinandersetzungen um Schuld und Verantwortung.

Mehrere Männer und Frauen streiten sich - Szene aus Nacht und Nebel über Japan (Foto: polyfilm video)

Aufruhr bei der Hochzeit - "Nacht und Nebel über Japan"

Im Mittelpunkt der Diskussionen: die Proteste gegen den japanisch-amerikanischen Sicherheitsvertrag von 1960. Oshima stellte den Film bereits wenige Monate nach den historischen Ereignissen fertig und brachte ihn in die Kinos. Dort verschwand er allerdings nach ein paar Tagen wieder. "Nacht und Nebel" barg zu viel politischen Sprengstoff, zu explosiv waren den Filmfunktionären damals die scharfe Kritik und die Aussagen des Films. Es war der erste (politische) Filmskandal des Regisseurs.

"Sing a Song of Sex" (1967)

Oshimas Blick auf das Studentenleben der 60er Jahre in Japan. Es sind jedoch weniger Vorlesungen und Seminare, die die Studenten interessieren, als die Suche nach Mädchenbekanntschaften und Sex. Dabei spielt die Musik eine große Rolle. Die sexuellen Wünschen und Begierden werden immer wieder in anstößigen Liedern vorgetragen. Ob es dabei nur bei den verbalen Verstößen bleibt, dass lässt Oshima offen. Träume und Realität verschwimmen, die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit bleiben unscharf.

Ein Mann und Frau liegen auf dem Fußboden und schauen auf - Szene aus Sing a Song of Sex (Foto: polyfilm video)

Lieber mit Mädchen rumhängen als studieren: "Sing a Song of Sex"

Als Orientierungspunkte gelten auch bei den Studenten Tokios westliche Kulturgüter, der Film "Lawrence of Arabia" und die Romane Henry Millers. Im Hintergrund wird gegen den Vietnam-Krieg protestiert, es werden christliche Protestlieder gesungen. Die Bilder Oshimas sind atemberaubend: Der winterliche Campus, die Architektur der 60er, die Straßen und Gebäude - all das verdichtet der Regisseur zu einem faszinierenden Spiel aus Farben und Formen auf Breitwand.

"Die Nacht des Mörders" (1967)

Die verstörende Geschichte der sexsüchtigen Nejiko und des lebensmüden Otoko. Beide geraten in die Fänge einer Yakuza-Bande. Es beginnt ein Spiel um Leben und Tod, das aber niemals eindeutige Antworten parat hält.

Verschiedene Männer und eine Frau schauen auf ein Fernsehgerät - Szene aus Die Nacht des Mörders (Foto: polyfilm video)

Auch das Fernsehen wird zum Gegner - "Die Nacht des Mörders"

Nagisa Oshima in seinen Schriften zum eigenen Werk "Die Ahnung der Freiheit": "Otoko und Nejiko bauen ihre Existenz auf gemeinsamen Elementen auf, die sich aber auf entgegengesetzte Weise äußern. Genau aus diesem Grund ziehen sie sich gegenseitig an. Der Film darf auf keinen Fall nach dem Schema beurteilt werden: Nejiko = Leben, Otoko = Tod." Auch hier erinnern die Bilder an die existenzialistischen Landschaften europäischer Kinogrößen wie Michelangelo Antonioni.

"Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" (1983)

Immer noch einer der faszinierendsten (Anti-)Kriegsfilme der Kinogeschichte. Zudem ein Paradestück in Sachen Zusammenprall der Kulturen. Der Film spielt 1942 in einem japanischen Kriegsgefangenenlager auf Java. Ein britischer Major (David Bowie) und ein japanischer Kommandant (Sakamoto Ryuichi) liefern sich die zentrale Auseinandersetzung, um die Oshima weitere eindrucksvolle Figuren gruppiert: den zwischen den Kulturen vermittelnden Lawrence (Tom Conti), den "sensiblen" Sadisten Hara (Kitano Takeshi).

Mann küßt einen anderene Mann - Szene aus Merry Christmas Mr. Lawrence (Foto: Kinowelt)

Der Kuß als stärkste Waffe - "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence")

Die Protagonisten geraten in einen Sog aus Ehrenkodex und Durchhaltewillen, Moral, Lust und Homoerotik, aus dem am Ende kaum jemand unverletzt an Leib und Seele herauskommt. Oshimas Bilder (und vor allem auch die grandiose Filmmusik Sakamotos) machen aus dem Plot eine atemberaubende Reise in menschliche Abgründe, visuell ungeheuer aufregend, mit eindrucksvollen Darstellerleistungen.

"Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" ist beim DVD-Anbieter "Kinowelt/Arthaus" erschienen, die drei anderen sowie der Film "Das Grab der Sonne" (1960) liegen beim österreichischen Label "polyfilm video" vor.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Marlis Schaum

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