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Politik

Drei Wochen danach

Drei Wochen nach dem Massaker von Beslan herrschen weiter Angst, Unsicherheit, Trauer - und Misstrauen. Sowohl gegenüber den Behörden, als auch den eigenen Nachbarn.

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Während im fernen Moskau der Präsident hart an der Verfassungsgrenze immer mehr Macht und Befugnisse an sich zieht, die Duma-Abgeordneten beginnen, fleißig neue Anti-Terror-Gesetze zu schmieden, der Geheimdienstchef laut darüber nachdenkt, das sowjetische Spitzel- und Denunziantentum wieder einzuführen und ein verdächtiger Helfer für einen möglicherweise geplanten Anschlag in der Hauptstadt beim Verhör durch die Moskauer Miliz auf rätselhafte Weise ums Leben kommt, regieren in Beslan weiter die Verzweiflung, Wut und Misstrauen gegenüber den Behörden.

Stephan Hille

Immer noch gibt es keine definitiven Zahlen darüber, wie viele Geiseln sich in der Gewalt des Terrorkommandos befanden. Aus dem örtlichen Transportministerium heißt es, 1347 Menschen seien in der Schule Nummer 1 gewesen. Das Innenministerium spricht von 1189 Geiseln, während die Generalstaatsanwaltschaft von 1156 Geiseln ausgeht. Eine örtliche Zeitung wiederum veröffentlichte eine vorläufige Liste mit 1388 Kindern, Lehrern und Eltern, die sich zum Zeitpunkt der Geiselnahme in der Schule von Beslan befunden haben sollen.

Noch immer Vermisste

Noch immer sind etliche Einwohner von Beslan verzweifelt auf der Suche nach vermissten Angehörigen. Laut offiziellen Zahlen kamen durch das Geiseldrama 329 Menschen ums Leben, rund 700 Opfer sollen sich in medizinischer oder psychologischer Behandlung befinden. Dies würde bedeuten, dass rund 300 Geiseln unverletzt entkamen und auch keinerlei Betreuung in Anspruch nahmen.

Doch unter den Einwohnern keimt der fürchterliche Verdacht auf, dass es

möglicherweise weit mehr Opfer gegeben haben könnte, als offiziell bestätigt wird. Wie kann es sein, dass die Zahl der Toten genau feststeht, wenn die Zahl der Geiseln zwischen 1189 und 1388 variiert, so die bange Frage in Beslan. Man müsse nur allein die Gräber zählen, sagte ein Einwohner von Beslan, um festzustellen, dass es mehr Opfer gegeben habe.

Die Wunden von 1992

Die Verzweiflung der Angehörigen könnte sich schon bald entladen, gegenüber den Behörden aber auch gegen die inguschetische Minderheit in Nord-Ossetien. Das Geiseldrama von Beslan hat die Wunden von 1992 wieder aufgerissen, als christliche Osseten auf muslimische Inguschen schossen und umgekehrt.

Dass sich Inguschen und Osseten in tiefem Misstrauen und Abneigung begegnen ist eine der vielen Erblasten Stalins. Nachdem der Diktator 1944 die Inguschen und Tschetschenen nach Zentralasien deportiert hatte, schlug er einige Hektar Land der aufgelösten autonomen Republik der Nachbarrepublik Nord-Ossetien zu. Als die Inguschen später aus dem Exil in die Heimat zurückkehrten, lebten in ihren ehemaligen Häusern längst schon Osseten. Der Konflikt entlud sich 1992 zu einem kurzen aber heftigen Krieg, als die Inguschen versuchten, sich mit Gewalt zurückzuholen, was einst ihr Land war.

Nicht ohne Grund

In Beslan und dem umstrittenen Gebiet von Prigorodnyj sind die Einwohner davon überzeugt, dass die Geiselnehmer - unter ihnen auch Inguschen - nicht ohne Grund eine ossetinische Schule auswählten. Aus Angst vor der möglichen Rache sind bereits die ersten inguschetischen Familien aus dem umstrittenen Landstreifen über die Grenze nach Inguschetien geflohen.

Im Kaukasus, zelebrieren die Menschen Trauer nach einem strengen Ritual. Während der 40-tägigen Trauerzeit ist es den Osseten verboten, zur Waffe zur greifen. Mit Sorge und Angst blicken die verbliebenen Inguschen dem 13. Oktober entgegen, denn an diesem Tag endet die 40-tägige Trauerperiode. "Im Kaukasus", so sagt man, "ist das Echo von einem Schuss noch hundert Jahre zu hören".