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Afrika

Drei-Kind-Politik zur Armutsbekämpfung?

Der Weltbevölkerungstag erinnert seit fünf Jahren an die rapide Vermehrung der Menschen auf der Erde. Ruanda versucht auf seine Art gegenzusteuern - allerdings stößt die Idee zur Geburtenkontrolle auch auf Abwehr.

drei Kinder in Ruanda (Foto: Marie-Christine Werner)

Viele Familien in Ruanda sind gegen eine staatlich verordnete Geburtenkontrolle

1987 überschritt die Zahl der Menschen auf dem Globus die Marke von fünf Milliarden – für die Vereinten Nationen war das ein Anlass, den Weltbevölkerungstag ins Leben zu rufen. Jedes Jahr am 11. Juli soll die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Weltbevölkerung gelenkt werden, die unaufhörlich zunimmt: Knappe sieben Milliarden Menschen leben heute auf der Welt, im Jahr 2050 soll es über neun Milliarden Erdenbürger geben. Afrikanische Entwicklungsländer werden einen großen Teil zu diesem Bevölkerungswachstum beitragen, so die Prognosen der UN. Nicht nur Entwicklungsorganisationen, sondern z. B. auch die ruandische Regierung versuchen, die hohen Geburtenraten zu bremsen. Sie stoßen dabei nicht nur auf Zustimmung.

Ruanderinnen haben im Durchschnitt sechs Kinder - zum Vergleich: in Deutschland bekommt eine Frau durchschnittlich ein bis zwei Kinder. Dass die hohen Geburtenraten in afrikanischen Ländern ein Grund für Armut und Unterentwicklung sind, darüber ist die Weltgemeinschaft sich einig. Auf dem UN-Bevölkerungsgipfel 1994 in Kairo setzten deshalb 179 Länder das Ziel, mit Investitionen in Bildung und Empfängnisverhütung die Geburtenraten in ärmeren Ländern zu senken.

"Versteckter Rassismus"

Der Ökonom Rwacumika Nkamuhayo vom Panafrican Movement glaubt allerdings nicht, dass Afrikas Probleme mit dem hohen Bevölkerungswachstum zu tun haben – er findet diese Diskussion scheinheilig: "Die ganze Argumentation gegen zu hohes Bevölkerungswachstum in Afrika kommt aus Europa und Amerika. Im Grunde steckt Rassismus dahinter und eine globale Kampagne. Mit welchem Recht kann man denn in ein Land gehen und den Menschen sagen: Ihr seid zu viele?“

Viele Einwohner sind nicht zwingend ein Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung einer afrikanischen Region – das sagt Detlef Müller-Mahn, Professor für Bevölkerungsgeografie an der Universität Bayreuth. Er weist auf zwei Seiten der Diskussion über den Vorwurf der „zu vielen Menschen“ hin. "Man muss schauen, für wen viele Einwohner ein Problem sein könnten", sagt Müller-Mahn. "Sie sind zunächst mal ein Problem für die Volkswirte, die Entwicklung im wesentlichen über ökonomische Indikatoren berechnen. Das pro-Kopf-Einkommen wird durch eine wachsende Bevölkerung beeinträchtigt – einfach, weil es auf mehr Menschen verteilt wird. Auf der anderen Seite ist es völlig richtig, dass mehr Menschen – vor allem ausgebildete Menschen – ein Potenzial sind für die wirtschaftliche Entwicklung." In ländlichen Gebieten könne man sehen, dass eine höhere Bevölkerungsdichte nicht zwangsläufig zu einer übermäßigen Nutzung von Ressourcen führe. Man brauche sogar in vielen Gebieten eine höhere Zahl von Menschen, um komplizierte Landnutzungssysteme zu erhalten.

Ruandas Drei-Kind-Politik

Der ruandische Präsident Paul Kagame (Foto: ap)

Der ruandische Präsident Paul Kagame

Land und Wasser sind knapp, das Bildungs- und Gesundheitssystem ist überlastet, und so bleibt der Weg aus der Armut versperrt – das sagen Experten häufig, wenn sie nach Gründen für die ökonomischen Schwierigkeiten Afrikas suchen. Die Regierung von Ruanda arbeitet mit Hochdruck gegen diese Probleme an: Hier gilt seit einem Jahr zum Beispiel die "Drei-Kind-Politik". Bis 2020 will Präsident Paul Kagame aus dem Agrarland Ruanda eine Dienstleistungsnation machen. Das geht nur, wenn die vorhandenen Staatsmittel auf weniger Menschen verteilt werden müssen, heißt es aus Regierungskreisen.

Nkamuhayo bestreitet allerdings diese Logik der Regierung und liefert ein Gegenargument: "Eine große Bevölkerung führt nicht zwangsläufig zu Armut – das trifft auf Afrika nur zu, weil unsere eigentlich reichen Ressourcen von zwei Seiten beschlagnahmt werden. Das ist zum einen die reiche Elite des Landes, zum anderen aber sind es die westlichen Länder. Dorthin fließt ja schließlich ein Großteil unserer Ressourcen."

Eine ausgeglichene Verteilung der Ressourcen in Afrika sei der Schlüssel zu mehr Produktivität und Wohlstand, meint Nkamuhayo. Und so kann der Ugander der Drei-Kind-Politik seines Nachbarlandes überhaupt nichts abgewinnen.

Bevölkerung ist gegen Geburtenkontrolle

Der Bevölkerungsforscher Detlef Müller-Mahn betrachtet die Sache zwar nüchterner, aber auch er hat seine Zweifel an einer staatlich verordneten Kinderzahl. Reaktionen in der Bevölkerung hätten oft gezeigt, dass eine Politik der Geburtenplanung abgelehnt weirde. "Kinder haben in Afrika eine ganz andere Bedeutung als bei uns", meint Müller-Mahn, "sie sind wichtig, sie haben ein hohes kulturelles Ansehen bei den Familien, und zu versuchen, hier jetzt in solche Zusammenhänge mehr oder weniger durch Druck einzugreifen, ist eigentlich kontraproduktiv."

Afrikanische Kinder (Foto: ap)

Sind die vielen Kind Schuld an der verbreiteten Armut auf dem Kontinent?

Ob die Drei-Kind-Politik sich in der ruandischen Gesellschaft durchsetzen kann, ist nach einem Jahr noch nicht absehbar. Die Erinnerung an den Genozid ist im Land allgegenwärtig – und das Streben nach einer großen Familie oft umso stärker. Auch David Mshila vom Kenia-Büro der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung findet es fragwürdig, dass ein Staat den Menschen die Familienplanung diktiert. "Man muss hier ein Gleichgewicht finden. Schließlich handelt es ich bei der Familienplanung ja auch um ein Menschenrecht. Aber davon abgesehen weiß ich nicht, wie Ruanda die Einhaltung von drei Kindern pro Familie kontrollieren will."

Informieren statt kontrollieren

Mshila teilt zwar die Ansicht, dass die hohen Geburtenraten in Afrika sinken müssen. Seine Organisation verfolgt dieses Ziel aber mit einem weicheren Ansatz. "Wenn wir die Geburtenzahl beeinflussen wollen", sagt er, "müssen wir sicherstellen, dass jeder in der Bevölkerung Zugang zu Verhütungsmitteln hat. Außerdem ist auch bekannt, dass besser ausgebildete Frauen später heiraten und weniger Kinder bekommen."

Die hohe Kinderzahl in afrikanischen Familien sei keinesfalls immer gewollt, betont David Mshila. Daher zielt die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung darauf ab, die Menschen in ihrer Selbstbestimmung in der Familienplanung zu unterstützen. So unterschiedlich die Sichtweisen über das Bevölkerungswachstum in Afrika sind – aufhalten werden sie den rasanten Kurs wohl allesamt nicht. Auf einem Kontinent, wo es so gut wie keine staatlichen Rentensysteme gibt, gelten Kinder immer noch als die sicherste Altersvorsorge.

Autorin: Regina Mennig
Redaktion: Martin Schrader