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Aktuell Deutschland

Dresden: Vesper gegen "zornige Herzen"

Traditionell beginnt in Sachsens Hauptstadt die weihnachtliche Kernzeit mit einer Andacht vor der Frauenkirche. In diesem Jahr kamen wieder Zehntausende - auch um ein Zeichen gegen die rechtsgerichtete Pegida zu setzen.

Mehr als 20.000 Menschen haben sich bei der traditionellen Open-Air-Vesper vor der Dresdner Frauenkirche auf Weihnachten eingestimmt. Sachsens evangelischer Landesbischof Carsten Rentzing rief angesichts des Flüchtlingszustroms zu Hilfsbereitschaft auf, "die keine Grenzen kennt". Zwar gebe es Beschränkungen der materiellen und menschlichen Möglichkeiten. Er glaube aber nicht, "dass wir schon an dieser Grenze angekommen sind", sagte der Theologe.

Rentzing betonte in seiner Predigt, die Geburt Jesu stehe von Beginn an unter dem Vorzeichen der Gewaltlosigkeit. Diese sollte auch heute in der modernen Gesellschaft den Weg weisen. Zudem "werden wir immer wieder neu nachdenken müssen, wenn unsere Soldaten an verschiedenen Punkten in der Welt in kriegerisches Geschehen verwickelt werden", gab Rentzing zu bedenken.

In seiner Ansprache wies der Bischof auch darauf hin, dass das Jesus-Kind in der Krippe sein Leben der Aufnahmebereitschaft jener Menschen verdankte, die vor Ort waren.

Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (Foto: picture-alliance/dpa).

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich

Auch manch ein geflüchteter Mensch dieser Tage habe sein Leben der hiesigen Aufnahmebereitschaft zu verdanken. Zugleich mahnte der Bischof: "Auch über unser Land hat sich eine Unruhe gelegt. Streit hat sich ausgebreitet über die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit" sagte er. Die Sprache werde härter, "die Herzen zorniger". Manche seien sogar "gewalttätig gegen die Fremden".

"Lassen wir nicht zu, dass Frust sich festsetzt"

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich würdigte das Engagement der vielen Ehrenamtlichen für Flüchtlinge. Die Hilfsbereitschaft der unzähligen Menschen mache ihm "Hoffnung, denn sie lebt vom Willen zur Begegnung". Tillich rief dazu auf, angesichts schlimmer Nachrichten und Gräueltaten in vielen Teilen der Welt nicht den Mut zu verlieren. "Lassen wir nicht zu, dass Frust sich festsetzt", sagte der CDU-Politiker.

Zugleich prangerte er Rassismus, Hass und Gewalt an. "All dies ist nicht vereinbar mit den christlichen Werten, die in letzter Zeit so häufig und für alles Mögliche in Anspruch genommen werden", sagte der Ministerpräsident, ohne die islam- und fremdenfeindliche Pegida-Bewegung ausdrücklich zu erwähnen. "Wer seinen Sorgen Ausdruck verleihen will, sollte dabei keine Grenzen überschreiten." Die Vesper unter freiem Himmel einen Tag vor Heiligabend fand bereits zum 23. Mal in Folge statt.

Zehntausende Besucher verfolgen die traditionelle Christvesper auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden (Foto: picture-alliance/dpa/O. Killig)

Zehntausende Besucher verfolgen die traditionelle Christvesper auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche in Dresden

Tillich-Brief an die Mitarbeiter der Semperoper

In einem Brief an die Mitarbeiter der Semperoper zeigte Tillich Verständnis für den zunehmenden Frust über die Pegida-Bewegung. Er teile die Verärgerung der Künstler darüber, dass Plätze in Dresden zur Bühne von Hassreden, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz geworden seien. Tillich sprach von einer "beklemmenden Lage". Dabei brauche gerade Sachsen so sehr den Austausch mit der Welt und Menschen aus aller Welt. Tillich reagierte damit auf einen am Vortag veröffentlichten Hilferuf der Semperoper. Die Künstler stellten darin klar, dass sie die Pegida-Kundgebungen nicht länger hinnehmen wollten. Sie appellierten an Tillich und den Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), dafür zu sorgen, dass der Theaterplatz vor der Oper und andere Orte nicht länger mit Hetzparolen gefüllt würden. Die Semperoper, vor deren Haus Pegida jeden Montag aufmarschiert, verzeichnet an den betreffenden Tagen bereits einen Zuschauerschwund.

In seiner Antwort erinnerte Tillich jedoch auch an das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Versammlungsfreiheit. Wenn nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen werde oder Ordnung und Sicherheit gefährdet seien, könnten Demonstrationen nicht einfach des Platzes verwiesen oder gar verboten werden. Dafür lege das Verfassungsgericht hohe Maßstäbe an.

500.000 per Online-Petition gegen Pegida

Mehr als eine halbe Million Menschen haben bisher eine Online-Petition gegen die Pegida-Bewegung unterzeichnet. Das teilten die Organisatoren der vor einem Jahr auf der Plattform "Change.org" gegründeten Aktion mit. Allerdings kam das Gros der Unterstützung schon in den ersten Wochen zusammen. Bis Mitte Januar hatten sich gut 400.000 Menschen gegen Pegida ausgesprochen. "Ziel der Petition bleibt es, eine Million Unterschriften zu sammeln und damit ein starkes politisches Signal in alle Welt zu senden", hieß es. Mehr als eine halbe Million Menschen hätten Pegida satt und forderten, dass Deutschland bunt, weltoffen und vielfältig bleibe, sagte Organisator Martin Nieswandt.

"Change.org" ist nach eigener Darstellung die größte Kampagnenplattform der Welt und will Menschen überall auf der Erde eine Stimme geben. Derzeit nutzten mehr als 130 Millionen Menschen in 196 Ländern die Plattform, um mit Petitionen ihr Umfeld zu verändern, hieß es. In Deutschland seien 3,5 Millionen Menschen aktiv.

sti/myk (dpa, epd)

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