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Kultur

Dresden zeigt "Verstummte Stimmen"

Es ist ein düsteres und wenig erforschtes Kapitel der Nazi-Zeit: Die "Säuberungen" der Opernhäuser zwischen 1933 und 1945. Die Ausstellung "Verstummte Stimmen" arbeitet die antisemitischen Aktionen gegen Musiker auf.

Semperoper in Dresden (Foto: AP)

Semperoper in Dresden

"Es ist noch wichtiger, sich anständig zu benehmen, als gute Musik zu machen." Dieser Ausspruch stammt von den Stardirigenten Firtz Busch, der damals als Generalmsuikdirektor in Dresden wirkte. Busch war zwar kein Jude, ließ sich aber von den Nazis auch nicht instrumentalisieren. Das reichte aus, um 1933, gerade fünf Wochen nach Hitlers Amtsantritt, von Musikern der Staatskapelle aus dem Haus vertrieben zu werden. Der "Fall Fritz Busch" ist einer der bekanntesten von 50 weiteren, die die Ausstellung "Verstummte Stimmen - Die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 - 1945" zum Thema macht.

Beachtliche Forschungsleistung

Hannes Heer (Foto: dpa)

Historiker Hannes Heer

Seit fünf Jahren widmen sich der Historiker Hannes Heer und der Musikwissenschaftler Jürgen Kesting dem Forschungs- und Ausstellungsprojekt "Verstummte Stimmen". Zunächst im Auftrag des Hamburger Abendblattes und der Hamburgischen Staatsoper begannen sie mit der Untersuchung der Schicksale jüdischer und "politisch untragbarer" Künstler, die im Dritten Reich an deutschen Opernhäusern arbeiteten. Aufgearbeitet wurden dabei zum einen die Biografien prominenter Komponisten, Dirigenten, Regisseure, Sängerinnen und Sänger und zum anderen die Geschichte der Vertreibung an der Hamburger Staatsoper.

Die Ausstellung, die jetzt in Dresden gezeigt wird, besteht aus zwei Teilen. Im überregionalen Teil wird das Schicksal von 44 prominenten Komponisten, Dirigenten und Sängern, die Opfer der rassistischen Musikpolitik des Nationalsozialismus wurden, gezeigt. Der im Auftrag der Dresdner Semperoper recherchierte regionale Teil widmet sich der Aufarbeitung der Vertreibung der Mitglieder an der Semperoper und am Dresdener Staatsschauspiel.

Ein Labyrinth aus Säulen und Plakatwänden in den Foyers solle, so Heer, die bedrückende Fülle solcher Schicksale verdeutlichen. Lebensläufe und Fotos erinnern an bekannte und unbekannte Künstler, Chor- und Orchestermitglieder, Handwerker und Bühnenarbeiter. Dazu bieten Hörsäulen Musikproben der Künstler.

Zeitgenössische Kunst als Bedrohung

In einem umfangreichen Katalog erklärt der Historiker Hannes Heer die Anfänge der Judenfeindlichkeit im kulturellen Leben aus der politischen Situation in Deutschland nach 1918. Die Eliten kamen aus dem Kaiserreich, waren traumatisiert durch das, was 1918 passiert war, den politischen Systemwechsel. Da schien die deutsche Kultur, die als das Schönste, Beste und Wertvollste auf der Welt bezeichnet wurde, ein letztes Mittel zu sein, zu einer nationalen Wiedergeburt zu kommen. Das schloss alle modernen Bestrebungen in der Kunst aus. Und es führte schließlich dazu, dass Theater gezwungen wurden, auf jedes künstlerische Experiment, auf zeitgenössische Werke zu verzichten, und nur noch den klassischen Kanon zu bedienen.

Stinkbomben gegen "entartete Kunst"

Kurt Weill (Foto: ullstein)

Der Komponist Kurt Weill wurde von den Nazis deportiert

Das Ziel war, klar zu machen, dass an der Revolution, der Niederlage des Krieges 1918 und an der ökonomischen Not die Juden die Schuldigen waren. Es gab eine Art "Sicherheitsskala", die deutlich machte, auf welche Theater und Opernhäuser man besonders aufpassen musste. Da kam an erster Stelle Berlin, das für alle modernen Strömungen offen war, aber auch Bühnen wie Leipzig oder Darmstadt, das schon damals ein Avantgarde-Theater war, gerieten ins Visier. Und man war in der Wahl der Mittel nicht zimperlich. Es gab direkte Aktionen, die mit Stinkbomben und Sprechchören versuchten, Aufführungen zu verhindern. Aber es gab auch Pressekampagnen, die sich gezielt gegen bestimmte Personen richteten, Regisseure oder Intendanten zum Rücktritt aufforderten, und die versuchten, über die Politik Einfluss auf die Spielpläne zu nehmen.

Sensationeller Fund in Dresden

Hannes Heer und Jürgen Kesting sind in Dresden in ihrer Forschungsarbeit einen wichtigen Schritt weiter gekommen. Zum ersten Mal wurden Dokumente gefunden, die belegen, was bisher nur vermutet werden konnte, nämlich die Beschäftigung von Kriegsgefangenen in der Oper. Der Historiker Hannes Heer schildert seine Entdeckungen: "Wir haben in Dresden einen ziemlich sensationellen Fund gemacht, es sind Personaljournale, in denen Namen und Herkunftsorte eingetragen sind. Ab 1941 bestand ein Großteil der Musiker und des Bühnenpersonals aus ausländischen Mitarbeitern." Ein umfangreiches Rahmenprogramm in der Semperoper lädt dazu ein, sich über den geschichtlichen Kontext zu informieren. Vorträge, Filme und künstlerische Darbietungen ergänzen das Programm. Eine CD-Dokumentation bringt die damals verstummten Stimmen wieder zum Klingen.

Autorin: Gudrun Stegen

Redaktion: Sabine Oelze

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