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Digitales Leben

Drohen via Twitter

Weil die Britin Caroline Criado-Perez für das Gesicht der Autorin Jane Austen auf der 10-Pfund-Note kämpfte, wurde sie per Twitter beschimpft. Ihr wurde Gewalt angedroht. Eine Gefahr für die Meinungsfreiheit?

Monatelang kämpfte die britische Aktivistin und Journalistin Caroline Criado-Perez für ein Frauengesicht auf den Geldscheinen in Großbritannien. Die Britin plädierte für die Schriftstellerin Jane Austen auf dem neuen Zehn-Pfund-Schein. Ende Juli war klar: Criado-Perez hat ihr Ziel erreicht. Die Bank of England wird die Geldscheine 2017 drucken. Doch mit dem Ende dieses Kampfes begann ein neuer:

Gegner und Frauenhasser feinden die Journalistin über ihr Twitter-Profil an, twittern Beleidigungen, drohen mit Vergewaltigung und Mord. Gegenüber dem britischen Fernsehsender BBC sagte Criado-Perez, sie habe etwa 50 Drohnachrichten pro Stunde erhalten. Und das über einen Zeitraum von über 12 Stunden: "Diese Drohungen waren so detailliert und explizit, dass ich sie nicht aus meinem Kopf bekam, sie haben mir wirklich Angst gemacht."

Der 10-Pfund-Schein mit Jane Austen soll voraussichtlich 2017 gedruckt werden. (Foto: EPA/HO)

Der Schein des Anstoßes: Das Bild der Schriftstellerin Jane Austen auf der neuen 10-Pfund-Geldnote

Doch nicht nur Criado-Perez erhielt Drohungen: Auch der Labour-Politikerin Stella Creasy wurden Morddrohungen getwittert. Sie hatte Criado-Perez in ihrer Kampagne unterstützt. Eine Welle des Hasses und der Gewalt hat den Kurznachrichtendienst erfasst: Anfang August haben mehrere britische Journalistinnen Bombendrohungen erhalten: "Eine Bombe wurde vor deinem Haus platziert", schreibt ein anonymer Twitter-Nutzer. Dazu die genaue Uhrzeit der Detonation.

Vom Unternehmen selbst hat Criado-Perez wenig Unterstützung bekommen. Daraufhin verständigte sie die Polizei. Mittlerweile wurden zwei junge Männer verhaftet und bis zur Gerichtsverhandlung im September auf Kaution wieder frei gelassen.

Die Einschüchterungsversuche sollen vor allem eins verhindern: Die freie Meinungsäußerung.

Anfeindungen gehören zum Alltag

Für Hendrik Zörner vom Deutschen Journalistenverband eine ausweglose Situation: "Das ist auch nicht der erste Fall, in dem Journalisten stark angefeindet werden für Twitter-Postings. Das ist leider eine negative Begleiterscheinung der Social Media – ich vermute aber fast, dass Journalisten kaum eine andere Möglichkeit haben, als damit zu leben." Für Zörner hilft nur der juristische Weg.

Twitter gibt sich ratlos: Einerseits gibt die Direktorin für "Vertrauen und Sicherheit", Del Harvey, zu, in der Vergangenheit nicht automatisch bedrohende oder beleidigende Tweets an die Polizei weitergeleitet zu haben, andererseits betont sie, dass Twitter nicht genug Informationen habe, die lokale Polizei zu informieren. Oft sei nicht klar, von wo ein Tweet genau abgeschickt worden sei.

Aktivistin Caroline Criado-Perez bei der Präsentation des Geldscheins mit Jane Austen am 29. Juli 2013. (Foto: Chris Ratcliffe/PA Wire)

Aktivistin Caroline Criado-Perez sah sich Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt

Twitter hat einen Verhaltenskodex, der Gewaltandrohungen nicht erlaubt. Wer diese melden will, muss sich allerdings durch mehrere Seiten klicken. Eine Online-Petition verlangt, einen "Missbrauch melden"-Knopf einzufügen. Die Idee hat mittlerweile mehr als 120.000 Unterstützer. Um Gewalt über Twitter zu verhindern, müssten Tweets und Nachrichten allerdings kontrolliert werden. Laut Twitter wären dies 2010 rund 65 Millionen Tweets pro Tag gewesen.

Persönliche Kontrolle unmöglich

Journalist und Blogger Martin Giesler bezweifelt, dass das möglich wäre: "Bei Twitter kenne ich die Zahlen nicht, aber bei Facebook ist das Verhältnis eine Milliarde Nutzer zu 5000 Mitarbeitern. Da liegt es auf der Hand, dass, wenn ein Posting gemeldet wird, es nicht von einer Redaktion mit viel Zeit angeschaut und dann bewertet werden kann. Sondern da stecken Algorithmen dahinter – wenn 1000 Leute sagen, dieses Posting geht gar nicht, dann greift das Computersystem und löscht den entsprechenden Artikel."

Automatische Filtersysteme gebe es bereits bei Twitter, erklärt der Konzern. Ob Kontrolle durch Mitarbeiter oder Rechenformeln – für Martin Giesler eine problematische Angelegenheit:

Das Display eines Smartphones zeigt am 02.02.2013 in Berlin das Logo des Kurznachrichtendienstes Twitter. (Foto: Soeren Stache/dpa)

Bei der iPhone-App von Twitter gibt es bereits einen Knopf, um Missbrauch zu melden

"Wenn man diese Möglichkeit gewährt, muss man sich gleichzeitig wieder die Frage stellen: Wo sind denn dann die Grenzen? Sprich: Ist es vielleicht eine Androhung? Ist es eine richtige Drohung? Ist es eine Schmähung? Ist es eine Beleidigung? Und wenn man sich all diese Fragen stellt, übergibt man Twitter und Facebook die Möglichkeit, Zensur auszuüben – eine Zensur, die für den User überhaupt nicht mehr nachvollziehbar ist."

Der Wunsch, freie Meinungsäußerung zu fördern und Gewalt zu verhindern, er könnte in neuer Gewalt münden: der Zensur der Inhalte von Nutzern Sozialer Netzwerke.

Den "normalen" Nutzer schützen

Martin Giesler geht es bei der aktuellen Debatte weniger um die Einschüchterung von Journalisten: "Journalisten und Politiker stehen im Zweifelsfall sowieso im öffentlichen Fokus. Der Blick muss also mehr auf den allgemeinen Nutzer gerichtet werden. Sei es der Schüler, die Hausfrau oder der Familienpapa, die nämlich auch Beleidigungen oder Schmähungen über Soziale Netzwerke erfahren."

Twitter nutzen rund zwei Prozent der Deutschen mindestens ein Mal in der Woche. Wie viele Twitter-Beleidigungen und Drohungen es in Deutschland gibt, ist nicht bekannt. Die polizeiliche Kriminalstatistik führt nicht auf, wie diese ausgesprochen werden – ob mündlich oder über Soziale Netzwerke.

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