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Politik

Dschihad digital - Terrorwerbung im Internet

Islamistische Terrorgruppen suchen Nachwuchs. Und dabei bedienen sie sich immer modernerer Mittel: Auf Blogs, YouTube und Facebook werben sie massiv um neue Mitglieder. Auch Deutschland ist Zielscheibe der Propaganda.

Symbolbild Terrorismus und Internet

Terrorgruppen suchen vermehrt Nachwuchs übers Internet

Es sind Szenen wie aus einem Action-Film: professionell gedreht und geschnitten von einer arabischen Produktionsfirma. Vier Männer in langen Kutten trainieren Würgegriffe, Tritte, Attacken mit Messern und Schusswaffen. Die Gesichter haben sie unter schwarzen Stoffmasken versteckt. Dazu besingt eine Männerstimme auf Arabisch den Klang des Krieges und der Maschinengewehre. Der Video-Clip steht auf dem Internet-Portal YouTube. Nutzer weltweit können ihn anschauen, herunterladen, den Link im Netz verbreiten.

Mansour Al-Hadj vom Middle East Media Research Institute (MEMRI) in Washington (Foto:MEMRI)

Mansour Al-Hadj vom Middle East Media Research Institute (MEMRI) in Washington

Das Video ist Teil eines digitalen Propaganda-Krieges, angeführt von islamistischen Terrororganisationen wie El-Kaida. "Die Dschihadisten wissen, was sie tun und sie machen es sehr effektiv. Sie haben ihre eigenen Dschihad-Foren, sie nutzen auch YouTube, um erneut zu veröffentlichen, was bereits an anderer Stelle veröffentlicht wurde, so dass sie ein breiteres Publikum erreichen können. Sie nutzen Facebook und außerdem verschicken sie Gruppen-E-Mails", sagt Mansour al-Hadj vom Middle East Media Research Institute (MEMRI) in Washington D.C. Der Terrorismus-Experte beobachtet und analysiert islamistische Foren und Blogs.

Der "Bin Laden des Internet"

Der militante Geistliche Anwar al-Awlaki in einem Youtube-Video (Foto:www.youtube.com)

Der militante Geistliche Anwar al-Awlaki in einem Youtube-Video

Bei seinen Recherchen im Netz stößt Al-Hadj immer wieder auf die Hasspredigten von Anwar al-Awlaki. Der militante Geistliche aus dem Jemen ist US-Bürger und gehört zu den weltweit meistgesuchten Terrorverdächtigen. Als seine persönliche Webseite 2009 vom Betreiber in Kalifornien dicht gemacht wird, findet Al-Awlaki schnell neue Verbreitungskanäle für seine Propaganda. Er schreibt Blogs, vernetzt sich auf Facebook und veröffentlicht Videos seiner radikalen Reden und Vorlesungen auf YouTube. Deshalb wird der 39-Jährige auch der "Bin Laden des Internet" genannt.

Allein auf dem Video-Portal YouTube erzielt eine Suche nach Al-Awlaki rund 5000 Treffer. Der Geistliche präsentiert sich meist mit randloser Brille, Gelehrtenkappe und Vollbart. In einem im März 2010 veröffentlichten Video-Clip ruft Al-Awlaki zum heiligen Krieg gegen Amerika auf. In anderen Videos lobt er den versuchten Anschlag auf eine US-Passagiermaschine am ersten Weihnachtstag 2009 sowie den Amoklauf eines muslimischen Militärpsychologen in der texanischen Kaserne Fort Hood im vergangenen November. Nach den jüngsten Bombenfunden in Flugzeugen aus dem Jemen hat YouTube auf Druck aus den USA und Großbritannien einige hundert dieser Videos gelöscht.

Deutschland als Zielscheibe islamistischer Propaganda

Irakische Zivilisten schauen sich ein Terrorvideo im Internet an (Foto:ap)

Zwei Iraker schauen sich in einem Bagdader Internetcafe ein Terrorvideo an

Viele andere Clips stehen nach wie auf der Plattform, einige davon sind mit deutschen Untertiteln unterlegt. "Die Propaganda hat mit dem Beginn des Irak-Krieges 2003 stark zugenommen", sagt Dschihad-Experte Philipp Holtmann von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Er beobachtet, wie Islamisten in Pakistan über das Internet gezielt Menschen aus Deutschland anwerben. Die Extremisten haben vor allem junge Leute im Visier, sagt Holtmann. "Das Publikum dschihadistischer Propaganda besteht nicht nur aus gebürtigen Muslimen, sondern auch aus Konvertiten, die oftmals durch ihre Konversion eine viel striktere Interpretation des Islam leben als Muslime, die damit kulturell aufgewachsen sind."

Auch der Verfassungsschutz warnt in seinem aktuellen Bericht davor, dass Dschihadisten ihre Propaganda immer intensiver auf Deutschland ausdehnen. Holtmann geht davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen der Nutzung islamistischer Internetinhalte und Ausreisebewegungen in Richtung Pakistan besteht: "Meistens ist es so, dass sich kleine Gruppen in Gemeindezentren, Gebetsräumen oder an Schulen bilden. Die treffen sich dann, reden darüber. Die steigern sich da rein, laden sich Material aus dem Internet herunter, schauen sich das gemeinsam an, gehen vielleicht in den Wald und trainieren zusammen."

Karte von Waziristan (Grafik: DW)

Das Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan ist als El-Kaida-Hochburg bekannt

Einige von ihnen machen sich schließlich auf den Weg nach Waziristan. Die Bergregion in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan gilt als Rückzugsgebiet islamistischer Extremisten, allen voran der El-Kaida.

Die deutschen Sicherheitsbehörden beobachten derzeit mehr als 70 Personen, die in Trainingscamps in der Region ausgebildet wurden. Etwa die Hälfte von ihnen soll wieder nach Deutschland zurückgekehrt sein.

Autorin: Julia Hahn
Redaktion: Matthias von Hein/Thomas Latschan