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Sport

Durch Zufall zum Leistungssport

Der Behindertensport in Deutschland hat sich in den letzten Jahren auf der Leistungssportebene enorm entwickelt. Doch im Nachwuchsbereich ist der Zulauf von geeigneten Talenten dürftig.

Einige Rugbyspieler in Aktion im Rollstuhl während eines Rugbyspiels am 23.02.2008 in Perpignan, Frankreich. Foto: Frederic Vennarecci

Rugby im Rollstuhl

Es war Zufall. Familie Schürmann überholte auf der Autobahn einen Reisebus mit dem Logo von Bayer Leverkusens Behindertensport-Abteilung. "Wir haben uns schnell die Telefonnummer aufgeschrieben, dort angerufen und sind so zum Behindertensport gekommen“, erzählt Maike Schürmann. Das war vor sechs Jahren. Mittlerweile gilt ihr 13-jähriger Sohn Hannes als eines der größten Schwimmtalente Deutschlands.

In Remscheid, wo Familie Schürmann wohnt, oder in der Umgebung gibt es keinen Verein, in dem speziell Kinder und Jugendliche mit einem Handicap trainiert werden. Für Hannes, der aufgrund einer spastischen Hemiparese seinen rechten Arm und sein rechtes Bein nur stark eingeschränkt bewegen kann, war das frustrierend. "Mit gleichaltrigen Kindern kann er nicht mithalten. Und dann verliert man auch den Spaß“, meint Maike Schürmann. "Er hätte dann mit den Kleineren trainieren müssen. Die trainieren aber nicht so viel, wie er entsprechend seiner Leistung trainieren muss.“

Kleine Basis

Die ehemalige Speerwerferin Steffi Nerius (r) gibt Vanessa Low Tipps. Foto: Horst Ossinger

Die ehemalige Speerwerferin Steffi Nerius (r) gibt Tipps.

Die Tatsache, dass es für Menschen mit Behinderung viel zu wenig Sportvereine oder zumindest Abteilungen gibt, ist eines von vielen Problemen in der Nachwuchsarbeit im deutschen Behindertensport. Ein weiteres ist, dass der Pool, aus dem die Talente entdeckt werden könnten, sehr klein ist. "Es haben nicht so viele Kinder eine Behinderung“, erklärt Schwimm-Bundestrainerin Ute Schinkitz. „Zum Glück muss man ja sagen.“ Zwar hat jeder zehnte Mensch in Deutschland eine Behinderung, aber nur rund vier Prozent von ihnen sind jünger als 25 Jahre.

Von diesen rund 320.000 Menschen treiben natürlich nicht alle Sport. Und von den wenigen, die dann noch übrig bleiben, wollen viele nicht in die Kategorie Behindertensport gesteckt werden, wie Heinrich Popow erzählt: "Als mir mit neun Jahren mein linkes Bein amputiert wurde, hatte ich trotzdem nicht das Gefühl, behindert zu sein. Und deshalb hatte ich auch keine Lust Behindertensport zu machen“, erinnert sich der mehrmalige Weltmeister im Weitsprung und im Sprint über 100 Meter. "Ich hatte selber Berührungsängste mit dem Behindertensport, obwohl ich selbst amputiert war.“

Schwierige Kontaktaufnahme

Schwimmt auf der Erfolgswelle: Hannes Schürmann. Pressebild von Bayer Leverkusen, eingestellt März 2011

Auf der Erfolgswelle: Hannes Schürmann

Wie also können Kinder und Jugendliche über den Behindertensport informiert und letztendlich auch begeistert werden? Steffi Nerius hat, als sie 2002 bei Bayer Leverkusen Leichtathletik-Trainerin der Behindertensport-Abteilung wurde, versucht, ein Netzwerk zu knüpfen. "Ich habe damals über 600 Briefe an Unternehmen, Krankenhäuser, Schulen, Kinderätzte und Sanitätshäuser verschickt, um rauszufinden: gibt es dort Menschen mit Behinderung und wenn ja, haben sie Interesse daran, Sport zu machen“, erzählt die ehemalige Speer-Weltmeisterin.

Die Reaktion war jedoch sehr frustrierend. "Ich habe 0,0 Antworten bekommen.“ Trotzdem hat sie weitergemacht. "Wir bieten Schnupperkurse an, gehen zu Seminaren, wo die Eltern der betroffenen Kinder sind, wir arbeiten mit einigen Sanitätshäusern, Ärzten und Schulen zusammen.“ Nach neun Jahren öffentlich wirksamer Arbeit seien nun aber erste Erfolge zu verzeichnen. "Es gibt jetzt immer wieder Anfragen von Leuten, die Lust haben, einfach mal bei uns beim Training vorbei zu kommen. Aber trotz alledem ist eine gezielte Talentförderung immer noch schwierig.“

Autorin: Sarah Faupel
Redaktion: Joscha Weber