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Deutschland

Dritter Haftbefehl nach S-Bahn-Mord

Er wollte helfen und wurde erschlagen: Nach dem tödlichen Überfall von Jugendlichen auf einen 50-Jährigen fordern Politiker Konsequenzen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen einen dritten Täter beantragt.

Der Tatort am S-Bahnhof Solln in München (Foto: dpa)

Hier geschah die Tat: der S-Bahnhof in Solln

Dieser 17-Jährige war an dem tödlichen Überfall nicht unmittelbar beteiligt, hatte die Sache aber offenbar angezettelt. Am Samstag (12.09.2009) habe er an der S-Bahn-Station Donnersbergerbrücke von vier Kindern Geld verlangt und zwei von ihnen mit Fäusten ins Gesicht und auf den Rücken geschlagen, sagte Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger in München. Ihm wird deshalb räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Die Kinder waren nach diesem Angriff in die S-Bahn gestiegen. Dort setzte sich die Auseinandersetzung fort. Die beiden 17 und 18 Jahre alten mutmaßlichen Haupttäter bedrohten die Gruppe weiter, bis der 50-jährige Fahrgast Zeuge des Vorfalls wurde und sich einmischte. Noch während der Fahrt verständigte der Mann mit seinem Handy die Polizei. Er bot den bedrohten Kindern seinen Schutz an und schlug vor, sie bis zum S-Bahnhof in Solln zu begleiten und dort gemeinsam mit ihnen auszusteigen. Dorthin hatte er auch die Polizei gerufen.

Polizei kam nur wenige Minuten zu spät

Der S-Bahnhof in München-Solln (Foto: dpa)

Der 50-Jährige hatte mit dem Handy die Polizei zum S-Bahnhof Solln gerufen

In Solln angekommen, wurde der Mann von den beiden Jugendlichen verfolgt und angegriffen. Nach Schilderung der Polizei und Augenzeugen konnte der 50-Jährige den ersten Angriff noch abwehren, war danach allerdings den Schlägen und Tritten der beiden Jugendlichen wehrlos ausgesetzt. Der Mann blieb schließlich bewusstlos liegen. "Seine jungen Begleiter konnten ihm nicht helfen", sagte Markus Kraus, Chefermittler der Münchner Mordkommission.

Die tödliche Attacke habe sich innerhalb weniger Minuten abgespielt. Unmittelbar nach der Tat trafen die alarmierten Beamten auf dem Bahnsteig ein. Ein Passant versuchte noch, das Opfer wiederzubeleben, bis der Notarzt kam. Für den 50-Jährigen kam jedoch jede Hilfe zu spät. Laut Obduktionsbericht erlitt der Mann 22 Verletzungen an Kopf und Oberkörper. Die konkrete Todsursache stehe aber noch nicht fest, sagte der zuständige Staatsanwalt.

Die beiden zwischenzeitlich geflohenen Täter wurden später von der Polizei in einem Gebüsch aufgespürt. Sie sind deutsche Staatsbürger und der Polizei bekannt. Der 18-Jährige, der zur Tatzeit angetrunken war, ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen schwerer Körperverletzung, räuberischer Erpressung und Diebstahls vorbestraft.

Die beiden jungen Männer sitzen in Untersuchungshaft. Sie haben nach Polizeiangaben zugegeben, an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen zu sein. Einzelheiten hätten sie aber nicht genannt. Die Ermittlungsbehörde wertet die Tat als Mord aus niedrigen Beweggründen.

Politiker fordern Konsequenzen

Die bayerische Justizministerin Beate Merk, der Leiter der Mordkommission Markus Kraus und Staatsanwalt Laurent Lafleur (v.r.n.l.) bei einer Pressekonferenz (Foto: dpa)

Die bayerische Justizministerin Merk (r.) will das Jugendstrafrecht verschärfen

Bayerische Politiker reagierten geschockt auf den Fall. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte, dies sei ein Anlass darüber nachzudenken, was bei der Kriminalitätsbekämpfung verbessert werden könne. Justizministerin Beate Merk (CSU) betonte, das Opfer habe in diesem Fall vorbildlich geholfen. "Besser hätte man es nicht machen können." Sie erneuerte ihre Forderung nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts.

Die wies das Bundesjustizministerium umgehend zurück. Die Sprecherin des Ministeriums, Eva Schmierer, wandte sich gegen die generelle Anwendung des Erwachsenenstrafrechts auf Jugendliche über 18 Jahren. Schon jetzt habe der Richter die Möglichkeit, sich im Einzelfall für ein Urteil nach Erwachsenenstrafrecht zu entscheiden. Dieses gilt generell erst für Täter über 21 Jahre. Schmierer wies darauf hin, dass es sich um keine neue Forderung handle. Der Bundestag habe bereits eine entsprechende Initiative des Bundesrats abgelehnt

Der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Bosbach (Foto: dpa)

Verlangt stärkere Kontrollen der öffentlichen Verkehrsmittel: Wolfgang Bosbach, CDU

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Wolfgang Bosbach, sprach sich für eine stärkere Kontrolle von öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Es sei unverkennbar, dass sich Übergriffe im öffentlichen Nahverkehr häuften, sagte der CDU-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Ähnlich äußerte sich der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann. Zuletzt hatte vor allem die Attacke auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn für Schlagzeilen gesorgt. Er war im Jahr 2007 von Jugendlichen lebensgefährlich verletzt, nachdem er sie auf das Rauchverbot hingewiesen hatte. (ml/je/dpa/afp/rtr)