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Fußball

Duell der gebremsten Schönspieler

Im WM-Viertelfinale stehen sich am Freitag mit Brasilien und den Niederlanden zwei Teams gegenüber, die bisher mehr auf Ergebnis als schön gespielt haben. Ghana trägt beim Spiel gegen Uruguay die Hoffnung ganz Afrikas.

Niederländischer Fans in Orange, mit Nationalfarben im Gesicht bemalt, Pfeife im Mund. Foto: AP

Anpfiff Oranje gegen Brasil

Johann Cruyff umspielt bei der WM 1974 den argentinischen Torwart. Foto: dpa/picture-alliance

Cruyff - damals offensiv mit Fuß, heute mit Mundwerk

Man stelle sich vor: Die lebende deutsche Fußball-Legende Franz Beckenbauer würde sich vor dem Viertelfinale gegen Argentinien hinstellen und sagen, Argentinien spiele Kindergartenfußball. Unvorstellbar. Dafür ist dann selbst der "Kaiser" zu sehr Diplomat. Die Ikone des niederländischen Fußballs, Johann Cruyff, ist alles andere als ein Meister der Zurückhaltung. "Ich würde niemals ein Ticket bezahlen, um ein Spiel dieser brasilianischen Mannschaft zu sehen", wetterte der einstige Weltklassespieler in einem Zeitungsinterview. Doch damit nicht genug. Brasilien, so der 63-Jährige, verfüge über talentierte Spieler, die aber nur defensiv und uninteressant spielten. "Es ist eine Schande für die Fans und das Turnier."

Scharmützel im Oranje-Team

Vielleicht wollte Cruyff vor dem Viertelfinalduell der Niederländer gegen Brasilien an diesem Freitag (02.07.2010) in Port Elizabeth ja auch nur von den Scharmützeln innerhalb des Oranje-Teams ablenken. Als Robin van Persie im Achtelfinale gegen die Slowakei ausgewechselt worden war, hatte er wütend abgewunken und Nationaltrainer Bert van Marwijk angeblich gefragt, warum er ihn und nicht Wesley Sneijder vom Platz genommen habe. Die beiden Spieler sind nicht gerade miteinander befreundet. Im Viertelfinale der EM 2008 hatten sie sich auf dem Platz darüber gestritten, wer von beiden einen Freistoß ausführen sollte.

Der Niederländer Kuyt schultert den Torschützen Sneijder. Foto: AP

Hier schon, aber nicht immer eitel Sonnenschein im Oranje-Team

Der neuerliche Disput weckt in den Niederlanden Befürchtungen, dass sich die Mannschaft – wie schon häufiger bei großen Turnieren – selbst schlägt, weil sie intern zerrissen ist. Bondscoach van Marwijk wiegelte ab. Er habe mit der Mannschaft darüber gesprochen, die Sache sei aus der Welt. "Es gibt keine Probleme zwischen van Persie und mir", erklärte auch Wesley Sneijder. "Jetzt zählt nur noch eins, und das ist das Spiel gegen Brasilien." Die vor dem Turnier hoch gelobten Niederländer haben die Erwartungen bisher noch nicht erfüllt. Das Oranje-Team spielte wie mit angezogener Handbremse.

Auch Pelé mosert

Doch das gilt auch für die Brasilianer. Deren Trainer Carlos Dunga hat lange genug in Europa gespielt, um sich die dort weit verbreitete Ansicht zu Eigen zu machen, dass Spiele in der Abwehr gewonnen werden. Die Stars in Dungas Augen sind die Verteidiger Lucio, Juan und Maicon, nicht der frühere Weltfußballer Kaká, Dribbler Robinho oder Torjäger Luis Fabiano.

Brasiliens Abwehrspieler Juan gewinnt ein Kopfballduell. Foto: AP

Brasilianische Abwehr obenauf

Kritik für die defensive Grundausrichtung des Teams muss sich der brasilianische Nationaltrainer nicht nur von Johann Cruyff, sondern auch vom großen, alten Pele anhören. Der 69-Jährige mokierte sich darüber, dass vom "Jogo Bonito", vom schönen Spiel seiner glorreichen Tage, wenig übrig geblieben sei: "Die Dominanz und der Wille, immer über den Gegner zu herrschen und den Ball zu besitzen, sind nicht vorhanden." Die Ansprüche im Land des Rekordweltmeisters sind eben hoch. Von Dunga und seinem Team wird nichts anderes als der sechste WM-Titel erwartet. Schließlich will Brasilien 2014 die Weltmeisterschaft im eigenen Land als Titelverteidiger ausrichten.

Tabárez bleibt gelassen

Verglichen mit dem Duell Brasilien gegen Niederlande schlägt das andere Viertelfinale an diesem Freitag im Soccer-City-Stadion in Johannesburg deutlich weniger Wellen: Uruguay gegen Ghana. Die Südamerikaner feierten mit dem Einzug in die Runde der letzten Acht bereits den größten Erfolg seit 40 Jahren. Ganz Uruguay liegt Nationaltrainer Oscar Tabárez zu Füßen, der als Architekt des Erfolgs gilt. Der 63-Jährige ist mit einem Monatsverdienst von 25.000 US-Dollar angeblich der am schlechtesten bezahlte Trainer des Turniers. Allgemein wird erwartet, dass Tabárez nach der WM ins Ausland wechselt. Jetzt aber gilt seine volle Konzentration erst einmal dem Viertelfinale. Die Euphorie in der Heimat, wo sogar vom dritten Weltmeistertitel nach 1930 und 1950 geträumt wird, nimmt Tabárez gelassen. "Wir können jedem Team Probleme bereiten, ich bin sehr ruhig."

Ghana-Fan, in Nationalfarben bemalt, mit rot-gelb-grünem Hut. Foto: AP

Ganz Afrika setzt auf Ghana

Black Stars of Africa

Die Mannschaft Ghanas trägt die Hoffnungen eines ganzen Kontinents. WM-Gastgeber Südafrika, der Elfenbeinküste, Nigerias, Kameruns und Algeriens waren nach der Vorrunde ausgeschieden. Südafrikanische Behörden verteilten jetzt Flaggen Ghanas an die Fans. Die Regierungspartei ANC schlug vor, die "Black Stars of Ghana" in "Black Stars of Africa" umzutaufen. Noch nie stand eine afrikanische Mannschaft im Halbfinale einer Weltmeisterschaft. Das werde sich ändern, sagte Kevin Prince Boateng, der in Deutschland geborene Nationalspieler Ghanas: "Die Mannschaft und ich, wir haben einen Lauf. Wir siegen für Afrika!"

Autor: Stefan Nestler (mit sid/dpa)
Redaktion: Wolfgang van Kann

Hinweis: DW-Radio überträgt die beiden Viertelfinalspiele am Freitag (02.07.2010) live bis zur Entscheidung: Brasilien gegen Niederlande ab 16.05 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit (14.05 Uhr UTC), Uruguay gegen Ghana ab 20.30 Uhr (18.30 Uhr UTC).