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Europa

"Dschungel" in Calais wird geräumt

Das Flüchtlingslager unweit der Einfahrt des Eurotunnels gilt als Synonym für die Probleme der Asylpolitik in Europa. Nun werden Teile zu einem Containerdorf umgewandelt. Aber die Bewohner sind misstrauisch.

In Calais haben Bulldozer damit begonnen, Teile eines der größten Flüchtlingslager Europas abzureissen. Eine Autobahn wird ausgebaut und es müssen etwa 1500 Menschen ihre rund 250 Unterkünfte, in dem als "Dschungel" bekannten Lager, verlassen.

Zahlreiche freiwillige Helfer unterstützten die Flüchtlinge beim Verlassen der Notunterkünfte. Viele der Hilfesuchenden leben unter Müllhaufen und gefrorenem Schlamm. Ben Harrison, ein Helfer aus London, schilderte das gesamte Unternehmen als enorme Anstrengung. "Viele Menschen aus Großbritannien hatten von der Räumung gehört und kamen mit LKW und Anhängern, um beim Umzug zu helfen", sagte der 20-Jährige, der seit vier Monaten als Helfer in dem Flüchtlingscamp arbeitet.

Frankreich Polizei räumt das illegale Flüchtlingslager Jungle bei Calais.Foto: DW/Diego Cupolo

Ein Bulldozer beim Abriss von Teilen des Lagers

"Ohne die freiwillige Hilfe hätte die Polizei die Menschen mit Tränengas aus ihren Häusern vertrieben. Wir haben uns dabei nicht gut gefühlt, die Menschen zu überreden, ihre Unterkünfte zu verlassen, aber wir wollten jede Form von Gewalt vermeiden. Es ist schon grausam, im Winter die Menschen zu vertreiben", sagte Harrison während er einen Tee im so genannten Cafe Kabul trank. Völlig vom Schlamm verschmiert, räumte er aber ein, dass es gut gewesen sei, dass der Zeitpunkt des Abrisses bekannt gegeben wurde.

Neues Containerlager

Das sah im September des vergangenen Jahres noch anders aus. Da seien die Menschen von Bulldozern unangemeldet vertrieben worden. Sie hätten keine Zeit mehr gehabt, ihre persönlichen Gegenstände oder Dokumente wie Asylanträge einzupacken. Manchmal dulde die Regierung das Lager, manchmal nicht, so Harrison.

Frankreich Polizei räumt das illegale Flüchtlingslager Jungle bei Calais. Foto: DW/Diego Cupolo

Die Abbrucharbeiten wurden von französischen Polizisten bewacht

Für die Flüchtlinge entsteht in unmittelbarer Nähe für 18 Millionen Euro ein neues Lager. Die Unterbringung erfolgt dann in weißen Containern, die übereinander gestapelt sind. Sie bieten 1500 Bewohnern Platz und werden von einem Sicherheitsdienst bewacht. Von kommendem Montag an werden 300 Menschen in das neue Lager aufgenommen. Täglich kommen 50 neue Bewohner dazu, so Barbara Jurkiewicz, Pressesperecherin von La Vie Active, dem Betreiber des Camps.

Behörden fordern Sicherheitsüberprüfung

Voraussetzung für die Aufnahme in das neue Containerdorf ist ein 3D-Scan der Handflächen. Allerdings haben viele der Flüchtlinge Angst davor, sich identifizieren zu lassen, da sie glauben, dass die französische Regierung dann die Möglichkeit einschränkt, Frankreich zu verlassen. "Wir sind nicht hier, um in Frankreich zu bleiben, wir wollen nach Großbritannien gehen", sagt Abdul Mumam, ein sudanesischer Flüchtling, der seit Oktober im Lager in Calais lebt. Er ziehe es vor, in seiner Unterkunft zu bleiben. Die Polizei nehme seine Fingerandrücke, und er müsse dann Asyl in Frankreich beantragen. Abdul bleibt skeptisch.

Trotz des eisigen Seewindes und der kalten Temperaturen teilen viele der Flüchtlinge die Ansicht des Sudanesen. Zu tief ist das Misstrauen in die französische Polizei. Daher bleiben viele in den baufälligen Unterkünften. "Wir wollen die Menschen dazu bewegen, in die Container umzuziehen, aber wir können sie nicht dazu zwingen", so Jurkiewicz.

Das Lager in Calais existiert seit rund 15 Jahren. Es liegt in der Nähe des Eurotunnels, der Frankreich und England miteinander verbindet. Die Zuwanderung über Griechenland hat immer mehr Asylsuchende nach Calais geführt.

UNHCR bietet Beratung an

Die erbärmlichen Bedingungen in dem Lager sind schon lange bekannt. Nach Jahren der Untätigkeit fordern Helfer, das Lager nun als Flüchtlingscamp der Vereinten Nationen anzuerkennen. Damit kämen die Bewohner in den Status, mit dem sie von der UNHCR Hilfe bekommen. Celine Schmitt, Vertreterin des UN-Flüchtlingshilfswerks, kennt diese Ansprüche, sagt aber auch, dass das nicht unbedingt eine Lösung sei. "Es ist vor allem wichtig, den Menschen einen warmen, sicheren Ort zu geben", so Schmitt. Frankreich habe verschiedene Formen der Unterbringung und der Prüfung des Asylantrages. „Die Bedingungen hier sind sehr schwierig. Für die Menschen ist es nicht leicht, über ihre Zukunft nachzudenken und eine vernünftige Entscheidung zu treffen." In der kommenden Woche werde ein Vertreter des UNHCR die Bewohner über die Asylverfahren und die Rechte als Flüchtling informieren.

Flüchtlinge werden von den Vereinten Nationen auch ermutigt, sich mit Bussen zu Unterbringungszentren fahren zu lassen und dort Schutz, Nahrung und mehr über die Chancen ihres Asyls zu erfahren. Bislang hätten rund 2000 Menschen diese Chance genutzt, und viele hätten die Möglichkeit erhalten, in Frankreich zu bleiben.

Helfer verspüren Ohnmacht gegenüber dem Staat

Im Cafe Kabul hat Ben Harrison unterdessen einen Aufruf nach dem anderen gestartet, das Gelände, das geräumt werden soll, zu verlassen. Er ist erleichtert, dass fast alle den Abbruchbereich verlassen haben. Er hofft, dass es weiterhin eine Lösung für den "Dschungel" geben wird. "Es ist schon schwer, jemanden zu erklären, was das internationale System alles zulässt. Zur aktuellen Situation gehört, dass Ärzte und Wirtschaftsprüfer in Zelten und Baracken bei eisigen Temperaturen leben und unter schweren Krankheiten leiden. Zu allem Überfluss, wurden unter diesen Umständen mehrere Babys im Lager geboren", sagte Harrison "Moralisch betrachtet ist das alles falsch und ich kann eigentlich keinen klaren Gedanken mehr fassen."