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Ostmitteleuropa

"Du bist schlechter, dümmer, du kannst weniger

- "Apartheid" an polnischen Schulen

Warschau, 5.7.2004, GAZETA WYBORCZA, poln., Adam Leszczynski

In die staatlichen Schulen schleicht sich eine Teilung ein. Soziologen und Pädagogen schlagen Alarm. Kinder aus armen Familien werden schlechter behandelt als Kinder aus reichen. Das ist eine Bombe, die unter die polnische Demokratie gelegt wird!

Zur Zeit finden die Aufnahmeprüfungen in die Hochschulen statt - der letzte Akt eines langen Dramas, das die einen zu gut verdienenden und glücklichen Bürgern der Republik macht und die anderen zu frustrierten, abgewiesenen Versagern.

Die Eltern wissen genau, dass über die Chancen im Leben ihres Kindes heute die Schule entscheidet. Wer kann, der zahlt. Bei einem Gymnasien-Vergleich in der Hauptstadt in diesem Jahr schnitten mit 42,4 von 50 Punkten (das durchschnittliche Ergebnis in Warschau ist um 10 Punkte niedriger) am besten die Schüler einer kleinen, aus sieben Schülern bestehenden Klasse der Warschauer World Hill Academy ab. Dieser Erfolg kostete die Eltern 960 Dollar monatlich, denn so hoch ist das Schulgeld.

Im Kampf um gute Plätze in den staatlichen Schulen (nichtstaatliche werden von knapp zwei bis drei Prozent der Schüler besucht) sind alle Tricks erlaubt. Die Eltern melden die Kinder beispielsweise bei Verwandten, Bekannten und sogar bei Unbekannten an, denn es muss auf jeden Fall ein renommiertes Gymnasium sein. Die Gebühr für eine solche fiktive Anmeldung beträgt über eintausend Zloty jährlich - halb so viel wie die Anmeldegebühr in einer guten nichtstaatlichen Schule.

Eine gute staatliche Schule ist eine Einrichtung, die sich mit der Verteilung eines defizitären Guts beschäftigt - kostenloser Bildung auf hohem Niveau. Es ist nicht verwunderlich, dass die Auswahl der Schüler auch von krankhaften Erscheinungen begleitet wird. Schlimm ist aber, dass sie auf allen Etappen der Wanderschaft in Sachen Bildung zu finden sind.

Sehen wir uns das Beispiel von zwei Sechsjährigen an - Pawel und Gawel (Anknüpfung an ein Märchen von Aleksander Fredro - MD). Pawel wohnt mit seinen Eltern in einer großen Wohnung in einer neuen Siedlung mit Hauswache und Tiefgarage. Seine Eltern haben höhere Bildung und verdienen gut. Gawels Vater ist Mechaniker mit Berufsschulabschluss und arbeitslos. Zusammen mit der Mutter, einer Putzfrau in einem Bürohochhaus, wohnen sie in einem verkommenen Plattenbau.

Apartheid in der Grundschule

Pawel und Gawel besuchen die selbe Grundschule. Gawels Eltern haben keine Wahl, Pawels Eltern verdienen zwar gut, zahlen aber einen hohen Wohnungskredit ab und können sich die monatlichen Gebühren in Höhe von mehreren Hundert Zloty für eine Privatschule nicht leisten. Pawel kann bereits lesen und spricht ein wenig Englisch, weil er einen guten Kindergarten besuchte. Gawels Eltern hatten für einen solchen Luxus kein Geld.

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass die beiden nicht dieselbe Klasse besuchen werden", sagt Dr. Barbara Murawska. Aus ihren Studien (denen die Medien - außer "Newsweek" - keine Beachtung geschenkt haben) geht hervor, dass es in jeder fünften staatlichen Grundschule in den Städten eine Trennung gibt. Die Schüler werden nach dem Kriterium in Schulklassen eingeteilt, welche Ausbildung ihre Eltern haben und wie reich sie sind.

"Die Direktoren begründen dies mit praktischen Argumenten", so Dr. Murawska. "Beispielsweise dem, dass die Kinder Arbeitsloser später zum Unterricht kommen können und die Kinder Berufstätiger um acht Uhr. Dann wundern sie sich: "Eine Klasse, die am Nachmittag unterrichtet wird, schneidet immer schlechter ab. Wie kommt das wohl?"

Ein weiterer Auswahlmechanismus sind die so genannten Paket-Klassen [poln.: klasy pakietowe]. In die 1a kommen Kinder, deren Eltern für zusätzlichen Englisch-, Kunst-, Musik- und Informatik-Unterricht zahlen, in die 1b Kinder, deren Eltern nur für Informatik-Stunden bezahlen.

"Und in die 1c werden nur Kinder aufgenommen, deren Eltern - wie mir einer der Direktoren sagte - 'sich für Bildung nicht interessieren'", erzählt Dr. Murawska.

In einer Zeit des demografischen Tiefs müssen die Schulen einen Angebots-Wettkampf betreiben, denn den schlechten droht die Schließung. Daher auch der Erfolgsdruck, und der Erfolg hängt unter anderem vom Umfang des Zusatzunterrichts ab. Die Schulen haben ihre Wege, herauszufinden, welche Eltern über eine höhere Schulbildung verfügen und folglich auch - Geld haben. Vor Beginn des Schuljahres werden beispielsweise organisatorische Treffen veranstaltet: die Kinder spielen vor den Augen der Lehrer und der Direktor redet mit den Eltern und verteilt an sie einen Fragebogen, in dem sie vermerken, was sie von der Schule erwarten. Daran, wie sie formulieren und wie ehrgeizig sie sind, lässt sich ihr gesellschaftlicher Status leicht ablesen.

"Die Kinder wissen genau, wer zur besseren und wer zur schlechteren Schulklasse gehört", fügt D. Murawska hinzu. "Denen aus gesellschaftlich schlechter gestellten Familien wird schon am ersten Tag gesagt: du bist schlechter, dümmer, du kannst weniger. Für das Kind ist es ein Drama. Sein Ehrgeiz und seine Motivation nehmen automatisch ab.

Erinnern Sie sich an unsere beiden Sechsjährigen? Pawel kam in eine "Paket-Klasse", hatte Informatik-, Englisch- und zusätzlichen Sportunterricht. Gawel aus der "c" spulte seinen Unterricht ab und spielte danach vor dem Haus.

Weiterführende Schulen für die Schlechteren

Auf dem Gymnasium wird die Auswahl fortgesetzt. Dr. Roman Dolata führte In den Jahren 2000/2001 eine entsprechende Studie durch. Neuere Untersuchungen gibt es nicht, aber nach Meinung des Autors weist nichts darauf hin, dass die Situation sich zum Besseren gewandt hat.

"Ich gehe davon aus, dass in 30 bis 50 Prozent der städtischen staatlichen Gymnasien eine gesellschaftliche Trennung stattfindet. Das Bildungssystem trägt somit dazu bei, dass die Kinder die gesellschaftliche Stellung ihrer Eltern als Erbe übernehmen", so Dr. Dolata.

Verschärft wird dieser Mechanismus durch die Kriterien bei der Aufnahme der Schüler: in die guten Gymnasien gelangen diejenigen, die gute Leistungen nachweisen können, und die hängen vor allem vom Bildungsstand und der sozialen Stellung der Eltern ab. Die Trennung hier ist wesentlich stärker als die in den Grundschulen, denn die Gymnasien sind einem viel stärkeren Wettbewerb ausgesetzt. Einen großen Einfluss auf den Erfolg der Schule haben die Eltern: sie bestehen darauf, dass schlechte Lehrer ausgetauscht werden, organisieren Museumsausflüge und Nachhilfe vor der Aufnahmeprüfung. Ein weiterer Faktor sind aber die Mitschüler aus der Grundschule.

"Aus Studien, die bereits seit den sechziger Jahren betrieben werden, geht hervor, dass von der Mischung der Schüler aus Familien mit hohem und niedrigem Bildungsstand letztere sehr viel profitieren", so Dr. Dolata. "Und die ersten verlieren nicht viel oder gar nicht."

Professor Ireneusz Bialecki bestätigt das. Aus Untersuchungen von 15jährigen, die er in Polen für die OECD durchführte, geht hervor, dass den größten Einfluss auf die Leistungen eines Schülers nicht die Größe der Schule, die Qualifikation der Lehrer oder die Anzahl der Computer hat, sondern das Niveau der übrigen Schüler. "Motivierend wirkt sich sowohl die Konkurrenz als auch der Gedankenaustausch mit den Mitschülern aus, die gute Leistungen erbringen", unterstreicht Prof. Bialecki.

An den Gymnasien funktioniert das selbe System wie an den Grundschulen - nur besser. Auch hier gibt es "Paket-Klassen". "Auf eine solche Teilung drängen häufig die Eltern", so Dr. Dolata. Sie sagen: "Ich habe ein Recht, in mein Kind zu investieren." Natürlich, aber es muss auch an den Zusammenhalt der bürgerlichen Gemeinschaft gedacht werden. Die Aufgabe der Schule ist es, ihn zu fördern.

Die Wege Pawels und Gawels haben sich bereits im Gymnasium getrennt. Pawel kam in eine gute, staatliche Schule und dann in ein Lyzeum. Gawel hat die Aufnahmeprüfung in ein Gymnasium mit Hängen und Würgen bestanden. Da die Eltern es sich sehr wünschten, dass er weiter lernt und eines Tages ein besseres Leben führen kann als sie ging er in ein Berufslyzeum.

Was haben ihnen solche Schulen zu bieten?

"Die Leistungsergebnisse an den polnischen weiterführenden Schulen sind sehr unterschiedlich. Ähnlich ist es in Deutschland, Österreich und in Ungarn", sagt Prof. Bialecki. Manche Schulen gelten traditionell, seit Generationen als Schulen für die Intelligenz. Viel demokratischer sind die skandinavischen Länder, in denen die meisten Schulen auf gleichem, hohem Niveau sind.

Viel schwächer ausgeprägt ist die Teilung an den Schulen auf dem Lande. Nicht weil auf dem Lande alle gleich arm sind (denn das ist nicht der Fall), sondern weil die Schulen auf dem Lande in der Regel auf ihrem Gebiet das Monopol haben und mit anderen nicht zu konkurrieren brauchen. Aber bereits in einer Stadt im Norden Polens, die vierzigtausend Einwohner hat, deren Bildungsstätten von Mitarbeitern der Pädagogischen Fakultät der Warschauer Universität beobachtet werden ist eine deutliche Teilung zu spüren - die Schulen sind im Hinblick auf die soziale Struktur sehr unterschiedlich. Im Jahre 2003 hatten in der Schule mit der "schlechtesten" Sozialstruktur 71 Prozent der Eltern der Schüler nur Grundschul- oder Berufsschulbildung, in der "besten" nur 21 Prozent.

(...)

Hochschule für das und jenes

Das Finale des Dramas, in dem sich die Lebenschancen Pawels und Gawels entscheiden, findet bei der Hochschulaufnahme statt. Pawel war der Sieger eine Schul-Olympiade, was ihm den Weg zu einem elitären, interdisziplinären Studium bahnte. Gawel schaffte mit Mühe das Abitur. Unter dem Druck der Familie studierte er Marketing an einer privaten Hochschule - einer Hochschule "für das und jenes", wie es ein Soziologe nannte, mit dem ich sprach. Die Studiengebühr wurde mit der Rente von Gawels Großmutter bezahlt.

"Familien aus allen sozialen Schichten zahlen bei der Ausbildung drauf, allerdings in unterschiedlichen Entwicklungsphasen des Kindes. Und sie profitieren davon auch unterschiedlich. Schlechter gestellte Eltern zahlen vor allem an private und nichtstaatlichen höheren Schulen, vor allem an Berufsschulen, besser gestellte - an Gymnasien und Lyzeen. Manchmal zahlen sie für nichtstaatliche Schulen, sehr häufig für Kurse und Nachhilfe, so Prof. Wielislawa Warzywoda-Kruczynska, die Leiterin des PROFIT-Programms, einer internationalen soziologischen Studie zum Thema Vererbung von Armut.

Nach Angaben, die im letzten Buch von Prof. Maria Jarosz "Macht, Privilegien, Korruption" veröffentlicht worden sind, geben die ärmsten Familien für die Ausbildung ihrer Kinder über 10 Prozent ihres Einkommens aus. Für diese Entbehrungen bekommen sie häufig ein Produkt viel schlechterer Qualität als das, wofür die Kinder der Intelligenz nicht zu zahlen brauchen.

Wie wird das weitere Schicksal von Pawel und Gawel aussehen?

Pawel wird - vielleicht mit Hilfe der Eltern - eine gute Arbeit finden. Gawel wird einer von Tausenden Lyceum-Abgängern mit Diplom bleiben, das ihm noch nicht einmal helfen wird, den Job eines Verkäufers im Supermarkt zu bekommen. Vielleicht wird er über Auswanderung nachdenken - wahrscheinlich aber doch nur nachdenken: Nach einer Untersuchung des Amtes für Europäische Integration zur Frage "Polens Jugend zum Thema Auswanderung" vom Juni möchten etwa 60 Prozent der Studenten in einem Land der Europäischen Union eine Beschäftigung finden, aber nur 15 Prozent geben an, dass sie sich darum bemühen werden. Nach Schätzungen des Amtes für Europäische Integration wird die Zahl der Polen auf westlichen Arbeitsmärkten um kaum 100 000 ansteigen. Der Rest wird in Polen bleiben und ihr durch das Studium genährter Wunsch, einen höheren gesellschaftlichen Status zu erlangen, wird unerfüllt bleiben.

Wem werden wir die gleichen Chancen einräumen?

Alle Soziologen, mit denen ich gesprochen habe, halten die zunehmende Trennung an den Schulen für ein äußerst schädliches Phänomen. "Ich bin liberal und denke, der Staat sollte sich nicht mit dem Ausgleich sozialer Unterschiede befassen", so Prof. Bialecki. "Wenn aber die Kinder auch das gleiche aus der Schule mitnehmen sollen, dann sollten wir den Schwachen mehr geben.

"Das ist ein Skandal", sagt Dr. Murawska kurz zu der Trennung an den Grundschulen. "Es ist die Pflicht des Staates, für gleiche Chancen bei der Aufnahme in Bildungseinrichtungen aller Ebenen zu sorgen", so Prof. Warzywoda-Kruszynska.

"Unabhängig davon, was wir über die moralische Seite dieser Trennung denken, es lohnt sich, den Kindern die gleichen Chancen zu geben, andernfalls drängen wir sehr große gesellschaftliche Gruppen an den Rand", erläutert Dr. Dolata. (...)

Wie ist gegen diese Trennung anzukommen? Die Wissenschaftler sind sich darin einig, dass es ein universelles Mittel nicht gibt, suggerieren aber: "keine 'Paket-Klassen' bilden; die Eltern sollen auf das Konto der Schule einzahlen und die spendiert zusätzlichen Unterricht für alle; Anreize für die Ärmsten schaffen, das Kind in den Kindergarten schicken, am besten ab dem 3. Lebensjahr; Kanäle für das Weiterkommen finden, zum Beispiel ein umfassendes Stipendien-System nicht nur für die begabtesten Kinder aus "schlechterem Umfeld" schaffen, sondern auch aus dem durchschnittlichen; nichtstaatliche Schulen, die schließlich zum Teil mit öffentlichen Geldern finanziert werden, können nicht nur den Begabtesten ein Stipendium geben (das ist in ihrem Interesse, denn solche Schüler sorgen für bessere Ergebnisse), sondern auch den durchschnittlichen. Alle sind sich darin einig, dass die Bildungsorgane nichts tun, um dieses Problem zu mildern.

Das ist nicht der ideale Weg. Haben wir aber eine Wahl? Maciej Gdula, Soziologe an der Warschauer Universität, hat vor kurzem die gesellschaftliche Lage in Frankreich vor der Studentenrevolte im Jahre 1968 mit der Lage im heutigen Polen verglichen. Er fand viele frappierende Ähnlichkeiten: Jahrzehnt des gesellschaftlichen Booms und zunehmender gesellschaftlicher Ungleichheiten; Demokratisierung der Hochschulen, überfüllt und mit durchschnittlichem Lehrkörper und Abwertung der Diplome; schließlich zunehmende Frustration als Folge fehlender Aussichten, in die Geschäftswelt oder in Kreise der Macht zu gelangen, die als geschlossen und korrumpiert gilt.

Das Polen von heute - schreibt Gdula in der letzten Ausgabe der Drei-Monats-Zeitschrift "Politische Kritik" - unterscheidet sich lediglich durch das Fehlen einer Ideologie, die auf gemeinsamen Protest Nachdruck legte. Die jungen Franzosen holten sich das aus dem Marxismus, der heute nur noch Randbedeutung hat. Die Polen bekommen eher zu hören, wenn sie sich im Leben nicht zu helfen wussten, dann ist das ein Problem ihrer eigenen Unfähigkeit und nicht die Schuld des Systems. Das kann sich aber schnell ändern. Die höheren Schulen, auch die schlechten, lehren die Studenten eine Sprache, in der sie ihre Frustration zum Ausdruck bringen können. Ein frustrierter Abgänger einer Berufsschule kann Autos klauen, ein frustrierter Absolvent einer Universität weiß, dass er die Regierung stürzen kann.

Natürlich sind dies keine wissenschaftlichen Prognosen. Eines ist sicher - die Arbeitslosigkeit und die Frustration der jungen, gebildeten Menschen untergräbt die polnische Demokratie. Sie wird dadurch ungeliebt und brüchig. Es könnte sich also lohnen, für gleiche Chancen zu sorgen und dabei schon mit dem Kindergarten und der Grundschule zu beginnen. Pawel und Gawel leben schließlich in einer Gemeinschaft. (Überschrift von MD) (TS)

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