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Deutschland

Drexler: "Hilfsnetz für Flüchtlingskinder"

Sie wurden Zeugen von Mord, Folter und Vergewaltigung. Über das Erlebte zu reden, fällt ihnen schwer. Der Psychiater Daniel Drexler hilft traumatisierten Flüchtlingskindern in seiner Rosenheimer Ambulanz.

Deutsche Welle: Welches Schicksal hat sie zuletzt am meisten bewegt?

Daniel Drexler: Der Fall von Mohamed, einem 18-jährigen Jugendlichen aus dem westafrikanischen Sierra Leone, der aus den Bürgerkriegswirren nach Deutschland entkommen konnte. Mohamed hatte sich hier sehr integriert, die deutsche Sprache gelernt und eine Ausbildung angefangen. Im letzten Jahr drohte ihm die Abschiebung, weil er nach außen keine Auffälligkeiten zeigte.

Mohamed hatte vorher nie über seine Traumatisierung gesprochen. Der Kernpunkt von schwer traumatisierten Jugendlichen oder Menschen insgesamt ist, dass sie vermeiden, über ihr Schicksal zu sprechen, weil das Sprechen über diese Traumata sie wieder reaktiviert.

Was hat er denn in Sierra Leone erlebt?

Als er fünf war, damals war Bürgerkrieg in Sierra Leone, wurden vor seinen Augen seine Eltern exekutiert. Er musste sich dann allein als Straßenkind durchschlagen. Er musste miterleben, wie schwangeren Frauen ihr Baby aus dem Bauch geschnitten wurde oder wie Menschen ohne Grund Gliedmaßen amputiert wurden, damals eine gängige Praxis in Sierra Leone. Das sind multiple Traumata, die er in diesen Jahren erlebt hat.

Wie äußern sich diese Traumata?

Der Alltag ist stark belastet. Es gibt sogenannte Trigger. Das sind Situationen, die für die meisten Menschen neutral wirken aber für den Betroffenen das traumatische Geschehen reaktivieren. Bei Mohamed war es so, dass er kein Sprudelwasser trinken kann. Die Kohlensäure im Sprudel löst einen Flashback aus. Er musste im Bürgerkrieg erleben, wie die Rebellen Säure auf Menschen geschüttet haben, dieses Sprudeln auf der Haut ist ganz ähnlich wie die Kohlensäure im Sprudelwasser. Er war dann in diesem Augenblick wieder im Bürgerkrieg in Sierra Leone, in der gleichen Situation.

Ein zwöfjähriger Kindersoldat in der Stadt Bo in Sierra Leone (Foto: picture alliance / dpa)

In Sierra Leone wurden schon kleine Kinder gezwungen, sich den Bürgerkriegsparteien anzuschließen

Wie erkennen Sie, ob jemand traumatisiert ist?

Es erfordert eine umfangreiche Diagnostik. Ein traumatisierter Mensch wird nicht gleich mit dem Trauma anfangen und erzählen, was er alles erlebt hat. Das wäre eher untypisch. Das würde eher für Simulation sprechen. Ein anderes Symptom ist die Übererregung. Das heißt massive Schlafstörungen, Alpträume, eine Anspannung, die im Gespräch deutlich wird. Und es gibt die Flashbacks.

Wie können Sie einem Traumatisierten wie Mohammed helfen?

Zum einen indem man ein stabiles psychosoziales Umfeld aufbaut. Er braucht ein Hilfsnetz. Mitbürger, die sich für ihn einsetzen, ihn bei den Alltagstätigkeiten begleiten, die ihm unser deutsches System erklären, ihm beistehen.

Zum anderen die Möglichkeit der Therapie, der Bewältigung von traumatischen Ereignissen. Die Schwierigkeit bei der Bewältigung einer posttraumatischen Belastungsstörung ist, dass die Menschen, die daran erkrankt sind, die Ereignisse nicht mehr in ein Zeitraster bringen können. Das Hier und Jetzt und die Vergangenheit mischen sich. Ereignisse aus der Vergangenheit tauchen in der Gegenwart auf und wirken so, als ob sie in diesem Moment stattfinden. In der Therapie versucht man, dieses Zeitraster wieder herzustellen. Damit das Vergangene in der Vergangenheit bleibt.

Wie ist denn der Fall von Mohammed ausgegangen?

Die Härtefallkommission wurde eingeschaltet. Die haben den Fall aber vertagt. Der Jugendliche hat noch immer keine definitive Aussage, ob er hierbleiben darf. Das stellt für ihn eine massive Belastung dar, weil er ja in all diesen Jahren immer wieder Unsicherheit und Vertröstung erlebt hat und immer wieder enttäuscht worden ist und leider passiert das hier in Deutschland wieder.

Syrisches Flüchtlingsmädchen in der Türkei (Foto: DW / D. Mortada)

Traumatisiert von Krieg und Gewalt: syrisches Flüchtlingsmädchen in der Türkei

Wie gut funktioniert die Behandlung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen in Deutschland?

Es gibt mittlerweile gute Zentren, die sehr gute Arbeit leisten. Die therapeutischen Möglichkeiten sind aber nicht ausreichend, denn auch in diesen Zentren gibt es Wartezeiten, die überbrückt werden müssen.

Wie sensibilisiert ist der Staat, sind die Behörden für die Schicksale dieser Kinder?

Ich sehe eine Diskrepanz. Wenn ich mir die Situation in Rosenheim anschaue, dann sehe ich, dass die Jugendlichen bis 16 von der Jugendhilfe betreut werden. Das läuft eigentlich ganz gut. Die Jugendlichen bleiben drei Monate in einer Clearingstelle. Dort bekommen sie intensive sozialpädagogische Hilfe und Unterstützung. Sie werden mir und dem Kinderarzt vorgestellt.

Die über 16-jährigen, ebenfalls Minderjährigen, gehen dagegen fast leer aus. Die werden aufgrund des Gesetzes so gehandhabt, dass sie keine Jugendhilfe mehr beanspruchen können. Die kommen direkt nach München, müssen sich um Asyl und Bleiberecht selber bemühen und da sind diese Jugendlichen ganz häufig überfordert.

Warum haben Sie sich für diese Arbeit entschieden?

Ich war in Sierra Leone und Liberia kurz nach Ende des Bürgerkriegs. Die Arbeit mit den Kindern vor Ort hat mich sehr bewegt. Hier vor Ort bewegt mich die psychische Stärke dieser Kinder, die trotz ihrer massiven Schicksale etwas bewegen wollen, leben wollen.

Es ist zwar teilweise eine sehr belastende aber gleichzeitig auch eine sehr befriedigende Arbeit, wenn man für den Jugendlichen etwas Essentielles geschafft hat und dazu beitragen konnte, eine deutliche Veränderung zu bewirken.