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Deutschland

Dresden wehrt sich gegen den Missbrauch der Erinnerungen

Dresden wurde durch Luftangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 zerstört. Die Erinnerung an Tod und Zerstörung wird von den Rechten missbraucht - doch die Stadt wehrt sich.

Zerstörtes Dresden nach der Bombardierung (Foto: DPA)

Zerstörtes Dresden nach der Bombardierung

Die Dresdner Bombenangriffe sind inzwischen 63 Jahre her, doch die Bilder in Nora Langs Gedächtnis sind scharf. Ruhig erzählt die 76-jährige Dresdnerin, wie sie an jenem Dienstag im Februar 1945 mitten im Krieg Fasching feierte. Wie sie abends nicht ins Bett gingen, weil das Radio den Anflug feindlicher Verbände meldete. Zwei Stunden später heulte, viel zu spät, der Luftalarm in Dresden.

"Ich dachte, das ist der Weltuntergang", erinnert sich Lang, die damals 13 Jahre alt war. Nach dem ersten Angriff brannte die Stadt. Während ihre Eltern versuchten, noch einige Habseligkeiten zu retten, wurden sie und ihrem anvertrauten kleine Bruder von der Familie getrennt. Die beiden Kinder überlebten die folgenden Angriffswellen, weil sie die Luftschutzkeller verließen und sich durch die brennende Stadt kämpften. "Den Schritt zu wagen auf die Straße in diesen Feuersturm, das vergisst man nie", sagt sie, den Blick in die Ferne gerichtet.

Traurige Tradition

Heute wohnt Lang wieder im gleichen Stadtteil in Dresden wie damals - doch die Straßenzüge ihrer Kindheit bestehen aus Plattenbauten aus DDR-Zeiten. Der Stadtteil wurde völlig zerstört. Historiker vermuten, dass in der Dresdner Bombennacht zwischen 18.000 und 25.000 Menschen umgekommen sind. Das Gedenken an diese Nacht findet jedes Jahr statt - auf Friedhöfen und in den Kirchen.

Rechtsxtreme Demonstration in der Bombennacht (Archivfoto: 2007 DPA)

Rechtsextreme Demonstration in der Bombennacht (Archivfoto: 2007)

Seit einigen Jahren bekommen diese stillen Veranstaltungen jedoch ungebetene Gäste: Neonazis, die mit eigener Musik und Parolen demonstrieren. Mit überhöhten Opferzahlen und Propaganda vom "Bomben-Holocaust" versuchen die Rechtsextremen, Stimmung für ihre Weltanschauung zu machen.

Die Nazi-Aufmärsche sind inzwischen traurige Gewohnheit in der Elbestadt. "Das sind keinesfalls nur deutsche verwirrte Jugendliche, die von Nazis verführt wurden", kommentiert Anetta Kahane. Sie ist Vorsitzende der Amadeo-Antonio-Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert. "Das ist ein Aufmarsch der europäischen Neonazi-Szene, vom rechtskonservativen Spektrum bis hin zu sozialrevolutionären Gruppen aus Osteuropa", beschreibt sie. "Es ist ein internationales Ereignis, das gezielt im historisch symbolträchtigen Dresden inszeniert wird."

Geh Denken und Gedenken

Als Nora Lang die Neonazis zum ersten Mal auf dem Friedhof gesehen hat, habe sie geweint, erzählt sie. Inzwischen aber wollen die Dresdner nicht mehr einfach nur zusehen.

"Geh Denken!" heißt ein Bündnis, das der rechtsextremen Präsenz etwas entgegensetzen will. Hier finden sich Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, die jüdische Gemeinde und verschiedene demokratische Interessengruppen aus dem gesamten Land. "Was hier passiert, geht nicht nur die Dresdner etwas an. Wenn das Gedenken an die Opfer missbraucht wird für neuen Hass, dann betrifft es uns alle in diesem Land", betonte auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse.

Täter und Opfer

Während die Neonazis in diesem Jahr durch Dresden marschieren, wird es auch eine Sterndemonstration von "Geh Denken!" geben. Man will den Rechtsextremen nicht das Feld überlassen. Den Überlebenden liegt vor allem die Jugend der Stadt am Herzen, die durch die gewaltige Präsenz der erwarteten 8000 Rechtsradikalen keinen falschen Eindruck bekommen soll.

Ein Blick auf das heutige Dresden (Foto: DPA)

Ein Blick auf das heutige Dresden

Geplant sind außerdem eine Kundgebung und ein Konzert. Die jüdische Gemeinde lädt zum Sabbatgottesdienst ein. Für sie hat die Bombennacht ein zwiespältiges Gesicht. Auch unter den Juden gab es Opfer, doch in den Wirren der Angriffe konnten sich auch mehr als 70 von ihnen vor der drohenden Deportation retten. Darunter waren der Linguist Viktor Klemperer, dessen erschütternde Tagebücher später berühmt wurden.

"Deutschland hat diesen Krieg angefangen", sagt Nora Lang. Um die Versöhnung nicht nur zu geben, sondern auch weiter zu tragen, hat sie selbst viele Städte mit ähnlichem Schicksal besucht: Guernica - 1936 von deutschen Truppen bombardiert. Wilun in Polen - das erste Opfer des Kriegsausbruchs 1939. Coventry in Großbritannien - 1942 von der Wehrmacht zerstört und seit 50 Jahren Partnerstadt Dresdens. In Coventry hat Lang auch einen ehemaligen Royal-Airforce-Piloten getroffen, der damals den Angriff auf Dresden geflogen ist. "Er wollte sich entschuldigen", lacht die alte Dame leise. "Ich habe nur gesagt, das ist doch nicht nötig. Es war Krieg."

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