1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Dramatisches Werben um Vertrauen in Cannes

Es sollte der krönende Abschluss des französischen G20-Vorsitzes werden. Stattdessen wird der Gipfel von Cannes als großes Drama in die Geschichte eingehen.

Symbolbild Kommentar (Grafik: DW)

Geschichte wollte er schreiben, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Auf dem Gipfel der zwanzig mächtigsten Staaten der Welt im mondänen Badeort Cannes sollten neue Ideen für eine neue Welt diskutiert werden. Den Rohstoffspekulanten und Finanzjongleuren zum Beispiel wollte der Président de la République das Handwerk legen. Doch es kam alles ganz, ganz anders. Geschichte hat der G20-Gipfel von Cannes in der Tat geschrieben, aber eine völlig andere als sie im Drehbuch stand.

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion (Foto: DW)

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Noch nie, seit es die Treffen der G7, später G8 und nun seit drei Jahren der G20 gibt, hat es eine solch chaotische Zusammenkunft von Staats- und Regierungschefs in diesem Rahmen gegeben. Man hatte das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem mehrere Gipfeltreffen parallel stattfanden. Gehetzte Staatsoberhäupter, die von morgens bis Mitternacht von einem Krisentreffen zum nächsten eilten. Termine, die im Stundentakt angesetzt und abgesagt wurden. Man musste fast schon froh sein, dass es die Zwanzig zwischendurch immer wieder schafften, sich an einem Tisch zu treffen. Und das alles wegen eines kleinen Landes am südöstlichen Rand Europas.

Der einsame Entschluss von Griechenlands Premier Giorgos Papandreou, sein Volk über das Euro-Hilfspaket abstimmen zu lassen, war der Auftakt zu einer turbulenten Woche, wie sie Europa lange nicht mehr erlebt hat. Erst Schockstarre, dann ein wütender Nicolas Sarkozy, der sofort wusste, dass seine schönen Gipfel-Pläne durch Papandreou zu Makulatur geworden waren. Es begann ein hektisches Krisenmanagement: Schließlich waren die Gäste aus aller Welt im Anflug: Ob aus den USA, China, Indien, Brasilien, Russland und anderswo. Die würden schließlich Fragen stellen, was denn los sei im guten alten Europa. Entschlossenheit war also angesagt – und die wurde zumindest gegenüber Athen demonstriert. Robuste Worte – das dürfte noch eine sanfte Umschreibung dessen gewesen sein, was sich der herbei zitierte Papandreou anhören musste. In ihrer Wut brachen die Europäer – endlich, muss man sagen – mit einem Tabu: Um den Euro zu retten, müssten die Griechen den Euroraum notfalls auch verlassen.

Trotz dieser klaren Worte: Die Europäer haben vor ihren Gästen keine gute Figur abgegeben – und schlimmer noch: Sie haben eine Menge Vertrauen verspielt. Die Chinesen und anderen potente Investoren werden sich jetzt dreimal überlegen, europäische Staatsanleihen zu kaufen. Sie stellen die einfachen Fragen: Wieso habt ihr eine Währung, eine Zentralbank – aber 17 souveräne Staatshaushalte in der Eurozone? Das kann doch gar nicht funktionieren. Ja, müssen die Europäer dann klein beigeben, das ist leider ein Konstruktionsfehler, den wir noch korrigieren müssen.

In diesem ganzen Durcheinander gingen einige Dinge fast unter, die die G20 am Ende doch noch auf den Weg brachten. So wurde ein erster Pflock eingeschlagen, um die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln weltweit zu begrenzen. Die Regulierung der Finanzmärkte soll auf den Markt der sogenannten Schattenbanken ausgedehnt werden, wo immer häufiger Hedgefonds und andere Institutionen außerhalb des Bankensektors agieren. Deren Geschäfte machen mittlerweile mehr als ein Viertel der weltweiten Finanzaktivitäten aus – gänzlich unkontrolliert und entsprechend hochriskant. Auch hier gilt: Ein Anfang wurde gemacht, mehr nicht. Denn den Finanzmärkten Zügel anzulegen, so wie es die G20 beim ersten Gipfel vor drei Jahren in Washington vollmundig angekündigt hatten, erweist sich als extrem schwierig. Aber immerhin: Die ganz großen Geldhäuser müssen sich so aufstellen, dass sie im Falle eines Crashs nicht wieder vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Das steht auf der Habenseite von Cannes.

Freilich blieb vieles auf der Strecke. Für Probleme wie Hungerkatastrophen oder Klimawandel hatten die Gipfelteilnehmer schlicht keine Zeit. Auch die großen Hoffnungen auf eine Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte wurden zunichte gemacht. Das verkam zu einer eher peinlichen Fußnote in der Abschlusserklärung. Vielleicht könnten die Euroländer sich dazu durchringen, eine solche Steuer einzuführen. Das Problem: Sie haben im Moment wirklich andere Sorgen. Denn die schwere Krise Europas – sie ist auch nach den hektischen Gipfeltagen noch lange nicht gelöst. Der nächste Sprengsatz wartet schon nur eine Autostunde von Cannes entfernt: Im benachbarten Italien.

Autor. Henrik Böhme, zurzeit Cannes
Redaktion: Daniel Scheschkewitz