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Politik & Gesellschaft

Droht der Plastiktüte das Aus?

EU-Umweltkommissar Janez Potocnik will der Plastiktüte an den Kragen. Nach seinen Angaben verbraucht jeder Europäer im Schnitt 500 Plastiktüten pro Jahr - und schadet damit der Umwelt. Aber macht ein Verbot Sinn?

Plastiktüten gefüllt mit Nahrungsmitteln im Einkaufswagen (Foto: AP)

Was könnte ein Ersatz für die Plastiktüte sein?

Wenn es um das Thema Plastiktüten geht, dann gibt sich EU-Umweltkommissar Janez Potocnik entschlossen. "Wir prüfen alle Möglichkeiten, auch ein EU-weites Verbot", so Potocnik. Die meisten der rund 500 Plastiktüten, die jeder EU-Bürger nach seinen Angaben pro Jahr verbraucht, würden nur ein einziges Mal benutzt. Der Schaden für die Umwelt sei immens.

"Mehr Plastik als Plankton"

Auch an Land sind die Plastiktüten ein Problem. Im Mittelmeerraum liegen sie häufig an Stränden, in Parks aber auch mitten in den Städten herum. Sie werden oft arglos weggeworfen und dann vom Wind in alle Richtungen getrieben. Allerdings ist das Problem in den Meeren noch gravierender. Neben großen Müllteppichen aus Plastikabfall finden sich dort auch Unmengen von kleinen Plastikpartikeln. Laut dem EU-Umweltkommissariat trieben derzeit rund 250 Milliarden Kunststoffteilchen mit einem Gesamtgewicht von rund 500 Tonnen allein im Mittelmeer. Die Zersetzung dieser Plastikpartikel könne einige Hundert Jahre dauern.

Dr. Heribert Wefers vom BUND (Foto: BUND)

Dr. Heribert Wefers ist Referent beim BUND

Vor genau diesen Partikeln warnt Dr. Heribert Wefers, Referent für technischen Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): "Es sind vor allen Dingen auch kleine Partikel aus Plastik die uns Sorgen machen, weil in Teilen der Ozeane die Anteile dieser kleinen Plastikpartikel schon höher sind als das natürlicherweise vorkommende Plankton. Fische nehmen diese kleinen Plastikpartikel auf. Sie haben dann einen Magen, der mehr Plastik als Plankton enthält. Und es besteht die Gefahr, dass sie bei vollem Magen verhungern", so Heribert Wefers.

Aber auch die Seevögel haben Probleme mit dem Plastik. Zum einen können sie sich in den Tüten verheddern und dann ersticken. Zum anderen nehmen sie die Plastikpartikel automatisch auf, wenn sie Fische essen, die die Partikel im Magen haben.

Neben der Verschmutzung von Land und Meer, haben die Plastiktüten einen weiteren großen Nachteil. Der liegt in ihrem Ausgangsmaterial, erläutert Stephan Gabriel Haufe, stellvertretender Pressesprecher des Umweltbundesamts: "Plastiktüten werden aus Erdöl hergestellt, das heißt aus einem Rohstoff, der irgendwann auch nicht mehr da sein könnte. Wenn wir also Plastiktüten wenig benutzen, dann sparen wir auch an dieser Ressource." Außerdem sei die Entsorgung der Plastiktüte nicht ganz unproblematisch, weil dabei Kohlenstoffdioxid freigesetzt werde, sagt Heribert Wefers vom BUND.

Der internationale Kampf gegen die Plastiktüte

Plastiktüten am Dublin Bay in Irland (Foto: AP)

Ärgernis: Plastiktüten an Stränden

Das Thema Plastiktüte steht bereits bei vielen Ländern auf der Agenda. Nach Angaben des BUND gehen rund 25 Prozent der Länder weltweit gegen die Plastiktüte vor. Dies geschieht auf unterschiedliche Art und Weise. Australien, Indien und einige afrikanische Länder haben beispielsweise ein Plastiktüten-Verbot eingeführt. Einige Bundesstaaten der USA, Belgien und Irland hingegen haben die Tüten durch Steuern oder Gebühren deutlich verteuert und damit für die Verbraucher unattraktiver gemacht. Die Länder haben meist Erfolg damit, sagt Dr. Heribert Wefers vom BUND. In China, zum Beispiel, dürften Plastikbeutel nicht mehr kostenlos und ungefragt vom Händler mitgegeben werden. "Das hat dazu geführt, dass Zweidrittel weniger Plastiktüten als vorher in die Umwelt gelangen." In Irland habe man festgestellt, dass die Besteuerung zu einem 90-prozentigen Rückgang geführt habe. Das seien sehr unterschiedliche Ergebnisse. "Aber durchweg kann man sagen, dass Maßnahmen zur Einschränkung der Plastiktüten über Verbote oder über Gebühren durchaus erfolgreich waren", so Heribert Wefers.

Italien hat vor kurzem ein Verbot von Einkaufstüten aus herkömmlichem Plastik erlassen. Dort wurden stattdessen Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff eingeführt. Könnte das auch ein Weg für Deutschland sein? Wohl kaum. Sowohl der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland als auch das Umweltbundesamt halten die sogenannten biologisch abbaubaren Plastiktüten für eine Verbraucher-Täuschung. Der Begriff lege nahe, dass man etwas für die Umwelt tue. Die Realität sehe allerdings anders aus, so Heribert Wefers vom BUND. So seien beispielsweise viele Kompostieranlagen gar nicht in der Lage zu erkennen, ob es sich um eine kompostierbare oder um eine herkömmliche Plastiktüte handele.

Zudem enthalten die biologisch abbaubaren Plastiktüten umweltschädigende Stoffe. Außerdem bauen sich die biologisch abbaubaren Kunststoffe nicht so schnell ab, wie es wünschenswert wäre. Wer sich also für ein Verbot der herkömmlichen Plastiktüte ausspricht, der muss sich vorher eine gute Alternative überlegt haben und diese der Bevölkerung erklärt haben.

Deutsche Verbraucher und ihr Verhältnis zur Plastiktüte

Plastiktüte in der ein Blumenstrauß steckt (Foto: DW)

Viele Deutsche nutzen die Plastiktüte mehr als nur einmal

Wenn man sich in den Fußgängerzonen deutscher Großstädte umhört, dann findet man keine einheitliche Meinung zum Thema Plastiktüten-Verbot. Ein Teil der Bürger findet die Plastiktüten einfach praktisch. Zudem kosten sie entweder nichts oder nur sehr wenig. Und sie halten auch im Regen. Andere benutzen schon jetzt Papiertüten, Beutel oder Körbe.

Viele Bürger in Deutschland halten ein Verbot von Plastiktüten auch deshalb nicht für nötig, weil sie die Tüten nicht sofort wegwerfen, sondern sie über einen längeren Zeitraum verwenden, so wie auch ein älterer Herr, der in der Bonner Fußgängerzone versucht, einen großen Blumenstrauß in eine Plastiktüte zu stecken: "Die brauche ich immer wieder. Für alles. Sehen Sie ja, wie die aussieht. Die haben ich immer in der Tasche. Die sind praktisch. Mit Papier ginge das gar nicht."

Die Probleme sind nicht überall die gleichen

Einem EU-weiten generellem Verbot von Plastiktüten stehen sowohl das Umweltbundesamt als auch das Bundesumweltministerium skeptisch gegenüber, denn Europa sei ein heterogenes Gebilde. So werden Plastiktüten in den unterschiedlichen Ländern der Europäischen Union unterschiedlich häufig eingesetzt. Deutschland liegt beispielsweise mit rund 65 Plastiktüten pro Kopf und Jahr deutlich unter dem EU-Durchschnitt.

Zudem gilt das deutsche Recycling-System als sehr leistungsfähig. Kunststoffverpackungen wie auch Plastiktüten werden in Deutschland in besondere Mülltonnen geworfen. Später werden daraus Plastiktüten oder andere Kunststoffprodukte.

Person mit Jutebeutel in der Hand (Foto: DW)

Alternative: Baumwolle statt Plastik

Trotzdem gibt es auch in Deutschland noch Verbesserungsmöglichkeiten. Heribert Wefers vom BUND sieht da verschiedene Wege - ein Verbot muss es aber nicht sein. "Vielleicht sind andere Dinge, die das Verbraucherbewusstsein beeinflussen besser. Wir müssen weg kommen von dieser Wegwerfkultur. Man könnte Gebühren auf die Tüten erheben in Form von Steuern." Wichtig dabei sei, dass die Gebühren und Steuern auf alle Einwegtüten erhoben würden, also auch auf die biologisch abbaubaren Plastiktüten und genauso auf Papiertüten.

Das Bundesumweltamt spricht sich dafür aus, vor allem die Mehrweg-Alternativen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Umweltamtssprecher Stephan Gabriel Haufe wirbt vor allem für zwei Plastik-Alternativen: "Die Baumwolltüte oder die Jutetüte. Die kann ich mehrfach benutzen. Das ist ein klares biologisches Material. Die Papiertüte ist es nicht wirklich. Die Papiertüte enthält auch chemische Substanzen, damit man ein stabiles Papier herstellen kann. Und das ist auch sehr aufwändig. Also die Papiertüte ist keine echte Alternative zur Plastiktüte. Die Alternative heißt Jute und Baumwolle."

Autor: Marco Müller
Redaktion: Diana Hodali

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