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Sprachbar

Du, Sie und Hallo

Die englische Sprache hat das Problem nicht, die deutsche schon: die Anrede. Ist es da nur das einfache "You", kann es hier "Du" oder "Sie" sein. Manchmal reicht aber schon ein "Hi!", "Hallo!" oder "Tach!"

Mehrere Schüler sitzen grübelnd auf dem Pausenhof

Du - Sie - Hallo - Hi? Oder doch was anderes...

"Hi! Was kriegst Du?" – so sprach das Mädchen im Saftladen und reichte dann einen Orange-Juice rüber. Hi und Du hat sie gesagt. Wieso eigentlich? Kann man ja mal drüber nachdenken.

Die schwäbische Variante

Gut. Hi! ist eigentlich klar. Das wird zwar wie englisch high ausgesprochen, bedeutet aber nicht hoch. Dieses Hi! ist vielmehr so etwas wie die lautliche Bestätigung, dass man zur Kenntnis genommen wurde.

So ähnlich wie Tach!. Die Schwaben fügen an dieses Hi! mitunter ihr weltweit bekanntes Diminutiv -le an, was das einmalige und nur in der gesprochenen Sprache vorkommende Heile ergibt. So wirklich geschehen. Bei einer Begrüßung zweier Jugendlicher an der U-Bahn Haltestelle Charlottenplatz in Stuttgart. Hi! ist freundlich. Zumindest nicht unfreundlich. Nicht so verbrummt wie das vergrantelte Morjn! oder n’Amd!. Und es ist zeitlos.

Hi! kennt kein Alter

Ein älterer Mann gibt einer Braut einen Handkuss

Gestatten Sie ....

Tach! ist bei den forschen männlichen Mittvierzigern beliebt, die sich gern Hanseatisch frisch-fröhlich geben. Tach! ist längst nicht so populär wie Hi! – aber es wird verstanden. Kein Problem.

Aber: "Hi! Was kriegst Du?" hat sie gesagt. Sie, die junge Frau zu dem mehr als deutlich älteren und ergrauten Mann. Ist das ein Zeichen von Vertrautheit, ein Signal, dass man irgendwie dazugehört? Aber wozu? Doch nicht zu den blutjungen Saftladenmenschen? Oder doch?

Alle eine familiy?

Ein Hippie spielt in den 1970er Jahren Gitarre, im Hintergrund hören drei Jugendliche zu

Forever young: Das "Du" kein Alter

Das Duzen schafft eine gewisse Nähe. Die Differenz zwischen Sie und Du wird nicht von ungefähr in vornehmlich privaten Radioprogrammen ganz bewusst aufgehoben. Man ist ja nicht von gestern und irgendwie sind wir alle wie eine family. Oder? Forever young. Tja.

"Was kriegst Du ?" – darf man sich, so angesprochen, gar geschmeichelt, ein klein wenig gebauchpinselt fühlen? Macht dieses Du nicht doch irgendwie gute Laune? Ein paar Tische weiter sitzen zwei Jungdynamiker mit Laptoptaschen in Anzug und Krawatte. Vielleicht haben sie gerade eine kleine Pause während des wahnsinnig wichtigen meetings. "Also ich finde schon, meinen Sie nicht?" Sprachfetzen, halbe Sätze sind zu verstehen. "Sie haben das denen ganz toll verklickert, dass wir da alle gemeinsam noch mal ran müssen." So geht es hin und her. Per Sie. Die beiden bleiben auf Distanz.

Vom Siezen und Duzen

Eine rote Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur steht vor einer Reihe von grünen Figuren

Abstand halten ...

Früher war der Umgang mit Du und Sie verhältnismäßig streng geregelt. Du war außerhalb der Familie und des Freundeskreises unter Erwachsenen sehr selten – das förmliche Sie war vorherrschend. Umso bedeutender war das Du, wenn es mit einem Glas Wein und Anstoßen angeboten wurde und eine Geschichte hatte, die von Vertrauen und Zuneigung geprägt war. Jemandem das Du anbieten ist als feststehender Ausdruck immer noch in den Wörterbüchern zu finden. Unter Siezen finden wir die lapidare Erklärung: "Jemanden mit Sie anreden. Im Gebrauch seit dem 17. Jahrhundert ."

Studenten setzten Maßstäbe

Der heute geradezu inflationäre Gebrauch des Du – das Duzen, die Duzerei – ist zu einem guten Teil auf die Zeit der Studentenrevolte Ende der 1960er Jahre zurückzuführen. Sich zu duzen wurde bewusst der Siezerei des Bürgertums entgegengesetzt. Sie gehörte zum Sprachinventar des muffigen Spießbürgertums.

Damals übernahm eine ganze Generation von Lehrern, die von pädagogischem Elan und Veränderungsenthusiasmus durchdrungen war, das Du. Wenn sich Referendarinnen und Referendare aufs Pult setzten und die Schüler ermunterten, "ihr könnt Du zu mir sagen", da passierte nicht selten Folgendes: Viele Schüler spürten instinktiv, dass an diesem Angebot etwas faul war.

Schüler standen vor Rätseln

Verlegenheit machte sich damals oft breit, denn weshalb sollten sich die Kinder plötzlich wildfremden Menschen gegenüber auf eine sprachliche Intimität einlassen, die sich auf nichts Gewachsenes, nichts Erlebtes gründen konnte?

Viel Gutgemeintes ist halt oft schlecht durchdacht. Die Journalistin Heike Schmoll hat in diesem Zusammenhang einen klugen Satz geschrieben: "Zurückhaltung und Distanz erschweren das zivile Zusammenleben nicht, sondern sind Bedingungen seines Gelingens."

Hallo! – Hi!

Zwei Freundinnen umarmen sich

Grüß dich!

Hallo! tönt es da vom Eingang her und drei junge Frauen – sind es Freundinnen? – steuern auf ihre Verabredungen zu, die mit Hallo!, Grüß Dich! und einem schlichten Hi! antworten. Hallo! ist der Standardersatz für Guten Morgen!, Guten Tag! und für Guten Abend!.

Hallo! passt immer. An der Supermarktkasse, am Telefon, bis zum Hallo mein Schatz!. Im Gegensatz zu Hi! wird es gern von allen Altersgruppen genommen. Die alte Bedeutung von Hallo! schimmert noch im Ruf nach der Kellnerin oder dem Kellner durch. Mit einem Hallo! wurde nämlich auch nach dem Fährmann am anderen Ufer gerufen, die Hände dabei wie ein Trichter um den Mund geformt.

Ciao! – Adieu!

Ein Junge winkt einem älteren Mann zum Abschied zu

Ciao!

Ganz hinten im Saftladen jetzt Stühlerücken. Ein junger Mann verabschiedet sich. Ciao! sagt er und zieht das Wort ein bisschen wie die Italiener, damit es nicht so ganz eingedeutscht und nur wie Tschau! klingt.

Dabei heißt Ciao! nichts anderes als Leb wohl! aber Ciao klingt halt nach mehr. Der gute Junge wäre auch wohl die Lachnummer, würde er die Hand zum Gruße heben und Lebt wohl! in die fröhliche Runde sagen.

Tschü-hüss!

Ja was sagt man denn nun als nicht mehr ganz junger Mann in einem von Jugendlichen besuchten Saftladen so alles zum Abschied? Adieu!? – Ciao!? Bis bald!? Wir wagen einen Versuch: Im Rausgehen schicken wir ein "Vielen Dank und auf Wiedersehen" an die Frau hinter dem Tresen. Und was sagt sie? "Geerne! Tschü-hüss!"

Fragen zum Text

Ein Diminutiv ist …

1. eine Verkleinerungsform.

2. ein Kompositum.

3. die schwäbische Variante des Wortes Dativ.

Die Journalistin Heike Schmoll will mit ihrem Satz sagen: …

1. nur zurückhaltende Menschen kommen im Leben weiter.

2. das menschliche Zusammenleben wird durch Zurückhaltung und Distanz erschwert.

3. menschliches Zusammenleben bedingt Zurückhaltung und Distanz.

Wird jemand umgangssprachlich als Lachnummer bezeichnet, dann …

1. arbeitet jemand als Zirkusclown.

2. macht jemand sich lächerlich.

3. lacht jemand den ganzen Tag.

Arbeitsauftrag

Im Deutschen gibt es zahlreiche verschiedene Arten der Anrede, die zum Beispiel von der Person und dem Anlass abhängig sind. Erstellen Sie eine Liste und erklären Sie die Bedeutung der von Ihnen gewählten Anreden.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

Das Sie und das Siezen sind Höflichkeitsformen. Mit dem Sie wird durchaus auch Respekt und Wertschätzung ausgedrückt. Selbst in dem empörten Ausruf "Hey, was machen Sie denn da!" wird ein gewisser Abstand eingehalten, der es eher möglich macht, miteinander zu klären, was der oder die da macht. "Hey, was machst Du da!" ist aggressiver und verengt den Spielraum zur Lösung des Problems.

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