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Kultur

Dr. Caligari ist zurück

Mit Theater ohne Worte begann Robert Wilson seine Weltkarriere. In Berlin setzt der amerikanische Multi-Artist jetzt einen wortlosen Stoff in Szene: "Dr. Caligari", nach Motiven des großen deutschen Stummfilm-Erfolgs.

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Christian Grashof ist Wilsons Inkarnation des Bösen

Was bis dato auf der Bühne des Deutschen Theaters noch nicht erreicht war, glückt erstmals 1920 auf der Leinwand: "Der Film spielt – endlich! endlich! – in einer völlig unwirklichen Traumwelt", jubelte Kurt Tucholsky. Robert Wienes einziger Welterfolg "Das Cabinet des Dr. Caligari" war eine reine Studio- und Kulissenproduktion mit Bauten der Berliner "Sturm"-Bewegung. Bis heute wird der expressionistische Klassiker als ein Schlüsselwerk der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg interpretiert.

Zwischen Traum und Wirklichkeit, Alptraum und Wahn verwischen die Grenzen des 1920 uraufgeführten Stoffes: Ein Thema wie geschaffen für Robert Wilson, dessen architektonisch durchgestaltete Traumspiele um die Welt gehen. Nach seiner legendären Freischütz-Bearbeitung "The Black Rider" widmet sich Wilson nun wieder einem deutschen Stoff.

Die Bühne des Zauberers

Deutsches Theater Berlin, Szenenfoto, Doktor Caligari 2002 Fotografin:Lesley Leslie Spinks

29 Bilder über drei Akte, gespielt in zweieinhalb Stunden: Wilson liefert einen Bilderzauber - fast wie von der Filmrolle. Wie in der stummen Vorlage, so sprechen auch seine Darsteller nicht. "Mord, Mord!", raunt eine Stimme wie früher die des Kinoerzählers aus dem Off. Vor einem nachtblauen Bühnenhorizont taumelt langsam von links oben – klein, aber deutlich sichtbar - der Buchstabe M in Richtung Bühnenboden. Zweidimensional wie Scherenschnitte heben sich die Gestalten der Darsteller gegen den Horizont ab. Ein weiteres, größeres M setzt aus der Bühnenmitte seinen Weg an. Und schließlich zeichnet sich der riesenhafte Schenkel eines dritten M gegen das Blau ab - läßt eine weiße Häuserzeile, die sanft über die Bühne gleitet, daneben winzig erscheinen.

Wilson arbeitet mit Kontrasten, setzt das Licht minutiös ein, um auf seine Höhepunkte zuzusteuern. Wenn Caligari (Christian Grashof) seinen Arm exaltisch in die Höhe reißt, wechseln Blautöne in giftiges Grün, sattes Gelb oder ein leuchtendes Signalrot. Donnergrollen und swingende Musik (Michael Galasso) live aus dem Orchestergraben begleitet den auf ein Podest zutänzelnden Caligari. Dort reißt er seinen steifen Gehrock auf und entblößt sein Glied. Immer wieder durchbricht Wilson die diffuse Ungewissheit der Atmosphäre, indem er parodistische Momente einfügt. Sein Caligari ist gleichzeitig Murnaus Nosferatu, der lefzend und lüstern grinsende Vampir.

Verwirrspiel auf die Spitze getrieben

Dr. Caligari

Dr. Caligari und seine Medien: Cesare unter Wilson gleich doppelt

"Wo bleibt Cesare?", erschallt es wieder aus dem Off. Eine Kleinstadt in Aufruhr: der Hypnotiseur Caligari lässt durch sein Medium, den schlafwandelnden Cesare mehrere Menschen töten. Doch da taucht eine weitere Figur auf, die sich zum Mord bekennt. Ist Caligari wirklich der Drahtzieher der Mordserie? Als der Hauptverdacht auf ihm lastet, flieht er in eine Irrenanstalt. Seine Verfolger entdecken jedoch, dass der Direktor des Instituts und Caligari identisch sind. Wie im Original suggeriert eine Rahmenhandlung, dass die düstere Geschichte lediglich die Wahnvorstellung von Franzis, dem Erzähler ist.

Wilson treibt das Verwirrspiel noch weiter. Gleich in doppelter Darstellung hält er die Figuren des somnambulen Cesare und der naiven Jane an seinen Fäden - Ein ins Grenzenlose getriebenes Spiel von Marionetten, gesteigert auch durch das extrem Langsame und Mechanische der Bewegungen. Wilson fordert den Zuschauer zu aktivem Dabeisein heraus. Zu interpretieren ist nicht das Entscheidende. Aktiv zu sein bedeutet statt dessen einzutauchen in die sinnliche Welt, die der Bühnen-Magier uns bietet.

Big eyes, big smile

Deutsches Theater Berlin, Szenenfoto, Doktor Caligari 2002 Fotografin:Lesley Leslie Spinks

Christian Grashof gekonnt exaltiert

Quer durch alle Gewerke des Deutschen Theaters stellt die Wilson-Inszenierung eine Rückkehr zum Handwerk dar. Wochenlanges, anstrengendes Proben ging der Premiere voraus. Die Schauspieler des Sprechtheaters müssen zurück in die Urgründe ihrer Mimenkunst: Gebärdensprache. Wo sonst als in einer stummen Rolle sind Acteure so sehr auf ihren Körper als beinahe einzigem Handwerkszeug fixiert? "Big eyes, big smile!", ruft Wilson den Schauspielern des Deutschen Theaters immer wieder zu.

Die aufreibenden Proben haben sich bezahlt gemacht.

Noch längst nicht abgenutzt

Bob Wilson macht nicht Theater, so wurde jüngst wieder nach der Premiere kritisiert: Er designt es. Sicherlich, welchen Stoff der Texaner auch immer in die Hand nimmt, er gerät zum Produkt seiner ureigenen Ästhetik. Ihm das vorzuwerfen wäre allerdings auch nur ein Plagiat. Seine Berliner Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk. Auch wenn die Präzision in der Synchronisation von Licht, Musik und Schauspiel nicht immer hundertprozentig perfekt ist, es bleibt ein einzigartiges Theatererlebnis. Im Bann der Wilson-Bilder: Ohne Worte!

Christine Gruler

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