Drogenbrennpunkt Alexanderplatz | Meine Oma, das Regime und ich: Deutschland | DW | 15.11.2017
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Kriminalität

Drogenbrennpunkt Alexanderplatz

Drogen, Gewalt - der Alexanderplatz in Berlin ist nicht nur als Touristenmagnet bekannt. Vor dem Hintergrund wachsender Sorgen um die innere Sicherheit verstärkt die Polizei ihre Präsenz. Kate Brady war mit auf Streife.

Am Tag ist der Berliner Alexanderplatz ein Treffpunkt für Touristen: tausende Besucher füllen den Platz, strömen zum Fernsehturm und zur Weltzeituhr. Doch bei Nacht zeigt der Platz ein anderes Gesicht: Er wird zum Brennpunkt für Gewalt und Verbrechen.

Die dunklen Ecken des Alexanderplatzes waren nie harmlos, doch in den letzten Jahren ist die Lage eskaliert. Massenschlägereien, Diebstähle, Überfälle, Drogenhandel und -konsum sind allnächtlich geworden. In diesem Jahr wurden 5.600 Fälle bei der Polizei angezeigt. Im Schnitt gibt es hier zwei Fälle von Körperverletzung und sieben Diebstähle pro Tag. 

Unvergessen bleibt der Fall Jonny K.: Im Oktober 2012 wollte der 20-Jährige einem Bekannten bei einer Auseinandersetzung gegen mehrere junge Männer zur Hilfe kommen. Er wurde mehrfach in den Kopf getreten und erlag später seinen Verletzungen.

Sicherheit hat politische Priorität

Am Alexanderplatz, der von Berlinern meist kurz "Alex" genannt wird, hat die Anzahl angezeigter Straftaten in diesem Jahr leicht abgenommen – 2016 hatte die Polizei bis zum selben Zeitpunkt 12 Anzeigen mehr aufgenommen. Doch bundesweit ist ein klarer Anstieg an Gewalttaten zu verzeichnen.

Das hat das politische Klima in Deutschland verändert: Sämtliche große Parteien sprechen sich für mehr Polizei auf deutschen Straßen aus - einer der wenigen Punkten, bei denen sich die potentiellen Jamaika-Koalitionspartner einig zu sein scheinen.

Auch die Berliner Polizei reagiert auf die bundesweite Debatte zur inneren Sicherheit: Auf dem Alex wird Ende des Jahres eine neue Wache eröffnen.

In einer perfekten Welt wäre diese Wache mit 200 Polizisten besetzt, sagt Rene Behrendt, der Abschnitt 32 leitet, den Polizeibezirk, in dem der Alexanderplatz liegt. Doch Finanz- und Personalmittel reichen für nur 30 Beamte.

Alexanderplatz, Berlin, Deutschland Polizisten (DW/Kate Brady)

Die Berliner Polizei patrouilliert verstärkt am Alexanderplatz in Berlin

Auch jetzt schon patrouillieren Teams aus dem Bezirk regelmäßig hier. Wir treffen eine Gruppe von fünf Polizisten, die heute Nacht auf Streife sein werden, als die letzten Einkäufer mit ihren Tüten in der U-Bahn-Station verschwinden.

Eine der ersten Gruppen, die die Beamten kontrollieren, sind sechs afghanischer Jugendliche. Sie müssen ihre Ausweise vorzeigen, die Beamten weisen die vier Jungen und zwei Mädchen an, sich einem Ladenfenster zuzuwenden, ihre Hände auf das Schaufenster zu legen. Die Polizisten tasten die Jugendlichen ab, suchen nach illegalen Substanzen – ohne Erfolg. 

Doch die Papiere des 16-jährigen Sattar sind unleserlich, die Beamten bringen ihn zu einem Polizei-Team am anderen Ende des Alex, das den Ausweis prüft.

"Ich finde diese Durchsuchungen gut", sagt Sattar der DW. "Ich habe schon Leute mit Messern gesehen. Aber ich habe nichts falsch gemacht. Ich komme nachts selten zum Alexanderplatz. Ich bin nur mit Freunden hier. Wir leben ein bisschen weiter draußen und haben den Nachmittag hier verbracht." Sattars Fingerabdrücke tauchen nicht im Strafregister auf – er darf gehen.

Alexanderplatz, Berlin, Deutschland Polizei-Kontrolle (DW/Kate Brady)

Der afghanische Flüchtling Sattar sieht die Polizeikontrollen grundsätzlich positiv, auch wenn er selbst kontrolliert wurde

Vorwurf: Racial profiling

Von U-Bahnsteig zu U-Bahnsteig dreht das Team an diesem Samstagabend im November seine Runde, vorbei an Partygängern und Spätschichtlern auf dem Heimweg.

Mit Beginn des Winters ist zu erwarten, dass die kriminellen Aktivitäten rund um den Alex zunehmen werden. Wenn sich die Kälte über die Stadt legt, ziehen Drogenhändler von den Parks der Stadt in die beheizten U-Bahn-Schächte des Alex. Deshalb will die Polizei gerade jetzt Präsenz zeigen. 

Auf einem Bahnsteig treffen die Beamten auf alte Bekannte: eine Gruppe von sechs jungen Männern, zwei von ihnen wurden bereits mit Drogen erwischt. Berliner und Touristen schauen zu, während die Männer durchsucht werden. "Seit wann sind so viele Polizisten hier?", fragt eine der Wartenden ihre Begleitung. Die verstärkte Präsenz der Polizei bleibt nicht unbemerkt – und auch nicht, dass die Polizei vorwiegend Menschen kontrolliert, die aussehen, als hätten sie ausländische Wurzeln. Ein Passant geht auf die Polizisten zu. "Was ist hier los?",  will er wissen. "Ihr macht das doch nur wegen Vorurteilen." Manche werfen der Berliner Polizei racial profiling vor.

Der Polizist Matthias Borchert verteidigt das Vorgehen seines Teams: man entscheide aufgrund von Erfahrungen, wer kontrolliert werde. "Eine Personengruppe jüngeren Alters, heranwachsend, Altersgrenze pi mal Daumen 14 bis 25, die am Alexanderplatz verweilt, sich verdächtig verhält, man sieht's einfach irgendwann", sagt Borchert. "Es gibt da kein genaues Rezept, wonach wir sagen: Der wird jetzt kontrolliert."

Laut Berliner Polizei wird ein Großteil der Straftaten am Alexanderplatz von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen begangen, viele von Ihnen Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, Irak und Pakistan. Viele von ihnen haben keine langfristige Aufenthalts- oder eine Arbeitserlaubnis – der deutsche Arbeitsmarkt bietet ihnen wenig Perspektive.

Alexanderplatz, Berlin, Deutschland Polizei-Kontrolle (DW/Kate Brady)

Die Polizeistaffeln am Alexanderplatz stehen in der Kritik, da sie vor allem Männer mit Migrationshintergrund kontrollieren

Eine Passantin erzählt der DW, sie fühle sich sicherer dank der starken Polizeipräsenz. "Es ist definitiv schlimmer geworden hier am Alexanderplatz", sagt sie. "Aber ich hab keinen anderen Weg, nach Hause zu kommen. Ich fühl mich sicherer mit der Polizei hier. Besonders als Frau."

Droge 'Bonsai' verbreitet sich in Berlin

Es ist eine vergleichsweise ruhige Nacht für die Beamten. Bei den jungen Männern im U-Bahnhof finden sie lediglich eine Dose Pfefferspray. Rauschgift- und Betäubungsmittelfunde gehören sonst zum Arbeitsalltag  der Polizisten, auch Gewaltdelikte werden am Alex oft unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen begangen.

Die synthetische Droge Bonsai ist das aktuelle Trendmittel in der Szene – die Polizei warnt davor, dass dieses Mittel die Nutzer bewusstlos machen kann. An manchen Ecken des Alex verkaufen Dealer das Mittel für nur fünf Euro. Um Mitternacht endet die Schicht des Polizeiteams. Morgen abend geht es weiter: während der Tag die Touristen bringt, bringt die Nacht das Verbrechen.

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