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Kultur

DVD-Tipp: "Der große König" von Veit Harlan

Zwischen Wahnsinn und Propaganda - Friedrich II. aus der Sicht der Nazis. Geplant und gedreht als NS-Propagandafilm, hinterläßt "Der große König" auf den heutigen Betrachter einen äußerst zwiespältigen Eindruck.

Wie kriegt Veit Harlan noch die Kurve? Das fragt man sich nach den ersten zwanzig Minuten des Films "Der große König" verwundert. Denn das erste Viertel des Historienfilms zeigt eine Streitmacht am Ende. Friedrich der Große, wie ihn Veit Harlan zunächst in seinem Film "Der große König" von 1942 präsentiert, ist ein Herrscher eines kriegsmüden und geschundenen Volkes, eines kaputten Landes mit brennenden Höfen und Mühlen und zerstörten Äckern. Einer Armee, deren Soldaten vor dem Feind fliehen, deren Generäle unbedingt Frieden schließen wollen, weil sie alle Hoffnung auf den Sieg aufgegeben haben. Der Film setzt unmittelbar mit der vernichtenden Niederlage der preußischen Truppen bei Kunersdorf im Jahre 1759 ein.

Ein heute noch irritierender Film

Natürlich kriegt Harlan noch die Kurve. Schließlich kam der Film 1942 in die deutschen Kinos, Veit Harlan war der führende Regisseur der Nazis und hatte zuvor das perfide Machwerk "Jud Süß" in Szene gesetzt. Und doch irritiert so manches an "Der große König" nachhaltig. Was einerseits natürlich damit zu tun hat, dass man ihn heute wiedersieht, 70 Jahre nach der Uraufführung im Berliner Zoo-Palast und mit dem Wissen, dass drei Jahre später der Krieg zu Ende war – mit der deutschen Kapitulation. Aber es bleibt ein Rest der Irritation, die sich ein wenig auflöst, wenn man liest, wie und wann genau der Film entstanden ist, wie Goebbels zunächst harsch ablehnend reagierte, wie Harlan um einige Szenen rang.

Joseph Goebbels (M) gratuliert den Regisseuren Wolfgang Liebeneiner (r) und Veit Harlan (M) zu ihrer Ernennung zu Professoren (Foto: picture alliance dpa)

Enge Mitstreiter von Goebbels: die Regisseure Veit Harlan (M.) und Wolfgang Liebeneiner (r.)

Aber auch noch dann bleiben Fragen: Wie unfassbar nah an der Selbstzerstörung war die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis, die im Film immer wieder durchscheint? Musste die zur Schau gestellte Todessehnsucht des preußischen Königs und einiger anderer Filmcharaktere die Zuschauer 1942 nicht verschrecken? Und: Warum sind die Bilder der Niederlage und der Auflösung von Moral und Truppe am Anfang so ausführlich zu sehen, während über die historischen Siege (bei Torgau und Schweidnitz) so beiläufig hinweggegangen wird? Und warum endet der Film mit einer Sequenz, die den alten, kranken und gebrechlichen Friedrich zeigt, der in einer Kirche sitzt und dem Tränen aus den Augen quellen? Natürlich musste die Zuschauer Gestik, Mimik und Schreigebärden an Hitler erinnern. Aber war das in dieser Düsternis im Jahre 1942 so gewollt?

Goebbels mischte sich massiv ein

Verblüffender noch, wenn man bedenkt, dass die Dreharbeiten bereits im September 1940 begannen, zu einer Zeit also, als die meisten Deutschen noch ganz sicher an den "Endsieg" glaubten. Goebbels und seinen Film-Schergen war das alles offenbar auch nicht geheuer. "Vollkommen misslungen", urteilte  Goebbels im Juni '41, als er erste Muster des Films sah, "das Gegenteil von dem, was ich gewollt und erwartet hatte. Ein Friedrich der Große auf der Ackerstraße. Ich bin sehr enttäuscht." Mit dem berüchtigten deutschen Filmfunktionär Fritz Hippler besprach er dann eine Umarbeitung des Streifens, stieß auf Harlans Widerstand, setzte sich am Ende aber natürlich durch. Auch Emil Jannings, der sich längst in den Dienst der Nazis gestellt hatte, fand die erste Fassung schlichtweg "indiskutabel".

Veit Harlan filmt auf dem Münchner Flughafen mit einer Schmalfilm-Kamera (dpa Archivfoto aus dem Jahr 1954).

Fortsetzung der Karriere nach dem Krieg: Veit Harlan im Jahr 1954

Goebbels drang unter anderem darauf, dass von den historischen Abläufen insbesondere bei der Darstellung der Russen abzuweichen sei. In der ursprünglichen Fassung hatte ein russischer General den Preußen zum Sieg verholfen. Das musste angesichts der aktuellen Bündniskonstellation und des Kriegsverlaufs geändert werden. Szenen wurden nachgedreht, mußten neu synchronisiert werden. Besonders "originell": Auch die berlinerische und französische Aussprache Otto Gebührs, des deutschen Dauer-Darstellers von Friedrich II, wurde "nachbearbeitet".

"Die pessimistische Note" nicht betonen...

"Ich versuchte, der Gestalt des Königs die Züge der Wirklichkeit zu verleihen", schrieb Harlan über seinen Charakter, "ich habe auf die heroische Pose verzichtet, ich wollte in das vergrämte Antlitz eines Mannes schauen, der nach der verlorenen Schlacht unter der Verantwortung schier zusammenbricht, die er auf sich geladen hat." Und das Propagandaministerium befahl den Presseleuten, die über den schließlich fertig gestellten Film zu schreiben hatten, sie sollten doch gefälligst "die pessimistische Note, die zu Beginn des Films vielfach die Texte (d.h. die Dialoge, Anm. der Redaktion) beherrschte, und die keinesfalls mit der Haltung des deutschen Volkes im jetzigen Kriege zu identifizieren ist", nicht herausstellen.

Ist "Der große König" also in Wahrheit ein verkappter Widerstandsfilm? Das wohl nicht. Vielmehr ist er ein Beispiel für die verquaste Ideologie der Nationalsozialisten, deren Blut-und-Boden-Philosophie eben etwas pervers-unerklärliches hat. Und er ist wohl auch ein Beispiel dafür, dass sich auch die obersten Nazis eben nicht immer einig waren. Für den heutigen Zuschauer hinterlässt "Der große König" somit einen extrem zwiespältigen Eindruck. Aber vielleicht ist das auch kein Wunder. Hier trafen zwei unerquickliche Ideologien und Weltvorstellungen aufeinander: die eines preußischen Monarchen, der ja auch eine widersprüchliche, höchst ambivalente Figur war und die menschenverachtende Ideologie der Nazis, die Friedrich II. unter ihre Fittiche nahm. Herausgekommen ist ein Film, der – im großen Friedrich-Jahr 2012 – ein interessantes historisches Dokument bleibt.

Veit Harlan: "Der große König", Deutschland 1942, 116 Minuten, DVD-Anbieter: Koch Media/Polar Film; beim gleichen Anbieter ist noch ein anderer Friedrich II-Film erschienen: "Der Choral von Leuthen" von den Regisseure Carl Froelich, Walter Supper, Arzeé´n von Cserépy, Deutschland 1932, 82 Min.

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