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Filme

DVD-Tipp: Die Passion der Jungfrau von Orléans

Jeanne d'Arc wurde vor 600 Jahren geboren. In Frankreich gehört ihre Geschichte zum allgemeinen Kulturgut. Vor allem in diesem Wahl-Jahr wird überall an sie erinnert. Auch das Kino hat sich vielfach mit ihr beschäftigt.

Es würde wohl nur Weniges übrig bleiben, auf das sich die beiden Anwärter auf die französische Präsidentschaft Nicolas Sarkozy und François Hollande einigen könnten. Auf die Tradition des französischen Essens, auf den Wein, auf einige Eckdaten der Geschichte. Bei den historischen Figuren dürfte es schon schwieriger werden. Jeanne d´Arc würde auf jeden Fall zu den Persönlichkeiten der französischen Historie gehören, auf die sich die derzeit so erbittert ringenden Sarkozy und Hollande verständigen könnten. Sarkozy hatte den Wahlkampf mit einem Besuch in Domrémy, dem Geburtsort Jeannes, eröffnet. Jeanne d´Arc ist unumstritten eine französische Nationalheilige. Etwas Vergleichbares gibt es beispielsweise in der deutschen Geschichte nicht.

Große Regisseure - großes Thema

Und so ist es nicht erstaunlich, dass sich auch das französische Kino (neben der Literatur, der Kunst, der Musik) dem Leben und dem Wirken dieser Lichtgestalt französischer Historie immer wieder angenommen hat. Regiegrößen wie Roberto Rossellini, Otto Preminger, Robert Bresson oder Jacques Rivette haben der historischen Figur im Kino ihre Referenz erwiesen. Luc Bessons Leinwandversion von 1999 war die letzte große, zudem sehr spektakuläre Jeanne d´Arc-Filmversion, ein monumentaler Historienstreifen à la Hollywood, selbstverständlich in französischem Gewand ("The Messenger: The Story of Joan of Arc" war eine amerikanisch-französische Co-Produktion). Und doch scheint der französische Film "Die Passion der Jungfrau von Orléans" des dänischen Regisseurs Carl Theodor Dreyer aus der Ära des Stummfilms die bis heute bemerkenswerteste Kinoadaption zu sein. Dreyers Film, der ja damals erst ein paar Jahre nach der Heiligsprechung Jeanne d´Arcs durch den Papst entstand, liegt nun - ausgestattet mit reichlich Bonusmaterial - erstmals auf DVD vor.

"Die Passion der Jungfrau von Orléans" gilt nicht nur als Meisterwerk des einflussreichen dänischen Regisseurs, sondern auch als einer der bemerkenswertesten Filme des Kinos. Zuletzt wurde Dreyers "Jungfrau" auf dem "Toronto International Filmfestival" vor zwei Jahren auf Platz 1 der einflussreichsten Filme aller Zeiten gewählt.

Thomas Mann war begeistert...

1928 zunächst in Kopenhagen, wenig später in Paris aufgeführt, wurde der Film von der zeitgenössischen Kritik enthusiastisch begrüßt. Auch in Deutschland fand der Film Anerkennung, wenn auch nicht ungeteilte. Thomas Mann zeigte sich tief bewegt, meinte Dreyers Film müsse alle beeindrucken, "die an die Vergeistigungsmöglichkeiten des Films allmählich glauben gelernt haben und sich durch ein so bewundernswürdiges Experiment in diesem Glauben befestigt sehen." Zwiespältig fiel das Urteil des bekannten Filmtheoretikers Rudolf Arnheim aus: "Die Kamera ist rege: Sie fotografiert den wundervoll beseelten Kopf der Mademoiselle Falconetti schief von oben, zielt schräg auf das Kinn, bringt fünfzig mal die schöne en Face-Aufnahme, blickt dem Kirchenrichter in die Nasenlöcher, fährt ihm auf Schienen eilig gegen die Stirn, nimmt ihn bei Verhörsfrage eins von vorne, bei zwei von der Seite, malt auf weißem Grunde Tonsuren, Fetthälse, Geieraugen - herrliche Porträts in bestürzender Zahl, aber alles auf Kosten der dramatischen Wirkung. Eine Gerichtsverhandlung ist keine Gemäldegalerie."

Arnheim spielte dabei auf die radikale Umsetzung des Stoffs durch Dreyer an. Der Film besteht fast ausschließlich aus Großaufnahmen. Der dänische Regisseur verzichtete auf die üblichen Ingredienzien des klassischen Kostümfilms. Der Zuschauer bekommt nicht die Biografie Jeanne d´Arcs zu sehen. Nicht den spektakulären Aufstieg und Fall der jungen Frau, die - von Gott geführt -, für den Zusammenhalt Frankreichs kämpfte, für die Krone, gegen die Engländer. Und die nach einem Schauprozess schließlich den Feuertod auf dem Scheiterhaufen in Rouen fand.

Mimik als Seele des Gesichts

Dreyer konzentrierte sich allein auf die Verhandlung vor dem geistlichen Gericht, verdichtete den wochenlangen Prozess auf einen einzigen Tag, konzentrierte sich allein auf das Verhör: Auf der einen Seite sieht man eine junge, leidende Frau, ihr gegenüber, die Schar der Kleriker und Staatsvertreter. Dreyers Film ist eine Symphonie der Gesichter: "Nichts in der Welt ist dem menschlichen Gesicht vergleichbar", schrieb Dreyer, "es ist ein Land, dass zu erforschen man niemals müde wird. Die Mimik ist die Seele des Gesichts. Sie ist wichtiger als das Wort. Oft können wir den Charakter eines Menschen in all seinen Schattierungen aus einem einzigen Stirnrunzeln, einem Augenzwinkern lesen. Die Mimik ist der ursprüngliche Ausdruck psychischer Vorgänge, und sie ist älter als das Wort."

Die Worte erreichen den Zuschauer nur über die Zwischentitel. Die aufwendigen Kulissen, die Dreyer errichten ließ, sind nur selten zu sehen. Die Charaktere bewegen sich meist vor schlichtem, weißem Hintergrund, vor kargen Filmbauten, treten nur selten ins Freie. Ein Konzept, dass an die entschlackten Theaterinszenierungen heutiger Tage erinnert - freilich mit dem Unterschied, dass die Größe der Gesichter auf der Leinwand die Zuschauer viel mehr in den Bann zieht. "So hat der Stummfilm den Versuch eines geistigen Dramas besser zu bewältigen vermocht als das geschriebene Schauspiel", schrieb Béla Balázs. Überwältigend auch der Auftritt Maria Falconettis, damals eine kaum bekannte Theaterschauspielerin, die den Film mit ihrer ungeschminkten mimischen Kunst Seele und Kraft gab.

Wiederauferstanden aus den Ruinen...

Konfus verlief die Geschichte des Films nach der Premiere. Staat und Kirche verlangten nach der Uraufführung drastische Schnitte. Die Kopie wurde (auch im Ausland) verstümmelt, das unzensierte Originalnegativ verbrannte. Immer wieder tauchten in den folgenden Jahren jedoch Negative des Films auf - zum Glück. Zunächst konnten Outtakes (für den Film ursprünglich nicht verwendete Szenen) von Dreyer selbst montiert werden, eine 1951 entdeckte Kopie wurde ohne die Hilfe und gegen den Widerstand Dreyers rekonstruiert. Schließlich wurden 1981 in einer Abstellkammer einer norwegischen Nervenheilanstalt (!) Filmrollen gefunden, unter denen sich eine Kopie des ersten Negativs von 1928 befand. Die wurde restauriert und in jüngster Zeit mit Hilfe digitaler Technik bearbeitet. Die französische Nationalheilige Jeanne d´Arc ist so noch einmal auferstanden - zur Freude der Franzosen - und der Kinoliebhaber in aller Welt.

Carl Theodor Dreyer: "Die Passion der Jungfrau von Orléans", Frankreich 1928, ca. 97 Minuten, Extras, u. a. Dokumentation "Wer war Johanna von Orléans?"; Dokumentation "Carl Theodor Dreyer - Mein Metier"; Interview mit Helene Falconetti; 16-seitiges Booklet mit einem ausführlichen Text von Manfred Polak. DVD-Anbieter: Studiocanal/Arthaus.

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