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Drei Tage und Nächte im Polizeiverhör

Der kosovarische Journalist Bahri Cani arbeitete zehn Jahre für serbische unabhängige Medien. Ab 1994 war er Korrespondent der Albanischen Redaktion der DW und berichtete während des Kosovo-Kriegs aus Belgrad.

DW-Reporter Bahri Cani im Büro - Foto: Per Henriksen

DW-Reporter Bahri Cani

Bist zur letzten Sekunde hofften wir alle: Slobodan Milošević, der damalige unangefochtene serbische Machthaber, würde bis zum Ablauf des Ultimatums am 24. März 1999 um 20 Uhr doch noch nachgeben, um einen Krieg, unzählige Opfer und Leiden von Millionen von Menschen zu vermeiden. Er hatte schließlich die persönliche Telefonnummer von Richard Holbrooke, dem damaligen amerikanischen Vermittler. Ein Anruf würde genügen. Aber nein: Der Diktator beschloss, einen für Serbien hoffnungslosen Krieg anzufangen.

Schwarzer Rauch steigt über Belgrad auf, nachdem NATO-Bomben in der Nacht zum 18.4.1999 eine Raffinerie und eine Stickstoff-Fabrik nördlich der jugoslawischen Hauptstadt in Brand gesetzt haben. Foto: Suki / dpa

Mit gezielten Luftangriffen versuchte die NATO, die serbische Führung zum Einlenken zu bewegen

Um Punkt 20 Uhr explodierte die erste Bombe, nur ein paar Kilometer von uns entfernt. Die Detonation war so stark, dass das ganze Gebäude erbebte. Dann folgte die zweite Detonation, die dritte... Alle stürmten die Treppe hinunter in den Keller, auch meine Frau Alida, die damals als Korrespondentin der BBC aus Belgrad berichtete, und ich.

Das NATO-Bombardement beginnt

Der Keller war überfüllt. So "intim" mit fremden Leuten waren wir noch nie gewesen. Wir spürten den schnellen Atem und den Angstschweiß der anderen. Draußen donnerte es weiter. Unser Nachbar schimpfte gegen den Westen, gegen Amerika, gegen Deutschland. "Ruhe!", rief jemand schließlich. In der Hand hielt er ein Transistorradio hoch. "Lasst uns die Nachrichten der Deutschen Welle hören! Lasst uns hören, was da draußen passiert!“ Volle 15 Minuten lang lauschten wir gebannt der Stimme der DW, die nur ab und zu von den Explosionen der Bomben und Raketen draußen übertönt wurde.

Das serbische Fernsehen zeigt den jugoslawischen Präsident Slobodan Milosevic bei einer Sitzung - Foto: dpa

Nahm 79 Tage NATO-Bombardement in Kauf: Slobodan Milošević

Gegen vier Uhr morgens wurde es etwas ruhiger, wir krochen vorsichtig aus dem Gebäude. Wir alle rätselten, wie lange es wohl so weiter gehen würde.

Hass auf Albaner

Und dann platzte für Alida und mich eine noch viel stärkere Bombe: "Weißt du was", rief eine aufgeregte Frau neben uns, "gegen die NATO kann ich zwar nichts ausrichten, aber wenn mir ein 'Šiptar' über den Weg liefe, würde ich den mit bloßen Händen erwürgen!“ Mit "Šiptar" bezeichnet man abfällig einen Albaner. "Wie wissen Sie denn, ob jemand Albaner ist?“, fragte ich. - "Die dreckigen Schweine erkenne ich doch am Akzent!" Zum Glück hört man bei uns keinen Akzent - weder bei meiner Frau, die eine in Belgrad geborene Albanerin ist, noch bei mir, der ich ja aus dem Kosovo stamme.

Dennoch schaute mir Alida voller Angst in die Augen. "Spinnst du? Wieso redest du überhaupt mit ihr?", flüsterte sie. "Gehen wir zurück in die Wohnung! Ob wir da oder hier sterben, ist egal."

Um sieben Uhr morgens riefen meine Kollegen aus der Albanischen Redaktion der DW an. Als ich meinem Bericht übermittelt hatte, beschlossen wir, nicht mehr in den Keller zu gehen.

Trügerische Normalität

Zwei kosovarische Flüchtlingskinder drehen sich am 22.4.1999 um, als sie mit ihren Familien die Grenze nach Albanien überqueren. - Foto: picture-alliance/dpa

Hunderttausende Kosovo-Albaner waren 1999 auf der Flucht vor serbischen Sicherheitskräften

Ein paar Tage später verließen wir unsere Wohnung und gingen zu meinen Schwiegereltern nach Neu-Belgrad. Die nächsten Tagen verliefen ohne Zwischenfälle. Tagsüber arbeiteten wir für unsere Redaktionen. Und abends, gegen 18 Uhr, als die ersten Sirenen ertönte, gingen wir in die Wohnung und schlossen uns ein. Wir hatten eine neue Routine entwickelt, es schien, dass unser Leben eine gewisse Normalität annahm.

Eine trügerische Normalität, wie wir etwa drei Wochen später feststellen mussten. Es war ein schöner sonniger Montag, der 19. April. Gegen 11 Uhr verabschiedete ich mich von meine Frau, sagte, ich ginge in unsere Wohnung, um nach dem Rechten zu sehen. Ich setzte mich in meinem geliebten roten Golf und fuhr los. Nach nicht einmal 100 Metern überholte mich ein weißes Auto und stellte sich quer, um mir den Weg zu versperren. Von hinten kam ein zweites Auto. Und urplötzlich tauchten fünf "Gorillas" auf und zerrten mich aus dem Wagen. Ohne ein Wort zu sagen, fingen sie an mich zu schlagen und zu treten. Dann schleppten sie mich in eines der Autos, wo sie weiter auf mich einprügelten.

"Rede endlich - wir wissen sowieso alles!"

Fragen rasten durch meinen dröhnenden Kopf: Wer sind diese Leute? Polizisten? Oder irgendwelche Paramilitärs? Wieso schlagen sie mich? Wo bringen sie mich hin? Werde ich vielleicht ermordet - wie mein ehemaliger Chefredakteur Slavko Ćuruvija eine Woche zuvor? Antworten fand ich nicht.

Eine halbe Stunde später landete ich in einem mir unbekannten Gebäude. Ein Mann baute sich vor mir auf, schrie mich an: "Du bist also der albanische Terrorist und Spion, der für die Deutschen arbeitet!" Dann gab er den anderen ein Zeichen, dass sie erneut auf mich einschlagen sollten. "Rede endlich - wir wissen sowieso alles! Wir wissen, dass du der Anführer einer Gruppe albanischer Terroristen in Belgrad bist, dass du als Spion für die Deutschen und für die NATO arbeitest, dass Du mit vielen Terroristen im Kosovo befreundet bist! Niemand und nichts wird Dir hier helfen!“ Er hatte alles in einem Atemzug gebrüllt. Dann begann das eigentliche Verhör: "Wie heißt du?"

Monatelang abgehört

Erst einige Stunden später erfuhr ich, dass ich auf der Polizeiwache festgehalten wurde. Es folgten drei lange Tage und Nächte pausenloser Befragungen, ohne Essen und Trinken, ohne Schlaf. Ich begriff: Jedes meiner Telefonate, jeder Bericht, den ich abgesetzt hatte, jedes meiner Treffen, insbesondere jene mit Albanern und Deutschen in Belgrad, war in den letzten Monaten mitgehört und aufgezeichnet worden. Nur mein deutsches Handy hatten sie ganz offenbar nicht abgehört.

Derweil spielte sich draußen ein anderes Drama ab: Alida hatte alle unsere Freunde und Bekannten in Belgrad alarmiert, hatte die DW, BBC, Voice of Amerika und Free Europe informiert und Menschenrechtsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen und das Helsinki Komitee kontaktiert. Von mir gab es keine Spur. Meine Familie hatte die Hoffnung, dass ich noch am Leben sein könnte, fast verloren.

Endlich frei!

Albanische Redaktion - Foto: DW/Per Henriksen

Bahri Cani (2. v. l.) arbeitet heute in der Albanischen Redaktion der DW in Bonn

Als die Polizisten nach mehr als 60 Stunden Befragung zu dem Schluss kamen, dass ich doch kein Terrorist und Spion war, ließen sie mich frei. Und gaben mir die Warnung mit auf den Weg: "Berichte so, wie es den serbischen Behörden genehm ist! Wir werden jeden deiner Schritte verfolgen!"

Als ich schließlich, mit schmerzenden Gliedern, völlig erschöpft und um sechs Kilo leichter, an die Tür unserer Wohnung klopfte, war meine Familie von Freude überwältigt. Am nächsten Tag beschloss ich, vorerst nicht zu berichten. Nach Ansicht der Regierung war keine Recherche möglich. Und ich wusste, ich wurde rund um die Uhr beobachtet und abgehört. Nur meine deutsche Handynummer nicht. Das war in diesen Wochen mein Fenster zur Außenwelt. Meine DW-Kollegen meldeten sich jeden Morgen bei mir. Das gab mir Mut und Kraft. Dafür sage ich: DANKE!