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Kultur

Drogenkrieg: "Gebete für die Vermissten"

Als Lyrikerin sind Jennifer Clement Zwischentöne wichtig. Aber die Geschichte ihres neuen Romans ist alles andere als poetisch: Sie erzählt von den brutalen Entführungen junger Mädchen durch mexikanische Drogenbosse.

Die Pause vor dem ersten Wort ist lang. Wie bei der Rezitation eines Gedichtes. Die Autorin Jennifer Clement schaut nicht ins Publikum, versinkt für einen Moment in ihrem Text, bevor sie auf Englisch mit gesenkter Stimme zu lesen beginnt. Klar, ruhig, mit äußerst knappen Sätzen. Schon nach einer halben Seite verdichtet sich das, was zwischen den Zeilen mitschwingt, zu einer Vorahnung: Diese Geschichte wird nicht von einer glücklichen Kindheit erzählen. "Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter… Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit einem Stück Kohle über das Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie…"

Die verlorenen Mädchen von Guerrero

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Jennifer Clement liest exklusiv für die DW den Anfang ihres Romans

Clement ist als Romanautorin in Europa kaum bekannt. Ihr neues Buch "Prayers for the Stolen" ("Gebete für die Vermissten") ist ihr dritter Roman. Er spielt in einer ländlichen Gegend des mexikanischen Bundesstaates Guerrero. Hier wächst Ladydi, ein Mädchen mit ungewöhnlichen Namen, auf. In einem Dorf ohne Männer, umgeben von riesigen Mais- und Mohnfeldern. Aber die Idylle trügt: überall gibt es Schlangen und Skorpione - die durchsichtigen, deren Stich tödlich ist. Wer arbeitsfähig ist, geht als Immigrant in die USA. Eine brutale, ärmliche Welt, in der Mädchen nicht viel zählen. "Als Kind hat mich meine Mutter wie einen Jungen angezogen und mich 'Junge' genannt. Wäre ich ein Mädchen, würde man mich stehlen, sagte sie mir."

Die mexikanisch-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Clement ist derzeit auf Lesereise quer durch Europa. Helsinki, Zürich, Köln, Hamburg stehen auf dem Programm ihres deutschen Verlages. Man merkt ihr an, dass sie öffentliches Reden in nahezu druckreifen Sätzen gewöhnt ist. Drei Jahre lang war sie Präsidentin des PEN International in Mexiko, politisch ist sie nach wie vor sehr engagiert. Heute lebt und arbeitet sie in der Millionenmetropole Mexiko-City.

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Studium in New York und Paris

Jennifer Clement ist in Greenwich, Connecticut (USA) geboren. Sie wächst in Mexiko-Stadt auf, zum Studium geht sie wieder in die USA und entscheidet sich für Literaturwissenschaften und Anthropologie an der New York University. In Paris studiert sie Französische Literatur an der berühmten Sorbonne. Schmale Lyrikbände gehören neben den Romanen zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen. Bekannt wird sie als Autorin mit dem literarischen Porträt "Widow Basquiat" (2000), das auf den Erinnerungen der Witwe des weltberühmten Künstlers basiert. 2004 ermöglicht ihr ein Literatur-Stipendium des Goethe-Institutes, eine Zeit lang in Berlin zu arbeiten und auch Deutschland kennenzulernen.

Ursprünglich wollte sie ein ganz anderes Buch schreiben, erzählt die Schriftstellerin im DW-Interview. Aber als sie diese erschütternden Geschichten tausender verschleppter, brutal entführter Mädchen in Mexiko mitbekam, war ihr klar, dass sie darüber schreiben musste. Die harten Fakten lieferten ihr das Gerüst für den Roman: Inzwischen schätzen die NGOs die Zahl der Entführungen in Mexiko jährlich auf 105.682. Die Dunkelzifferrate liegt bei 99 %. Die wenigsten Entführungen werden von den Müttern zur Anzeige gebracht - aus Angst vor der Macht des Drogenkartells.

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Es ist ein schockierendes Buch, verstörend fast in einzelnen Passagen. "Es ist leichter ein gestohlenes Auto in Mexiko wiederzufinden, als ein entführtes Mädchen", berichtet Jennifer Clement im DW-Interview über die verzweifelte Suche der mexikanischen Mütter nach ihren verschleppten Töchtern. "Die Drogenbarone haben die Lokalpolitiker komplett im Griff. Die Korruption ist überall, selbst die Polizei ist involviert."

Über zehn Jahre hat sie für dieses Buch in Mexiko recherchiert – hartnäckig und mutig. "Ich habe mit Frauen, Freundinnen und Töchtern von Drogenhändlern Interviews geführt. Und ich habe mit Mexikanerinnen gesprochen, die von der Gewalt der Drogenbosse unmittelbar betroffen sind." Sogar im Gefängnis habe sie die Frauen aufgesucht, berichtet sie während der Lesung.

Aber es sei keine journalistische Recherche gewesen, betont sie. Sie nähere sich den Themen als Schriftstellerin, suche auch die Schönheit in der Hässlichkeit, wie ein Poet. "Das ist zum Glück ein Roman, bei dem ich mir die Figuren ausdenken und den Verlauf der Geschichte steuern kann." Deshalb gäbe es in ihrem Roman auch die 15-jährige Paula als wichtige Nebenfigur: "Paula ging direkt in ihr Zimmer und legte sich aufs Bett, auf dem noch ein paar Stofftiere lagen. Sie verlor nie ein Wort darüber, was ihr passiert war. Wir wussten nur, dass ihre Mutter sie mit der Flasche fütterte, mit einer Milchflasche…"

Die Schönheit des Hässlichen

Bei aller Tragik dieser elenden Verhältnisse vergisst die Autorin nicht den Humor der Mexikaner. Eine Lovestory gibt dem Roman wieder große Leichtigkeit. Und sie erzählt von der Heimatliebe ihrer Landsleute. "Mexikaner lieben Mexiko sehr. Das größte Problem, dass die USA mit den mexikanischen Immigranten hat, ist, dass sie nicht bleiben wollen. Sie wollen Geld verdienen und dann zurück nach Mexiko. Sie möchten nicht Teil der amerikanischen Gesellschaft werden, sie wollen keine Englisch-Kurse machen. Sie sehen die Vereinigten Staaten nicht als ihr Land."

Jennifer Clement Schriftstellerin Lesung in Köln 18.09.2014

Die Schriftstellerin auf Lesereise, hier in Köln beim Autogramm-Schreiben (18.9.2014)

Ihr neuester Roman "Prayers for the Stolen" erscheint aktuell in zwanzig Ländern gleichzeitig, das erste Buch von ihr, das auch in Amerika veröffentlicht wird. Die Reaktion auf den Roman in ihrem Heimatland Mexiko war sehr außergewöhnlich, erzählt Jennifer Clement. "Das wichtigste Zeitungsmagazin in Mexiko - ein sehr linkes Magazin - hat eine Besprechung auf zwei Seiten gebracht, auf den Seiten zum Thema Drogenkriminalität. Das war für mich eine echte Überraschung, dass nicht nur die Kulturressorts daran interessiert waren."

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