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Europa

Dritte Festnahme nach Methanol-Vergiftung

Nach dem Tod von drei jungen Deutschen, die in der Türkei gepanschten Alkohol getrunken hatten, hat die türkische Polizei den gesuchten Getränkelieferanten des Hotels festgenommen.

Eine kleine Gedenkstätte erinnert im Bildungszentrum Mortzfeld in Lübeck an den Tod des Schülers, der nach dem Trinken von gepanschtem Alkohol während einer Klassenreise in der Türkei gestorben war (Foto: AP)

Die Lübecker Schule eines der Verstorbenen hat eine Gedenkstätte eingerichtet

Im Zusammenhang mit dem Alkohol-Tod von drei Lübecker Schülern ist der Getränkelieferant ihres Hotels im türkischen Ort Kemer festgenommen worden. Dies sagte der Anwalt der Eltern eines der Opfer, Frank-Eckard Brand, am Dienstag (07.04.2009) und berief sich dabei auf eine Anwältin in der Türkei. Der Händler soll den vergifteten Alkohol in das Hotel geliefert haben, in dem die deutschen Schüler untergebracht waren. Nach ihm war zuvor mit Haftbefehl gefahndet worden, nachdem er zu einer Vernehmung nicht erschienen war und auch an seinem Wohnort nicht angetroffen wurde. Für Mittwoch ist nach Angaben Brands eine Pressekonferenz der zuständigen türkischen Staatsanwaltschaft zu erwarten. Der Ermittler hatten am Montag zunächst mitteilen lassen, dass sie sich nicht öffentlich zu den Todesfällen der drei Schüler äußern würden.

Insgsamt sieben Schüler aus Lübeck waren erkrankt, nachdem sie auf einer Klassenfahrt im Badeort Kemer an der türkischen Südküste Alkohol tranken, der mit Methanol vergiftet war. Sie nahmen offensichtlich an, es sei Wodka. Ein 21-Jähriger war noch in dem Hotel gestorben. Zwei 17 und 19 Jahre alte Schüler waren nach der Feier in dem Hotel am 26.03.2009 ins Koma gefallen und später auf Wunsch ihrer Angehörigen nach Lübeck gebracht worden. Am vergangenen Samstag wurde in der Lübecker Universitätsklinik ihr Hirntod festgestellt. Die Ärzte diagnostizierten bei beiden schwerste Hirnschädigungen und einen nicht umkehrbaren Ausfall aller Hirnfunktionen.

Festnahmen zweier Verdächtiger in Kemer

Karte der Türkei (DW-Grafik)

Karte der Türkei mit dem Badeort Kemer an der Südküste

Die türkische Polizei hatte bereits am Montagabend zwei Mitarbeiter des Hotels, in dem die Schüler übernachteten, festgenommen. Bei ihnen handelt es sich der amtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anatolia zufolge um den für Speisen und Getränke zuständigen Hotelmanager sowie den für den Einkauf zuständigen Mitarbeiter. Drei weitere Angestellte waren nach Angaben türkischer Medien vernommen und gegen Auflagen auf freien Fuß gesetzt worden. Die Staatsanwaltschaft Kemer ließ nach dem tödlichen Trinkgelage die Alkoholbestände des Hotels überprüfen. Laut Medienberichten wurden insgesamt 37 chemische Proben genommen, bei denen mehrfach hohe Methanolwerte festgestellt worden seien.

Auch die deutsche Justiz ist offiziell mit dem Fall beschäftigt. "Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat von Amts wegen ein offizielles Todesermittlungsverfahren eingeleitet", sagte Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Schultz am Montag. Die Behörde ordnete eine Obduktion der 17 und 19 Jahre alten Schüler an; diese wurde am Dienstag abgeschlossen. Die Todesursache sei jedoch noch nicht endgültig geklärt, sagte Schultz. "Man kann eine Methanolvergiftung als Diagnose vermuten, aber zur Absicherung sind weitere Untersuchungen nötig." Die Obduktion des 21-Jährigen am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf hatte ergeben, dass dieser zwei Promille des hochgiftigen Methanols im Blut hatte. Schon die Konzentration von 0,2 Promille gilt als tödlich.

Keine direkte Zusammenarbeit der Behörden

Schnapsglas mit Korken daneben (Foto: picture-alliance)

Den Alkohol kauften die Schüler nach eigenen Angaben an der Hotelbar

Zur Klärung des Sachverhalts will die Lübecker Staatsanwaltschaft alle Schüler befragen, die auf der Klassenreise dabei waren. Schultz betonte, der Schwerpunkt der Ermittlungen liege weiterhin in der Türkei. Dort werde im Umfeld des Hotels ermittelt. Eine direkte Verbindung zu den türkischen Ermittlungsbehörden gebe es bisher nicht, weil man den diplomatischen Geschäftsweg einhalten müsse. Man bemühe sich über Interpol aber über eine Kontaktaufnahme.

Ein Anwalt der Familie des toten 21-Jährigen berichtete, die Teilnehmer der Klassenfahrt hätten bereits bei der türkischen Polizei übereinstimmend ausgesagt, dass sie den Alkohol und auch die Cola für insgesamt 25 Euro an der Bar ihres Hotels gekauft hätten. Dies bestätigte am Dienstag ein Schüler, der ebenfalls eine Methanolvergiftung erlitten hatte. Der Bild-Zeitung sagte er, sein Zimmernachbar, eines der Todesopfer, habe bei einem Kellner Cola und zwei Flaschen Wodka gekauft. "Die Mischung schmeckte nicht anders", sagte der 18-Jährige.

Der Anwalt forderte Aufklärung darüber, wann genau der verstorbene 21-Jährige in seinem Hotelzimmer gefunden wurde und ob er bei rechtzeitiger Hilfe zu retten gewesen wäre. Das Magazin "Spiegel" hatte am Wochenende berichtet, der Schüler habe 20 Stunden in seinem Zimmer gelegen, bevor er entdeckt wurde. Die Staatsanwaltschaft Lübeck erklärte, dazu keine Angaben machen zu können.

Häufiger Grund für Vergiftungen ist Verwechslung der Alkohole

In der Türkei sind in der Vergangenheit mehrfach Fälle bekannt geworden, in denen durch gepanschten Alkohol schwere gesundheitliche Schäden verursacht wurden. Zur Vergiftung mit Methanol kann es bei nicht fachgerechter Herstellung etwa bei selbstgebrannten Schnäpsen kommen, wenn die Flüssigkeit mit dem Trinkalkohol verwechselt wird.

Methanol (CH4O) ist die einfachste chemische Verbindung aus der Reihe der Alkohole. Im Gegensatz zum Ethanol - dem trinkbaren Alkohol - ist Methanol giftig und kann blind machen. Bereits geringe Mengen können zu einer Vergiftung führen, die sich etwa in Schwindel, Kopfschmerzen, Rausch, Übelkeit, Sehstörungen oder gar Bewusstlosigkeit und Atemstillstand äußert. Auch das Einatmen von Methanol ist gefährlich. Methanol dient als wichtiges Grundprodukt der chemischen Industrie und wird als Lösungsmittel, Frostschutzmittel und Treibstoff verwendet. (aco/kis/mas/dpa/ap/afp)

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