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Europa

Droutsas: "Griechenland 'Opfer' des deutschen Wahlkampfs"

Wahlkampfschlager Griechenland: CDU/CSU und SPD streiten über neue Milliarden für Athen. Griechenlandhilfen sind kein gutes Thema für den Wahlkampf, meint hingegen der griechische Europa-Abgeordnete Dimitris Droutsas.

Deutsche Welle: Herr Droutsas, in Deutschland wird jetzt wieder über Griechenland gesprochen, über ein neues Hilfspaket, gar über einen neuen Schuldenschnitt. Wie finden Sie das aus europäischer Sicht?

Dimitris Droutsas: Ich glaube, man sollte niemals auf Wahltermine und Wahlkämpfe Rücksicht nehmen, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Ich weiß, es klingt insbesondere in deutschen Ohren nicht sehr populär und nicht sehr gut, aber ich bleibe dabei: Wenn wir eine endgültige Lösung für die Krise in Griechenland, aber auch für die Krise des Euro in seiner Gesamtheit haben wollen, dann müssen wir offen sein und Wahrheiten aussprechen, auch wenn sie bitter sind. Wenn wir wirklich eine Lösung haben wollen, wird es meiner Meinung nach ohne einen zweiten Schuldenschnitt in Griechenland nicht gehen. Und es wird wahrscheinlich auch eine weitere finanzielle Hilfe für Griechenland nötig sein, um die nächsten Jahre zu überbrücken. Das klingt nicht gut, aber es ist die Wahrheit. Wir müssen uns diesen Wahrheiten stellen.

Dass es einen Schuldenschnitt geben muss und auch weitere Hilfen, das ist ja eigentlich schon seit Monaten klar. Das sagen auch Wirtschaftsexperten in Deutschland. Das schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinen Berichten. Sind Sie verwundert, dass das jetzt plötzlich wieder so ein großes Thema wird?

Leider haben sich hier einige nicht zurückhalten können, wenn ich das so formulieren darf. Es ist im deutschen Wahlkampf ein sehr, sehr wichtiges Thema geworden. Deshalb drücke ich auch meine Besorgnis aus, dass Griechenland in Anführungszeichen gesetzt "Opfer" des Wahlkampfes werden könnte. Eine richtige Entscheidung, die hinter den Kulissen wahrscheinlich bereits gefasst war, nämlich ein zweiter Schuldenschnitt für Griechenland, könnte aufgehoben oder zumindest aufgeschoben werden, wegen der Vehemenz, mit der darüber in Deutschland gesprochen wird. Dabei ist Zeit Luxus bei der Bewältigung dieser Krise.

Wie wird diese neuerliche Debatte in Griechenland wahrgenommen?

Natürlich wird sehr viel in den griechischen Medien über diese Debatte berichtet und auch darüber diskutiert. Die griechische Regierung hält sich - ich glaube richtigerweise - aus dieser Debatte heraus. Fakt ist aber, dass diese Debatte natürlich die öffentliche Meinung in Griechenland sehr, sehr stark beschäftigt.

In etwas mehr als drei Wochen wird in Deutschland ein neues Parlament gewählt. Glauben Sie, dass man nach der Wahl, wenn sich der Staub gelegt hat, sachlicher darüber sprechen kann? Wäre dann die Bundesregierung bereit, über Griechenland-Hilfen zu reden?

Ich kann nur hoffen, dass in den verbleibenden Wochen des deutschen Wahlkampfes die Rhetorik nicht allzu scharf wird, sodass man nach der Wahl gewisse Aussagen auch wieder zurücknehmen kann. Ich glaube, alle sollten sich fragen, was man im Wahlkampf sagt, wo doch sehr große und sehr wichtige Dinge auf dem Spiel stehen. Wir sprechen alle über einen weiteren Schuldenschnitt in Griechenland, über weitere Finanzhilfen. Das ist alles wichtig und richtig, aber man sollte viel mehr auch über die notwendigen Strukturreformen sprechen, die in Griechenland notwendig sind. Auch hier würde ich mir wünschen, dass die EU-Partner und insbesondere auch Deutschland mehr Augenmerk darauf richten, welche Strukturreformen in Griechenland notwendig sind, und auch den notwendigen Druck ausüben in diese Richtung.

Dimitris Droutsas (45) ist seit Juni 2011 Abgeordneter im Europäischen Parlament. Der Sozialdemokrat war von September 2010 bis Juni 2011 als Außenminister Griechenlands aktiv in die finanzielle Rettung Griechenlands eingebunden. Griechenland hat seit 2010 internationale Kredite im Wert von ca. 250 Milliarden Euro bekommen und einen Schuldenerlass bei privaten Gläubigern in Höhe von etwa 100 Milliarden Euro erhalten. Die laufenden Hilfen reichen bis Ende 2014. Dann sollte das hoch verschuldete Land sich eigentlich wieder selbst auf den Kapitalmärkten finanzieren.

Das Interview führte Bernd Riegert.

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