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Filme

DVD-Tipp: "Das Schweigen"

Es war der Filmskandal der 1960er Jahre. Ingmar Bergmans Film "Das Schweigen" löste in der Bundesrepublik heftige Debatten aus. Vor allem die Kirchen, aber auch die konservative Presse stießen sich an drei Sexszenen.

Szene aus dem Film Das Schweigen kombiniert mit der DVD (Atlas Film/Kinowelt)

"Das Schweigen" beim Atlas-Verleih

"Das Schweigen" ist einer von acht Filmklassikern, die in der Jubiläums-Box des "atlas film"-Verleihs enthalten ist. In einer sehr schönen Aufmachung hat der legendäre und für die damalige Zeit ungemein wichtige deutsche Filmverleih Kinoerfolge wie "Die Kinder des Olymp" oder "12 Uhr mittags" als DVD-Box auf den deutschen Markt gebracht.

Szene aus dem Film Das Schweigen (dpa)

Umsrittene Szene: "Das Schweigen"

Der Filmkaufmann Hanns Eckelkamp hatte 1960 "atlas" gegründet und schnell zu einem führenden Verleih für Filmkunsttheater aufgebaut. Anspruchsvolle Werke wie Sergei M. Eisensteins "Alexander Newski", aber auch Klassiker der Filmkomik wie "Die Wüstensöhne" (mit Stan Laurel und Oliver Hardy) und "Tatis Schützenfest" (mit Jacques Tati) ergänzten damals das Filmangebot aus Hollywood und Deutschland - zu einer Zeit, als der Neue Deutsche Film noch eine Randexistenz fristete und Karl May-Filme und Serien wie "Schulmädchenreport" die deutschen Kinos dominierten.

"Das Schweigen" (1963)

Ingmar Bergman gehörte zu Beginn der 1960er Jahren schon zu den großen, anerkannten Filmemachern, seine Seelendramen "Das siebente Siegel" und "Wilde Erdbeeren" zählen zum Kanon des europäischen Autorenfilms. Doch es waren keinesfalls die Massen, die sich Filme von Regisseuren wie Ingmar Bergman ansahen, eher ein kleiner, ausgewählter Kreis aus Studenten, Intellektuellen und Bildungsbürgern. Das sollte sich mit "Das Schweigen" ändern. Als der Film Anfang 1964 in die deutschen Kinos kam, wurde er von positiven Besprechungen begleitet.

Filmszene aus Das Schweigen (Foto: Atlas/Kinowelt)

Erwartungsvolle Blick: Ingrid Thulin, Jörgen Lindstöm und Gunnle Lindblom (von r.)

Die Freiwillige Selbstkontrolle - FSK - hatte ihn ab 18 Jahren freigegeben - ohne Schnitte und mit ausführlicher Begründung. Doch die Tageszeitung "Die Welt" fragte provozierend "Kunstwerk oder Pornografie?" und Marcel Reich-Ranicki lästerte in der "Zeit" über Bergmans Werk, kanzelte es als Sexfilm für Spießer ab. Viele Zuschauer beschwerten sich über die freie Zurschaustellung sexueller Handlungen auf der Leinwand, die Katholische Kirche protestierte. Im Bundestag fragten CDU-Abgeordnete, warum ein solch "unsittlicher" Film in den deutschen Kinos laufe. Im September 1964 wurde deshal die "Aktion Saubere Leinwand" gegründet.

Öffentliche Proteste und Kassenschlager

Man kann davon ausgehen, dass erst diese scharfen Proteste, die öffentlichen Diskussionen und giftigen Auseinandersetzungen für den gigantischen Kassenerfolg sorgten. 11 Millionen Besucher wollten Bergmans "Schweigen" damals sehen - ein Phänomen. Das geistige Klima der jungen Bundesrepublik und die Moralvorstellungen der 1950er Jahre hatten paradoxerweise dafür gesorgt, dass nun auch diejenigen ins Kino strömten, die die konservative Elite eigentlich "schützen" wollte.

Doch man sollte die Auseinandersetzungen um "Das Schweigen" auch heute nicht nur als Zeitphänomen abtun. Zweierlei fällt beim Wiedersehen auf. Die drei damals so heftig kritisierten Szenen (ein sich liebendes Paar in einem Kino, eine verzweifelte Kopulationsszene in einem Hotel und eine sich selbst befriedigende Frau) erscheinen heute weit weniger verstörend als damals. Doch die Handlung des Films und vor allem, wie diese erzählt wird, dürfte auch heute viele Zuschauer verstören.

Filmszene aus Das Schweigen (Foto: Atlas/Kinowelt)

Johan entdeckt die Welt der Erwachsenen

Die Geschichte der beiden Schwestern Ester und Anna, die gemeinsam mit dem heranwachsenden Sohn Annas auf der Rückreise nach Schweden irgendwo in einem Hotel stranden, ist auch heute noch von verstörender Intensität. Die düstere Atmosphäre in dem verlassen wirkenden Hotel, die latent vorhandene Sexualität, das angedeutete inzestuöse Verhältnis der beiden Schwestern, die Themen Krankheit und Tod sind derart intensiv und bedrückend inszeniert, dass es dem Zuschauer heute noch kalt den Rücken runterläuft. Vor allem auch die - für die damalige Zeit - verblüffend modern interpretierte Rolle, die Bergman seinen Frauenfiguren zugesteht, dürfte die Menschen irritiert und die Konservativen provoziert haben.

Filmgeschichte zum Sehen

Dass Ingmar Bergman kein einsamer Monolith innerhalb des skandinavischen Kinos war, zeigt eindrucksvoll eine zweite herausragende aktuelle Neuerscheinung auf dem DVD-Markt. Der Anbieter "absolut medien" hatte bereits vor ein paar Jahren eine sechzehn Filme umfassende Kompilation zur Geschichte des Films herausgebracht. Damals hatte das britische Filminstitut zum hundertsten Geburtstag des Kinos verschiedene Regisseure gebeten, ihre nationalen Kinematografien dokumentarisch aufzuarbeiten. Edgar Reitz hatte dem deutschen Kino einen Film gewidmet, berühmte Filmautoren wie Nagisha Oshima (Japan), Jean-Luc Godard (Frankreich) und Nelson Peirera dos Santos (Lateinamerika) waren dabei. Als Krönung hatte US-Regisseur Martin Scorsese gleich zwei Filme beigesteuert (zum amerikanischen und zum italienischen Film). Die Neuauflage der Box "Das Jahrhundert des Kinos - Filmgeschichte weltweit" verfügt nun auch über englischen Originalversionen und über eine verbesserte Kennzeichnung der zitierten Filmtitel.

Collage mit vier Filmszenen aus dem Film Das Kino Skandinaviens aus Das Jahrhundert des Kinos (Foto: absolut medien)

Szenen eines Kinojahrhunderts - Skandinavischer Film

Skandinavische Filmgeschichte

Der schwedische Filmwissenschaftler Stig Björkman gilt als einer der besten Kenner des Werks von Ingmar Bergman. Zur Berlinale stellt er seine Dokumentationen über den berühmtesten Regisseur Skandinaviens persönlich vor. Björkman gehörte 1993 auch zum Kreis der Regisseure, die sich am "Jahrhundert des Kinos" beteiligten. Seine Geschichte des skandinavischen Films "I am curious" führt durch hundert Jahre nordeuropäischen Film. Man ist erstaunt, wie viele berühmte Filmemacher die skandinavischen Nationen hervorgebracht haben, wie viel auch ein Ingmar Bergman schon lernen konnte von der Filmhistorie seiner Heimat. Und auch darüber, was seine "Nachfolger" daraus machten: Ein Lars von Trier zitiert in seinen vieldiskutierten Filmen heute häufig den großen Schweden - ebenso wie sich Bergman in seinen Filmen an Regisseuren wie Carl Theodor Dreyer und Victor Sjöström orientierte. Filmgeschichte als Rück- und Vorschau also - ein gigantisches, vernetztes Erzählen über das Kino ist so entstanden.

Die Atlas-Box enthält außer den erwähnten Filmen noch Buster Keatons "Der General" und "Der blaue Engel" und ist bei "Atlas Home Entertainment" in Kooperation mit "Kinowelt/Arthaus" erschienen. Die bei "absolut medien" vorliegende "Filmgeschichte weltweit - Das Jahrhundert des Kinos" umfasst 7 DVDs und ein 34seitiges Booklet, dass auch ein Register mit sämtlichen Filmausschnitten umfasst.

Autor: Jochen Kürten

Redaktion: Sabine Oelze

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