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Kultur

Dunkle Schönheit

Er ist noch unter uns: Johnny Cash hat entgegen aller Erwartungen seiner Krankheit noch eine neue Platte abgetrotzt. Wieder werden zuhauf erwachsene Männer vor ihren CD-Playern sitzen und weinen.

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The Man in Black

Vor zwei Jahren hieß es, Johnny Cash läge nun endgültig im Sterben. Parkinson war schon länger als Diagnose bekannt und sein 2001 erschienenes Album "Solitary Man" hörte sich wirklich wie der Abschied einer der ganz Großen an. Mit sonorem, altersmüdem Bariton sang Cash auf Gitarre und Stimme reduzierte Lieder über die letzten Dinge: Gut und böse, richtig und falsch, Leben und Tod. Mit "I`m Leaving Now" endete diese Platte, "I`m going over Jordan" lautet der Refrain. Die Kritik zeigte sich vor Ehrfurcht und Rührung geradezu überwältigt - und wahrscheinlich wurden die Nachrufe auf Cash in einem Aufwasch gleich mit auf die Festplatten gehackt.

Als Vater des Pop adoptiert

Zu früh: Cash ist zäher, als er wahrscheinlich selbst glaubte. Er überlebte auch noch die Elogen zu seinem 70. Geburtstag im Februar diesen Jahres. Von Wiglaf Droste bis Quentin Tarantino gab es massenhaft mehr oder weniger berufene Würdigungen. Selbst Schandmaul Harald Schmidt brachte in seiner Show ein Geburtstagsständchen - einzig der deutsche Schlagerpapst Ralf Siegel disqualifizierte sich mit einem Cash-Heino-Vergleich endgültig.

Ansonsten wurde Cash durchgängig als Legende geehrt, doch das in der Branche ohnehin inflationär benutzte Wort greift bei ihm zu kurz. Cash ist längst eine ins Mythische entwachsene Figur: Der "Man in Black", Inbegriff des Country Musikers, der Streiter für die Randständigen und Geschundenen des amerikanischen Traums, inzwischen von der Pop-Gemeinde voller Ehrfurcht als Vater-Figur adoptiert, in schillernder Widersprüchlichkeit alt geworden, aber im Grunde unangreifbar. Auch und gerade, weil er schon so demonstrativ mit dem Diesseits abgeschlossen zu haben scheint.

"Alt und klapprig"

"Alt und klapprig", so fasst Cash inzwischen selbst die Diagnosen der Ärzte bezüglich seines Gesundheitszustandes zusammen - aber die Kräfte reichten noch für ein weiteres Album zum langen Abschied. Es ist das inzwischen vierte seines erstaunlichen Spätwerks und auch auf "The Man who comes around" sind wieder zum Großteil auserlesene Coverversionen von solch dunkler Schönheit zu entdecken, dass es auch dem bittersten Spötter das Herz förmlich zuschnüren muss. Besonders, wenn er sich den Liedern der Nachgeborenen annimmt: Nick Cave, Beck, Soundgarden, Glen Danzig und U2 waren es auf den Alben zuvor, nun sind es unter anderen Nine Inch Nails, Sting und Depeche Mode.

Archetypische Lieder

Deren "Personal Jesus" wird bei Cash statt von der breiten, harten Synthesizer-Wand des Originals von einem fast zarten Riff getragen, vom Red Hot Chilli Peppers Gitarristen John Frusciante mit einer kleinen Prise Funk gezupft. Hinzu kommt ein Honky-Tonk-Klavier und Cashs einzigartige, tiefe, rauhe Stimme. Er singt wirklich über die Sehnsucht nach dem Heiland und keine Allegorie über Heroin; über Jahrzehnte hat Cash seinen Segen in Drogen gesucht und nicht gefunden. Cash sagt "Personal Jesus" sei für ihn ein Gospel - und es gelingt ihm tatsächlich aus der New-Wave-Hymne das archetypische Lied über die Suche nach Gott zu schälen.

Das verdiente Gewand

Cash kennt die Lieder, die er covert nach eigenem Bekenntnis meist gar nicht, bis sie ihm sein kongenialer Produzent Rick Rubin vorlegt. Rubin, der zuvor unter anderem die Beastie Boys, Slayer und die Red Hot Chilli Peppers produziert hatte, war es, der Cash Anfang der Neunziger aus dem Country-Ghetto befreite. Dort war es mit Cash durch krude religiösen Anwandlungen und durch unsägliche Begleitmusiker allmählich bergab gegangen. Rubin verlieh Künstler und Songs wieder das Gewand, dass sie verdienen: schlicht, schwarz, zum heulen schön. Einen Grammy gab es dafür und ungezählte blendende Kritiken - und sicher nicht, weil man auch über Halbtote nichts schlechtes sagen darf.

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