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Sport

Duplitzer attackiert DOSB

Harte Kritik an Sportsystem und Funktionären: Fechterin Imke Duplitzer, als Querkopf bekannt, hat sich unmittelbar vor Olympia zu Wort gemeldet. Ihr Rundumschlag ist zu pauschal, aber wichtige Punkte treffen zu.

"Völlig daneben", das sagt Imke Duplitzer über das System des deutschen Sports. Als niederschmetternd empfindet die vierfache Olympiateilnehmerin den Zustand des deutschen Hochleistungssports. Außerdem prognostiziert sie nach den London-Spielen ein großes Nachwuchsproblem wegen mangelnder Förderung. Harter Tobak, den die 36-jährige Fechterin einer deutschen Boulevardzeitung in die Feder diktiert hat. Obwohl sie als Freundin klarer Worte bekannt ist, kam die Kritik in dieser Schärfe überraschend.

Wohl auch für DOSB-Präsident Thomas Bach und den Chef der deutschen Olympiamannschaft Michael Vesper, denen Duplitzer zudem Ahnungslosigkeit vorwirft. Eigentlich wollten beide bei einer Pressekonferenz am Montag in London gute Stimmung vor dem Start der Spiele verbreiten. Stattdessen bemühten sie sich mit Gelassenheit auf Duplitzers Rundumschlag zu reagieren. "Ich hoffe, dass sie nicht nur mit Worten ficht, sondern auch mit dem Degen erfolgreich ist", sagte Vesper. Es sei schade, dass die Äußerungen so kurz vor den Olympischen Spielen öffentlich werden. Bach gab sich diplomatisch: "Da ich Fechter war, weiß ich, dass sie manchmal auch zum Säbel greifen." Fest steht, Duplitzer hat die Bühne genutzt, die die Olympischen Spiele alle vier Jahre bieten, um ihre Meinung in die breite Öffentlichkeit zu tragen. Doch was ist dran an ihren Äußerungen? Wir machen den Faktencheck:

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)(l-r), die Fechterin Britta Heidemann, der Reiter Frank Ostholt und der Chef de Mission, Michael Vesper, präsentieren am Dienstag (24.04.2012) einen stilisierte Olympia-Pässe bei der Vorstellung der Kollektion für die deutsche Olympia- und Paralympics-Mannschaft. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) präsentierte die offizielle Kleidung der Sportler für die Olympischen Spiele in London 2012. Foto: Bernd Thissen dpa/lnw

"Die raffen es nicht mehr", so Duplitzer über DOSB-Präsident Bach (l.) und Chef de Mission Vesper (r.)

Deutschland ist kein Trainerparadies

Die Olympiazweite von 2004 sieht ein massives Trainerproblem: "Wir bluten im Trainernachwuchs massiv ins Ausland aus. Weil die einfach besser zahlen und dort bessere Perspektiven haben." Tatsächlich ist es kein Zuckerschlecken in Deutschland als Trainer zu arbeiten: Das Arbeitsverhältnis prekär, die Bezahlung meist mies und eine öffentliche Anerkennung quasi kaum vorhanden. Das sind Ergebnisse einer Studie, die die Universität Tübingen schon 2008 vorgelegt hat. Konkret heisst das: Über die Hälfte der angestellten Trainer in Deutschland verdient weniger als 3.000 Euro brutto im Monat und die Arbeitsverträge haben oft nur eine Laufzeit von 1-2 Jahren. Außerdem, konstatieren die Autoren der Studie, sei die Aus- und Weiterbildung nicht gut genug. Bis heute hat sich an dieser Situation trotz einer "Traineroffensive" des DOSB wenig geändert - Duplitzers Kritik hat einen wunden Punkt getroffen.

Ruhm statt Reichtum für die Sportler

Keine Strategie,  zu wenig Geld - mit diesen Problemen hätten die Athleten zu kämpfen, so Duplitzer. Zutreffend ist, dass der größte Teil der deutschen Spitzensportler, die unter anderem auch bei den Olympischen Spielen antreten, finanziell nicht auf Rosen gebettet sind: Bei einer 60-Stunden-Woche kommen sie im Schnitt auf ein monatlich verfügbares Einkommen von 626 €, von dem jeder zweite Athlet sogar noch seine Miete zahlen muss. Das hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe herausgefunden. Sie ist neben den Sportfördergruppen von Bundeswehr und Bundespolizei die wichtigste Unterstützerin der deutschen Leistungssportler. Deren Unzufriedenheit ist einerseits verständlich, im internationalen Vergleich dürften sie aber damit immer noch gut dastehen. Duplitzers Attacke trifft also nicht ganz ins Schwarze.

Nachwuchsstars sind dünn gesät

Duplitzer macht sich Sorgen um den Nachwuchs: "Wir werden wieder händeringend Talente suchen, die es nicht gibt, weil sie nicht gefördert worden sind." Das klingt apokalyptisch, zumal sich auch diese Situation in den vergangenen Jahren kaum verändert hat, soll aber wohl wachrütteln. In der Tat steht und fällt jeder Spitzensport mit der Nachwuchsförderung. Bestes Beispiel: die jüngsten Erfolge der deutschen Fußball-Nationalelf sind auf ein intensives Förderkonzept zurückzuführen. Australische Studien belegen, dass 70 Prozent der jungen Topathleten über zehn Jahre in ihrer Sportart trainieren, bevor sie in die Weltspitze vorstoßen. Soviel Ausdauer und Konzentration bringen in Deutschland nur noch wenige Jugendliche auf - unter anderem, weil der schulische Druck gewachsen ist und es viel mehr Möglichkeiten gibt seine Freizeit anderweitig zu gestalten. Trotz Konzepten und Programmen ist es dem DOSB bisher kaum gelungen diesen Trend umzukehren. Die Kritik der Fecht-Altmeisterin ist also nichts Neues, allerdings konnte auch sie bisher nicht mit besseren Ideen aufwarten.