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Amerika

Droht die nächste Nahrungsmittelkrise?

Die Besorgnis wächst, dass die Dürre in den USA eine globale Nahrungsmittelkrise auslöst. Doch David Hallam von der UN-Ernährungsorganisation FAO sagt, man habe aus der Vergangenheit gelernt.

DW: Herr Hallam, welche Folgen wird die anhaltende Dürre im Mittleren Westen der USA für die globale Ernährungssicherheit haben?

David Hallam: Die USA leiden derzeit unter der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren. Die Folgen sind verheerend. Die Maisernte wird stark einbrechen, um rund zwölf Prozent. Da die USA der führende Exporteur auf dem Weltmarkt sind, wird dies Folgen für die internationalen Märkte haben. Der Preis für Mais ist bereits deutlich gestiegen, um mehr als 20 Prozent allein im vergangenen Monat. Damit zieht auch der Preis für Weizen an. Denn wenn Mais teurer wird, kaufen die Menschen stattdessen Weizen. Und Weizen ist für die Ernährungssicherheit auf den globalen Märkten noch wichtiger.

2008 gab es schon einmal große Ernteausfälle auf der ganzen Welt. Das löste heftige Auseinandersetzungen und politische Instabilität aus und hatte enorme Konsequenzen für die Weltgemeinschaft. Droht jetzt eine ähnliche Krise?

David Hallam (Foto: FAO)

David Hallam

Als 2007 und 2008 von einer weltweiten Nahrungsmittelkrise gesprochen wurde, kamen verschiedene Faktoren zusammen. Es gab damals eine starke Nachfrage nach Nahrungsmitteln, die Ölpreise lagen auf hohem Niveau und es waren nur wenig Vorräte vorhanden. Im Moment sind die Lagerbestände nicht so schlecht. Die Produktion und Verfügbarkeit an Reis - das wahrscheinlich wichtigste Nahrungsmittel für die internationale Ernährungssicherheit - sind gut. Wir erwarten gute Ernten und die Preise für Reis sind stabil.

Was passiert, wenn die Ernährungssicherheit gefährdet ist?

Wenn es irgendeine Art von Lebensmittelpreisschock gibt - ich spreche hier nicht über extreme Hungersnot aufgrund von Naturkatastrophen, sondern nur über Lebensmittelpreisschocks - schränken einige Haushalte ihren Nahrungsmittelkonsum ein. Andere wechseln zu billigerer, oft lokal angebauter Nahrung. Wieder andere versuchen, ihren Nahrungsmittelkonsum beizubehalten, indem sie bei anderen Ausgaben etwa für Gesundheit oder Bildung sparen. Auf diese Weise reagieren insbesondere arme, städtische Haushalte.

Es klingt so, als ob Sie nicht erwarten, dass die Dürren soziale Instabilität auslösen?

Für die Instabilität während der globalen Nahrungsmittelkrise 2007/2008 waren neben steigenden internationalen Nahrungsmittelpreisen auch andere Gründe verantwortlich. In einigen Ländern gaben arme Haushalte bis zu 75 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Wenn Nahrungsmittelpreise steigen, wird die Situation für diese Haushalte kritisch. Manchmal kommt es dann zu der Art von Reaktionen, wie sie 2007/2008 zu beobachten waren.

Vor fünf Jahren ordnete der US-Kongress an, dass die Raffinerien mehr Ethanol und andere Biokraftstoffe ins Benzin mischen müssen. Ihre Organisation, die FAO, forderte jedoch, dass die Vereinigten Staaten ihre Biokraftstoffpolitik ändern müssten oder zumindest flexibler sein sollten, um neue Lebensmittelkrisen zu verhindern. Können Sie erklären, warum?

Die Maisernte in den USA fließt zunächst in die Produktion von Ethanol, der Rest wird zu Tierfutter verarbeitet. Wo es Verordnungen für Biokraftstoffe gibt, nach denen ein bestimmter Anteil von Ethanol in fossile Brennstoffe eingearbeitet werden muss, bleibt weniger übrig, um die Nachfrage nach Nahrung und Tierfutter zu befriedigen. Ein 2011 von internationalen Organisationen erstellter Bericht für die G20 zum Umgang mit Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln hat den entscheidenden Punkt benannt:: Dass Subventionen und Verordnungen, die das Angebot an und die Nachfrage nach Biokraftstoffen betreffen, zu einer Erhöhung der Preise auf den Lebensmittelmärkten führen.

Die internationalen Organisationen empfahlen den G20 eine Biokraftstoffpolitik zu beenden, die den Markt durch Beeinflussung von Angebot und Nachfrage verzerrt. Wenn das nicht möglich ist, dann sollte sie zumindest flexibler gestaltet werden: Wenn, wie jetzt, die Produktion zurückgeht und dadurch die Preise steigen, sollten die Vorgaben entsprechend verringert werden.

Vertrocknetes Buffalogras (Foto: Frank Morris)

Mittlerweile gelb statt grün: Nicht mehr als Futter geeignetes Buffalogras

Mais wächst nicht nur in den Vereinigten Staaten, warum sind Ernteschäden dort so bedeutend?

Die USA sind historisch ein führender Produzent und Exporteur von Mais und auch von Weizen und Sojabohnen. Ihr Anteil an den weltweiten Exporten beträgt rund 40 Prozent. Damit sind sie ein sehr wichtiger Akteur auf dem Weltmarkt. Wenn es in den USA eine Dürre gibt, hat dies auch Auswirkungen auf den Rest der Welt.

Auf welche Konsequenzen sollten wir uns vorbereiten?

Auf einen starken Anstieg des Maispreises und Folgewirkungen auf die Weizenmärkte. Wie hoch der Preis noch steigt, ist im Moment aber noch unklar. Der prognostizierte Ernterückgang von zwölf Prozent, ist der größte Rückgang, der jemals geschätzt wurde. Aber auf den Märkten hat sich nichts bewegt, die Preise sind nicht gestiegen. So wie es aussieht, hatten die Märkte die Auswirkungen der Dürre in den USA bereits einkalkuliert. Das, was uns im Moment stärker beunruhigt, sind die Weizenpreise. Man muss abwarten, wie die Ernten in Russland und in den anderen Teilen Osteuropas ausfallen, die auch von heißem und trockenem Wetter betroffen sind.

Was sind also die Empfehlungen der FAO, um die Auswirkungen der US-Dürre abzufedern?

Glücklicherweise haben wir viele Lehren aus der Erfahrung mit der globalen Nahrungsmittelkrise 2007/2008 gezogen. Einzelne Länder sind besser vorbereitet, um die am stärksten gefährdeten Gruppen vor rasant steigenden Nahrungsmittelpreisen zu schützen. Die Länder müssen ihre Mechanismen verbessern, globale Angebotsschwankungen auszugleichen. Für viele negative Auswirkungen, unter denen die Entwicklungsländer während der letzten Nahrungsmittelkrise litten, war der schlechte Zustand der eigenen Landwirtschaft verantwortlich. Dies wiederum lang daran, dass die Landwirtschaft in diesen Ländern jahrelang vernachlässigt und nur wenig in die landwirtschaftliche Produktion investiert wurde. Es ist wichtig, dass die Länder ihre eigene Landwirtschaft stärken, um flexibler zu sein. Dann sind sie unabhängiger und weniger von Ereignissen auf dem Weltmarkt betroffen.

David Hallam ist der Direktor der Abteilung für Handel und Märkte der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

Das Interview führte Saroja Coelho.

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