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Welt

Droht der Samtenen Revolution das Vergessen?

Vor 20 Jahren haben die Menschen in der Tschechoslowakei friedlich für die Freiheit gekämpft. Heute wissen ihre Kinder kaum noch etwas über diese Revolution: In der Schule bleibt für das Thema oft nicht genug Zeit.

Menschenmassen mit tschechischen Fahnen gehen eine Straße entlang (Foto: ullstein Bilder - CTK)

Die Samtene Revolution: ein bedeutendes Ereignis, das im Unterricht kaum Raum hat

"Alles, was ich über 1989 weiß, habe ich von meinen Eltern und den Großeltern gehört. Ehrlich gesagt: Ich kenne da höchstens die Grundlagen", sagt die Gymnasiastin Eliska. Dabei spielt das Jahr 1989 für Tschechien eine große Rolle: Mit der Samtenen Revolution endete damals die Herrschaft der Kommunisten im Land. Doch im Geschichtsunterricht seien sie gerade erste bei den Napoleonischen Kriegen angelangt, sagt Eliska.

Geschichte einmal andersherum

Schüler sitzen an ihren Tischen (Foto: dpa)

Solange die Kinder noch neugierig seien, sollten sie viel über die tschechische Geschichte lernen, sagt Posselt

Als vor zwanzig Jahren in Prag die Samtene Revolution ausbrach, war die Schülerin noch nicht geboren. Der Fall des Kommunismus komme ihr so entfernt vor wie alle anderen Themen im Geschichtsunterricht - eben graue Vergangenheit, sagt sie. Es sei ein Problem, dass die neueste Geschichte erst kurz vor dem Abitur durchgenommen werde, bestätigt Jiri Posselt, Lehrer im böhmischen Ort Kutna Hora. Laut Lehrplan müssen sich die Lehrer von der Frühgeschichte über mehrere Schuljahre bis in die Gegenwart vorarbeiten.

"Wir möchten das gerne umdrehen: Die Gymnasiasten sollten während ihrer ganzen Schulzeit die neueste Geschichte im Hinterkopf haben", sagt Posselt. In einem landesweiten Pilotprojekt sollen jetzt neue Methoden für den Geschichtsunterricht erprobt werden. "In ihren ersten Jahren am Gymnasium sind die Kinder noch neugierig. Da sollten wir die wichtigen Themen aufnehmen - und nicht erst kurz vor dem Abitur, wo die Schüler ganz andere Sorgen haben", sagt der Lehrer.

Mehr als ein Unterrichtsfach

In den meisten Familien, so Jiri Posselt, werde so gut wie nie über die alte Zeit gesprochen. Darum wissen viele tschechische Schüler nur grob über die Revolution Bescheid. Denn für das 20. Jahrhundert sieht der tschechische Lehrplan gerade mal ein halbes Jahr vor - für den Kommunismus bleibt da nicht viel Raum. "Wir sollten mehr lernen, was vor 1989 passiert ist", fordert eine Abiturientin. "Darüber, was der Kommunismus eigentlich war und wie lange er gedauert hat. Dem sollten sich die Lehrer viel mehr Zeit widmen."

Auf dem Wenzelsplatz demonstrieren tausende Leute (Foto: dpa)

Die Revolution liegt erst 20 Jahre zurück - und doch droht sie, vergessen zu werden

Die Freiheit, die ihre Eltern vor 20 Jahren erkämpft haben, ist für die Schüler inzwischen zur Normalität geworden. Wer auf dem Gymnasium in Kutna Hora sein Abitur macht, hat in der Schulzeit an mindestens einem Austauschprogramm teilgenommen: Mit Frankreich, Deutschland, England und Amerika unterhält das Gymnasium Partnerschaften.

Jetzt müsse man daran arbeiten, dass die Nach-Wende-Generation diese Freiheit auch zu schätzen wisse und sie nicht als selbstverständlich hinnehme, sagt der Lehrer Jiri Posselt. Die schlimmste Vorstellung für ihn wäre, wenn die Vergangenheit eines Tages nur noch eine theoretische Angelegenheit wäre. "Die Schüler fragen nicht viel. Wenn wir nichts daraus machen, ist die Geschichte für sie ein Unterrichtsstoff wie jeder anderer auch - Biologie, Chemie und eben Kommunismus." Und das habe die tschechische Geschichte nicht verdient.


Autor: Kilian Kirchgessner
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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