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Kultur

Durchs Eis geflutscht: "Polarstern" umrundet den Nordpol

Seit 1982 erkundet das deutsche Forschungsschiff Polarstern die Polarregionen. Derzeit liegt der Eisbrecher in Bremerhaven vor Anker – nach einer denkwürdigen Fahrt.

Forschungsschiff Polarstern im lockeren Arktis-Eis. Quelle: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Eisbrecher im lockeren Eis

"Diesmal war es anders", sagt Kapitän Stefan Schwarze und wirkt, als könne er immer noch nicht so recht fassen, was er erlebt hat. "Das Eis war nicht da". Seit den 90er Jahren steht Schwarze auf der Brücke der "Polarstern". Bisher musste der Kapitän bei Expeditionen in die Polarregionen immer sehr sorgfältig mit dem Treibstoffvorrat haushalten, damit das Schiff nicht nur ins Eis, sondern auch wieder herauskam. Bei der jetzt zu Ende gegangenen 23. Arktisexpedition der "Polarstern" reichte der Sprit locker. Der Eisbrecher flutschte regelrecht durch die Region - auf dem Hinweg durch die legendäre Nordwestpassage, auf dem Rückweg durch die Nordostpassage. So konnte die "Polarstern" als erstes Forschungsschiff weltweit in gut zwei Monaten den Nordpol komplett umrunden.

Kapitän Stefan Schwarze hält auf der Brücke der Polarstern einen Zirkel über eine Seekarte. Quelle: Stefan Nestler, DW

Kapitän Schwarze musste weniger rechnen

"Einerseits ist das natürlich toll", sagt Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar-und Meeresforschung (AWI), "weil es etwas ganz Neues ist". Andererseits sei sie besorgt, dass es überhaupt möglich gewesen sei. Die Forscher fanden nicht nur weniger Eis, sondern auch deutlich wärmeres Wasser vor als bisher. Folge: Die Gletscherschmelze in der Arktis wird wohl zunächst weiter zunehmen. "Ein Anstieg des Meerespegels um einen halben bis einen Meter bis zum Ende des Jahrhunderts ist realistisch", meint AWI-Direktorin Lochte. Außerdem werde zusätzlich Wärme aus dem Polarmeer an die Atmosphäre abgegeben, was Auswirkungen auf das globale Klima habe.

Klimawandel oder dumme Eisbären und Weltenbummler-Vögel?

Kapitän Schwarze, Forscher Jokat, AWI-Direktorin Lochte bei der Pressekonferenz auf der Polarstern. Quelle: Stefan Nestler,DW

Viele Szenarien denkbar - Kapitän Schwarze, Forscher Jokat, AWI-Direktorin Lochte (v.l.)

Müssen wir uns also auf eine eisfreie Arktis in näherer Zukunft einstellen? "Das kann keiner vorhersagen", sagt der Leiter der "Polarstern"-Expedition, der Geophysiker Wilfried Jokat. Es habe immer wieder Zeiten mit weniger und nachfolgend mit mehr Eis gegeben. "Das ist wirklich offen." Der Wissenschaftler hält viele Prognosen, die derzeit durch die Medien geistern, für Panikmache. Vieles könne geschehen, müsse aber nicht.

Dass die Crew der "Polarstern" zum Beispiel während ihrer Fahrt einige schwimmende Eisbären fernab von Eisschollen gesichtet habe, müsse keine Folge des Klimawandels sein. "Ihr Lebensraum ist das Meer. Es ist nicht außergewöhnlich, dass Eisbären hundert Kilometer weit schwimmen." Kapitän Schwarze schiebt augenzwinkernd nach: "Es gibt auch dumme Eisbären." Andererseits beobachteten die Forscher zwei Vögel, die – so Jokat – "eigentlich im Nordatlantik herumfliegen. Aber vielleicht waren das auch nur Weltenbummler, die mal schauen wollten, wie es da oben im Norden aussieht."

Goldgräberstimmung am Nordpol

Die Polarstern liegt in Bremerhaven vor Anker. Quelle: Stefan Nestler, DW

"Polarstern" hatte Gesellschaft

Während der Expedition nahmen die Wissenschaftler an Bord der "Polarstern" zahlreiche Proben vom Meeresboden und vermaßen den Grund mittels akustischer Signale. Die Erkenntnisse aus den Sediment-Ablagerungen sind nicht nur für die Forscher interessant. Schließlich herrscht rund um die Arktis Goldgräberstimmung. Die internationalen Energiekonzerne hocken in den Startblöcken, um bei einem weiteren Rückgang der Eismassen die Rohstoffe auszubeuten.

Hier geht es also um viel Geld, das der Staat verdient, dem die Region zugesprochen wird. Deshalb wollen die Arktis-Anrainer ihre territorialen Ansprüche wissenschaftlich untermauern. Für die jetzt von der "Polarstern" erforschten Gebiete in der ostsibirischen See sei die Lage klar, urteilt Geophysiker Jokat. "Die werden in zwei, drei Jahren russisch sein. Ich glaube aber nicht, dass Russland, Dänemark oder Norwegen nachweisen können, dass ihnen der gesamte Claim bis zum Nordpol zusteht". Versuchen werden es die Anliegerstaaten dennoch. Schließlich will jeder ein möglichst großes Stück vom arktischen Rohstoff-Kuchen. Die "Polarstern" begegnete während ihrer Expedition wohl nicht zufällig Forschungsschiffen aus Kanada, den USA, Russland und Japan.

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