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Wirtschaft

Drogeriekette Schlecker ist pleite

Schlecker, einst größte Drogeriekette Europas, ist pleite. Das Unternehmen hat offiziell Insolvenz beantragt. Das Geschäft soll unterdessen weiterlaufen.

Jahrzehntelang war Schlecker der unumstrittene Marktführer unter den Drogerie-Discountern. In fast jeder deutschen Einkaufsstraße gibt es die kleinen, etwas unaufgeräumt wirkenden Filialen, in deren engen Gängen sich die Produkte türmten: Duschgel, Zahnpasta, Kekse und Putzmittel – alles möglichst billig. Rund 14.000 Läden in Deutschland und dem europäischen Ausland waren es 2008, aktuelle Zahlen gibt Schlecker nicht bekannt.

Doch die Zahl der Geschäfte sinkt seit Jahren, allein 2011 sollen 1400 Filialen geschlossen worden sein, berichtet die "Lebensmittelzeitung". Die Schließungen waren das sichtbare Zeichen eines langen Niedergangs. Die letzten offiziellen Geschäftszahlen stammen aus dem Jahr 2010: Damals erwirtschaftete Schlecker mit 47.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 6,6 Milliarden Euro, doch es blieb ein operativer Verlust von 100 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr gab das Unternehmen bekannt, es schreibe seit drei Jahren Verluste.

Von der Konkurrenz überholt

Die Schlecker-Konkurrenten dm und Rossmann haben zwar weniger Filialen, machen aber pro Geschäft mehr Umsatz. Im Gegensatz zu Schlecker konnten sie ihr Geschäft in den letzten Jahren ausweiten. Marktführer in Deutschland ist inzwischen die dm-Gruppe, die im letzten Geschäftsjahr 6,2 Milliarden Euro umsetzte, mit rund 1300 Filialen.

Firmengründer Anton Schlecker baute den väterlichen Fleisch- und Handelsbetrieb aus und eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Laden in Kirchheim unter Teck in der Nähe von Stuttgart. Ein Grund für den Einstieg ins Drogeriegeschäft war, dass im Jahr zuvor die bis dahin in Deutschland geltende Preisbindung für Markenartikel aufgehoben wurde. Schleckers Geschäftsmodell war es, die Produkte so billig wie möglich zu verkaufen, die Konkurrenz über den Preis zu schlagen.

Der Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker am 25.2.1999 in Ulm. Foto: dpa - Bildfunk

Drogerie-Milliardär Anton Schlecker - ein Bild von 1999

Lange hatte er damit Erfolg. Das Schlecker-Imperium wuchs kontinuierlich, bald kamen neue Geschäftsfelder und auch Filialen im europäischen Ausland hinzu. 2008 bezeichnete sich das Unternehmen, das damals sieben Milliarden Euro umsetzte, als "Marktführer in Europa". Anton Schlecker ist heute einer der reichsten Deutschen. Sein Vermögen soll 3,1 Milliarden US-Dollar betragen, berichtet das US-Magazin Forbes 2010.

Fragwürdige Praktiken

Anton Schlecker hat die Öffentlichkeit immer gescheut. Und doch geriet er manchmal in die Schlagzeilen. 1987 etwa, bei der spektakulären Entführung seiner Kinder Meike und Lars, die durch Zahlung eines Lösegeldes von 10 Millionen D-Mark beendet wurde. Vor allem aber durch die zunehmend lauter werdende Kritik der Gewerkschaften. Die Vorwürfe reichten von Verstößen gegen das Arbeitsrecht und Missbrauch von Leiharbeit bis zur unerlaubten Überwachung der Angestellten durch Kameras.

Ein Karton mit der Beschriftung Rote Karte für Schlecker am Brandenburger Tor in Berlin. Foto: Alina Novopashina dpa/lbn

Insolvenzantrag statt Roter Karte

Das Stuttgarter Landgericht verurteilte Anton Schlecker und seine Frau Christa 1998 wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe von zwei Million Mark, umgerechnet etwa eine Million Euro. Die Schleckers hatten ihren Mitarbeitern vorgetäuscht, sie würden nach Tarif bezahlt, während die Löhne in Wirklichkeit weit darunter lagen, so das Gericht.

Ab 2010 versuchte das Unternehmen einen Imagewandel. Die Kinder Meike und Lars waren nun für die Unternehmenskommunikation verantwortlich. "Wir wollen keine Negativschlagzeilen mehr", so Lars Schlecker auf einer Mitarbeiterversammlung. "Wir wollen nicht mehr der Buhmann für Deutschland sein."

Imagewandel gescheitert

Das Unternehmen investierte in die Modernisierung seiner Filialen. Die sollten nicht mehr muffig und zugestellt wirken, sondern "freundlicher, heller, sympathischer", so das Unternehmen auf seiner Internetseite. Doch die Sanierungen kosten Geld. Geld, das Schlecker nicht erwirtschaftete, denn die Kunden kauften inzwischen bei der Konkurrenz ein.

Schlecker habe viel zu spät auf die Wünsche der Verbraucher reagiert, so der Branchenexperte Matthias Queck vom Handelsinformationsdienst Planet Retail. "Anton Schleckers Konzept funktionierte nur da ganz ordentlich, wo es konkurrenzlos war", sagte Queck der Nachrichtenagentur dpa. "Doch die Konkurrenz ist inzwischen überall. Auch in jeder Kleinstadt." Ein weiteres Problem seien die kleinen Filialen mit niedrigen Umsätzen. "Die Umsätze müssen nur geringfügig nachgeben, und der Laden ist in die roten Zahlen gerutscht."

Eine Kundin betritt in Oldenburg eine Filiale der Drogeriekette Schlecker. Foro:AP Photo/Joerg Sarbach

Schlecker-Filialen gibt es in ganz Deutschland, wie hier im niedersächsischen Oldenburg

Auch Dirk Roßmann, Gründer und Geschäftsführer der Konkurrenzkette Rossmann, sieht in den rückläufigen Erlösen und geringen Umsätzen pro Filiale die Hauptgründe für das Scheitern. "Die Insolvenz ist eine Katastrophe für die Mitarbeiter und die Inhaberfamilie", so Roßmann. Die Mitarbeiter wurden über die Insolvenz offenbar nicht informiert. "Ich habe die Nachricht von der Insolvenz aus den Medien", zitiert die Nachrichtenagentur die Verkäuferin einer Münchner Filiale.

Am Montag (23.01.2012) beantragte Schlecker die Planinsolvenz beim Amtsgericht Ulm. Nun wird der zuständige Insolvenzrichter den Antrag prüfen und dann entscheiden, ob das Insolvenzverfahren eröffnet wird - und in welcher Form. Im Gegensatz zu einer normalen Insolvenz kann bei einer Planinsolvenz die alte Geschäftsführung im Amt bleiben und wird von einem Insolvenzverwalter beraten. Somit strebt Schlecker einen Erhalt des Unternehmens an, die Geschäfte sollen vorerst weitergeführt werden. Allerdings ist bislang unklar, ob die Gläubiger die Planinsolvenz mittragen. Einer der wichtigsten Gläubiger, der Einkaufsverbund Markant, habe dem zuständigen Amtsgericht Ulm bereits Vorbehalte gegenüber dem Schritt signalisiert, berichtete die "Financial Times Deutschland". Die Gläubiger müssten bei einer Planinsolvenz freiwillig auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten.

Autor: Andreas Becker
Redaktion: Dirk Kaufmann

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