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Gesellschaft

Droht auch Deutschland der Schuldenschnitt?

Während die Politik über weitere Milliardenhilfen für Griechenland verhandelt, streiten sich Finanzexperten über die Gefahren für Deutschland. Manche denken sogar über einen Schuldenschnitt nach.

Ein Schulden-Schild (Bilderbox)

Die Gesichter der Zuhörer werden immer bleicher. Viele Anwesende wischen sich mit Tüchern den Schweiß von der Stirn und beginnen auf ihren Sitzen nervös hin und her zu rutschen. Der Saal der Filiale einer Bank in Rheinland-Pfalz ist voll. Eingeladen wurde zu einem Vortrag des Wirtschaftsjournalisten Günter Ederer zur aktuellen Finanzlage. Ederer, der jahrelang für das deutsche Fernsehen berichtete, zitiert aus seinem neuesten Buch "Träum weiter, Deutschland", und listet dabei nur Fakten auf. Den deutschen Schuldenstand und die Jahre, die man bräuchte, um ihn abzutragen. Inflationsraten von bis zu 18 Prozent bei den Energiekosten. Seit Jahren nicht mehr veröffentlichte Geldmengen in den USA. Leerstände von überteuerten Investorenimmobilen in China. Die Höhe der deutschen EU-Bürgschaften und die Hindernisse der Schuldner, diese Forderungen jemals zurück zu zahlen.

Den Zeitraum, dass dieses nur noch von Hoffnungen getragene System doch noch zusammenbricht, schätzt Ederer auf maximal zehn Jahre. Dann müsse auch Deutschland umschulden oder man habe eine so hohe Inflation, dass Vermögen in einem Jahrzehnt bestenfalls noch die Hälfte wert sind. Das geht dem Vorstand der Bank dann doch zu weit und er bittet den Referenten Ederer um Mäßigung. Die Äußerungen würden seiner Bank schaden und die Zuhörer unnötig verschrecken. Gleichzeitig muss der Bankmächtige dem findigen Journalisten zugeben, dass in nur einer Woche Kunden seiner Bank Gold im Wert von einer Million Euro gekauft haben.

"Rette sich, wer kann"

Börsenhändler Dirk Müller. (Foto: dpa)

Dirk Müller: "Sind in der Endphase angekommen"

Dieses Ereignis zeigt, was sich schon seit Wochen in Deutschland vollzieht. Die meisten Amtsträger in der Finanzwelt vermeiden nach Möglichkeit offene Diskussionen über die Risiken im Euro-Raum. "Längst Feststehendes wird nur noch hinter vorgehaltener Hand geäußert. Es wird alles getan, um das Vertrauen um jeden Preis aufrecht zu erhalten", berichtet Günter Ederer. Währenddessen schichten viele Sparer ihr Vermögen in vermeintlich wertbeständige Dinge wie Gold, Silber, Häuser, Grundstücke, Wälder und Rohstoffe um.

"Es gilt so ein bisschen: Rette sich, wer kann, aber es redet keiner offen darüber", erzählt Günter Ederer, der Teile seines Vermögens in Neuseeland investiert hat. Ederer steht nicht alleine da. Der Börsenhändler Dirk Müller kennt die Empörung über all jene, die die Beständigkeit eines überforderten Finanzsystems hinterfragen. Nach der Veröffentlichung seines erfolgreichen Bestsellers "Crashkurs" geriet er bei etlichen Finanzfachleuten in den Ruf eines Verschwörungstheoretikers. "Keiner weiß natürlich, wann es knallt. Aber Abwertungen oder Umschuldungen gehören zu unserem Wirtschaftsystem und wir sind wieder einmal in einer Endphase angekommen", so Müller.

Hoffnung auf deutsche Tugenden

Euromünzen in zwei Händen. (Foto: ap)

Nachzahlen: Kredite für notleidende EU Länder

Gegen vermeintliches Stammtischgeschwätz, profilierungssüchtige Wissenschaftler und auflagensteigernde Äußerungen von Autoren verwahrt sich der ehemalige Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter. Er lenkt in seiner Einschätzung den Blick auf den Umstand, dass Deutschland die Kosten einer Wiedervereinigung zu tragen hatte und dies bis heute relativ gut bewältigte. "Deutschland genießt die höchstmögliche Bonität und deutsche Anleihen erfreuen sich trotz niedriger Verzinsung größter Beliebtheit", verweist Walter auf unstrittige Fakten. Deutschland habe auch bessere Fähigkeiten als die USA entwickelt, die existierenden Schulden nicht weiter wachsen zu lassen.

Walters Meinung schließt sich auch Bernd Raffelhüschen an. Der viel beachtete Finanzwissenschaftler an der Universität Freiburg ergänzt, dass den deutschen Staatsanleihen eine enorme Steuerkraft entgegen stehe, die aktuell auf über überraschende 130 Milliarden Mehreinnahmen für die nächsten drei Jahre geschätzt werden. "Bevor man Währungsschnitte macht, muss man schon Staatsschulden haben, die dem fünf bis sechsfachen des Bruttoinlandsproduktes entsprechen." Gemessen an der Wirtschaftsleistung eines Jahres liegt die Staatsverschuldung Deutschlands bei rund 80 Prozent.

Zum Vergleich: Griechenlands Schuldenstand liegt nach den Zahlen vom europäischen Amt für Statistik (Eurostat) bei 143 Prozent. Italiens Schulden erreichen 119 Prozent, Portugal landet bei 93 Prozent. "Ab 90 Prozent wird es schwierig", räumt Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) ein. Ein Horrorszenario wie einen Schuldenschnitt für Deutschland kann sich Hinze allerdings nur vorstellen, wenn die Krisensituation länger in Europa anhält. Deshalb würde auch jetzt alles getan, um Griechenland erneut zu helfen. "Wenn wir in Griechenland, Portugal oder gar Spanien Abschreibungen vornehmen müssten, hat das auch für Deutschland fatale Auswirkungen."

Hohe Bürgschaften sind ein Risiko

Eurozeichen. (Foto: ap)

Viele Deutsche sehen den Euro schon im freien Fall

Zu den Finanzwissenschaftlern, die die Situation Deutschlands kritisch sehen, gehört Professor Stefan Homburg von der Universität Hannover. Homburg geht fest davon aus, dass Griechenland trotz einer möglichen neuen Finanzhilfe irgendwann einräumen muss, die Schulden nicht bedienen zu können. "In dem Fall würde dies deutsche Bürgschaften in Milliardenhöhe belasten und die deutsche Bonität gefährden." Mit Homburg stimmen nahezu alle befragten Finanzexperten und Ökonomen überein, dass Deutschland, isoliert betrachtet, sicher gut dasteht, die eigentliche Gefahr aber in den hohen Bürgschaften von rund 400 Milliarden Euro liegt.

"Wenn die fällig werden, dann hilft auch die in Deutschland vereinbarte Schuldenbremse nicht mehr." Die Schulden würden sich an dem Verbot zur Neuaufnahme von Schulden ab dem Jahr 2016 vorbei entwickeln. "Ein Sprengsatz, der zur Zeit noch durch Maßnahmen der EZB verdeckt wird", sagt Stefan Homburg. Er schließt einen Währungsschnitt für Deutschland nicht mehr aus, wenn die Forderungen schwächelnder Eurostaaten zunehmen oder noch etwas Schlimmes geschehen würde.

Bei vielen befragten Experten ist deshalb immer wieder die Theorie zu hören, dass die EU-Regierungen nur noch auf einen weiteren "Big Bang" warten. Auf einen Anlass von außen für eine geordnete Umschuldung. Dafür bräuchte es nur eine Katastrophenmeldung vom Ausmaß der Pleite der Lehman-Bank. Diese Meldung könnte aus den USA oder China kommen. Das wäre der Moment, in dem man in den OECD-Ländern insgesamt umsteuern müsste. Eine konzertierte Aktion könnte in einer Abwertung der Währungen liegen oder in die Verlängerung der Laufzeiten für Anleihen oder in der Herabsetzung der Zinsen für Anleihen. Börsenhändler Dirk Müller vor Finanzfachleuten: "Es spitzt sich zu."

Angst vor dem Staatsbankrott

In Deutschland sitzt die Angst vor hohen Inflationsraten oder gar einem Währungsschnitt sehr tief. Im vergangenen Jahrhundert gab es gleich zwei Währungsreformen. Nach dem ersten Weltkrieg vernichtete 1923 eine Hyperinflation viele Vermögen. Ein Brot kostete damals eine Billion Mark. Die Verzweiflung über die Wirtschaftskrise ebnete schließlich den Nationalsozialisten den Weg. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings ermöglichte die Währungsreform von 1948, die übermächtigen Kriegsschulden zu reduzieren und einen Neuanfang, den man später das "Wirtschaftswunder Deutschland" nannte. In der jüngeren Geschichte gab es auch internationale Staatspleiten. 1999 betraf es Russland, 2003 erklärte Argentinien den Staatsbankrott.

Autor: Wolfgang Dick

Redaktion: Arne Lichtenberg

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