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Afrika

Drei Monate Todesangst - ein Überlebender des Völkermords erzählt

Während des Völkermords hat sich François Kabagema wochenlang in der Bibliothek der französischen Botschaft versteckt und so überlebt. Heute erzählt der 49-jährige Taxifahrer seine Geschichte.

François Kabagema kann sein ehemaliges Viertel Gikundo, auf einem der vielen Hügel von Kigali, kaum erkennen. Der alte, steile Feldweg von 1994 ist inzwischen eine bessere Straße geworden, gesäumt von prachtvollen Villen. Oben auf dem Berg gibt es noch unbebaute Parzellen mit Wildwuchs und Gemüsegärten – ein kleines Vogelparadies. Kabagemas Schritt wird unsicherer. Der 49-Jährige sucht in seiner Erinnerung nach dem richtigen Weg. Vor zwei abgesägten Bäumen bleibt er plötzlich stehen. "Hier ist mein Zuhause. Es sind die Bäume, die ich gepflanzt hatte, als ich jung war. Ich hatte einen kleinen Garten und ein Häuschen."

Francois Kabagema zwischen den Bäumen, wo einmal sein Haus stand

Ein Entschädigung für sein zerstörtes Haus hat Kabagema nie bekommen

Kabagemas persönliche Geschichte des Grauens beginnt am 22. Februar 1994, sechs Wochen also vor dem Anfang der geplanten Massentötungen an den Tutsi in Ruanda. Seit Monaten schon arbeiten zu diesem Zeitpunkt die Planer des Genozids daran, die Hutu-Bevölkerung gegen die Minderheit der Tutsi aufzuhetzen. Hasstiraden und Gewaltaufrufe gegen die "Inyenzi" - "Kakerlaken" – sind täglich im berüchtigten Radio des Mille Collines (RTLM) zu hören.

Nach der Ermordung von zwei hochrangigen Politikern gehen Anhänger der Hutu-Milizen Interahamwe in Kigali auf Tutsi-Jagd. Sie kommen auch zum Haus in Gikundo, in dem Kabagema damals allein lebt. "Sie haben nachts bei mir angegriffen, im Haus geschossen und Granaten geworfen. Das Haus wurde zerstört, aber ich hatte Glück und konnte entkommen."

Auf der Flucht

Als langjähriger Mitarbeiter der französischen Botschaft hofft François Kabagema, im Gästehaus der Vertretung Schutz zu finden. Doch ein Diplomat, dem er vom Angriff auf sein Haus erzählt, weist ihn ab. "Er hat gesagt, das Gästehaus sei für Franzosen und nicht für Tutsi", erinnert er sich mit bitterer Stimme.

Aufgenommen wird der verängstigte Flüchtling von einem befreundeten französischen Entwicklungshelfer. Dort wohnt er noch, als der Völkermord am 7. April beginnt. Tag und Nacht hört François Kabagema Schüsse und Schreie. Hinter dem schweren Eisentor bei seinem Gastgeber fühlt er sich in Sicherheit.

Eingangstor der ehemalige französische Botschaft in Kigali

Hinter diesem Tor befand sich 1994 die französische Botschaft

Doch schon vier Tage später werden alle Ausländer aus Kigali evakuiert. Französische Soldaten kommen, um seinen Gastgeber abzuholen. Auch Kabagema hofft, mitgenommen zu werden. Doch er irrt sich wieder. "Ein Soldat hat gefragt: 'Was bist du denn, Franzosen oder Ruander? Antworte oder ich schieße auf dich!'" Als Kabagema die Wahrheit sagt, wird er aus dem Wagen rausgeworfen. "Dann haben sie das Auto gestartet und sind weggefahren."

Mehr als einen Monat bleibt Kabagema im verlassenen Haus, ernährt sich von Konservendosen. Er traut sich nicht einmal raus in den Garten: Nur hundert Meter entfernt gibt es eine Straßensperre der Regierungstruppen. Als im Mai ein Interahamwe-Chef befiehlt, das Viertel "zu säubern", geht die Flucht wieder los. Mit der Hilfe des Hausmeisters und eines Soldaten schafft Kabagema es, zur französischen Botschaft zurück zu fahren.

Neuanfang in Karambo

Im inzwischen verlassenen Botschaftsgebäude versteckt sich François Kabagema in der Bibliothek. Tagsüber stellt er sich still hinter die Bücherregale, um nicht entdeckt zu werden. Nachts bekommt er Essen vom Hausmeister. Am 4. Juli dann nehmen die Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front des heutigen Präsidenten Paul Kagame die Hauptstadt Kigali ein. Für Kabagema bedeutet das das Ende der ständigen Todesangst: "In den drei Monaten habe ich jeden Tag, jede Sekunde gedacht, dass ich sterbe!"

Wie viele Ruander versucht François Kabagema nach dem Völkermord, sich wieder dem Leben zuzuwenden. "Ich habe mich auf die Arbeit und auf mein Leben mit meiner Familie konzentriert." Im lebendigen Viertel Karambo baut er ein Haus. Heute verdient der dreifache Vater sein Brot als Taxifahrer.

In der Nachbarschaft wohnen sowohl Hutu als auch Tutsi-Familien. Aber niemand spricht darüber. So will es die offizielle Versöhnungspolitik der Regierung. Trotz aller Bemühungen hat François Kabagema den Mördern seiner Angehörigen nicht vergeben. An Rache denkt er allerdings nicht mehr. "Ich habe erkannt, dass Rache nichts bringt", sagt Kabagema, "wenn du jemanden tötest, der deine Familie ermordet hat, wirst du so wie er. Es gibt keinen Unterschied."

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