1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Dreh mir den Film vom Leben

Hollywood. Die Traumfabrik, das El Dorado der Moderne. Für die Lebenden, und neuerdings auch für die Toten. Für sie leuchtet auf dem Hollywood Forever Friedhof ein ganz besonderes ewiges Licht: das ewige Rotlicht.

default

Stilles Gedenken? Doch nicht in Hollywood!

Tyler Cassity ist Firmenchef und Friedhofsbesitzer. Er betreibt den Hollywood Forever Friedhof in Los Angeles, der direkt an die Paramount Studios angrenzt. Hier liegen 88.000 Menschen aus mehr als einem Jahrhundert begraben. Unter anderen der Stummfilmstar Rudolfo Valentino und die erste schwarze Oskar-Gewinnerin Hattie McDaniel. Aber es sind noch Plätze frei – auf dem Friedhof und im Cyberspace. Mit Fotos, Videos oder schriftlichen Botschaften können sich Verstorbene auf Forevernetwork.com quasi posthum ein letztes und dauerhaftes Mal an ihre Angehörigen, Freunde und den Rest der Welt richten.

Video-Nachruf in Überlänge

Das ist im Prinzip nicht neu, denn so genannte Internet-Friedhöfe gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre auch schon in Deutschland. Neu ist, dass Forevernet das Leben seiner Kunden auf Wunsch schon ab der Geburt mit einem Kamerateam in vielen kleinen Episoden begleitet. So entsteht schon zu Lebzeiten ein Video-Nachruf in Überlänge. Im Trauerfall wird die Friedhofskapelle dann zum Gedenkkino. Anschließend kann man den Film nicht nur im privaten Wohnzimmer der Angehörigen und im öffentlichen Wohnzimmer Internet anschauen, sondern auch an Video-Terminals auf dem Friedhof selbst.

Exportschlager Hollywood?

Tyler Cassity ist mit dieser Idee zum Millionär geworden. Er besitzt noch sieben weitere Friedhöfe in den USA und seine Filmteams sind überall ausgebucht.

Nach Deutschland läßt sich die Idee aber kaum exportieren. Friedhöfe werden in Deutschland fast ausnahmslos von öffentlichen Trägern wie Städten, Gemeinden und Kirchen betrieben. Nur im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist den Kommunen seit dem 1.September 2003 die Privatisierung von Friedhöfen erlaubt. Grundlage dafür ist ein umstrittenes Landesgesetz, dass zudem die Sargpflicht bei Beerdigungen abgeschafft hat. Die ursprünglich ebenfalls geplante private Aufbewahrung von Urnen auf dem heimatlichen Kaminsims scheiterte am Widerstand der christdemokratischen Opposition. Sie vertrat auf dem politischen Parkett die Meinung der Kirchen. Die betonten, dass die Menschenwürde durch eine unangemessene, private Aufbewahrung von Urnen gefährdet sei. Eine echte Totenruhe sei nur unter dem Schutz der Gemeinschaft möglich – auf dem Friedhof.

Von der Prostitution zum Video-Nachruf

Dabei war es da früher auch mal lauter. Im Mittelalter lagen die Friedhöfe nicht wie heute am Stadtrand, sondern direkt neben den Kirchen und damit im Stadtzentrum. Laut Kerstin Gernig vom Kuratorium deutscher Bestattungskultur herrschte auf Friedhöfen reges menschliches Treiben vom Handel bis zur Prostitution.

Statt käuflicher Liebe also jetzt käufliche, materielle Unsterblichkeit durch die Verewigung auf Videos? Das ist auch für Kerstin Gernig ein eher ungewohnter Gedanke: "Ein wesentlicher Bestandteil der Trauerarbeit ist, dass der Verstorbene den Augen der Hinterbliebenen entzogen wird." Eine derart materialisierte Auferstehung stehe zudem im Widerspruch zur überwiegend christlich geprägten Kultur in Deutschland.

Deutschland sucht das Supergrab

Das schließt eine buntere, lebendigere Gestaltung der Friedhöfe allerdings nicht aus. So wehrten sich zum Beispiel auch die Kirchen nicht gegen eine Aktion der deutschen Verbraucherinitiative für Bestattungskultur, "Aeternitas". Die hatte im Internet zur Abstimmung über 60 innovative Grabmäler augerufen. Per Mausklick wurde so das "Supergrab" ermittelt: ein Pflasterstein mit einem überdimensionalen, vergoldeten Fingerabdruck des Verstorbenen. Und das erinnert doch auch schon ziemlich an Hollywood...

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links